Berlin-Potsdamer Eisenbahn
Der Versuch auf der Wannseebahn
Wissenschaftliche Plaudereien von Hans Dominik
Berliner Tageblatt • 8.3.1903
Nach naturwissenschaftlicher Auffassung sind Experimente Fragen, die der forschende Mensch an die Natur stellt. Werden solche Fragen geschickt gestellt, so gibt die Natur auch eine freundliche Antwort. Wie es aber auch unschlaue Fragen gibt, auf die mit Recht und Fug keine Antwort erwartet werden kann, so kommen gelegentlich Experimente vor, die besser unterblieben, weil sie nichts neues offenbaren können.
Ein solches Experiment ist seinerzeit die Einlegung eines elektrischen Versuchszuges auf der Wannseebahn bei Berlin gewesen. An und für sich ist diese Strecke für einen elektrischen Betrieb geeignet wie kaum eine zweite. Auf der 28 km langen Strecke Berlin –
Die Zeitverluste auf den Stationen setzen sich aus drei Teilen zusammen.
Erstens muss der Zug vor dem Einfahren bereits seine Geschwindigkeit verlangsamen, er muss bremsen. Ein Zug, der halten soll, kommt also schon etwas später auf einer Station an als ein anderer, der mit ihm vorher auf gleicher Höhe war und ungebremst durchfährt. Das kann man recht deutlich auf der Berliner Stadtbahn beobachten, wenn ein Stadtbahn- und ein Vorortzug sich gleichzeitig einer Station nähern. Durch starkwirkende Bremsen lässt sich hier aber manches bessern. Bei aller Rücksicht auf die Passagiere kann man, wie das jetzt schon auf der Hochbahn geschieht, die Fahrgeschwindigkeit während der Bremsung in jeder Sekunde um einen Meter verlangsamen. Ein Zug, der mit Kurierzuggeschwindigkeit von 72 km/h, das heißt mit 20 m in der Sekunde fährt, kommt dabei aber innerhalb 20 Sekunden zum Stillstand und braucht dabei nur einen Bremsweg von 210 m. Ein glatt weiterfahrender Zug würde für diese 210 m auch immerhin 10 Sekunden gebraucht haben, so dass die Bremsung tatsächlich nur einen Zeitverlust von 20 weniger 10 gleich 10 Sekunden beansprucht hat.
Nun kommt der zweite Teil des Zeitverlustes, der wirkliche Aufenthalt auf der Station. Hier kommt alles auf die Erziehung des Publikums an, welches schnelles Ein- und Aussteigen noch lernen muss. Gerade auf der Berliner Hochbahn sieht man gelegentlich träumerische Philosophen mit ganz unzulässig geringen Eigengeschwindigkeiten in die Wagen schreiten, während hinter ihnen das andere Publikum vor Ungeduld brennt. Unter Voraussetzung eines gut geschulten Reisepublikums dürften die Aufenthalte überall mit 30 Sekunden erledigt sein.
Bis hierhin sind elektrischer und Dampfbetrieb gleichwertig. Nun kommt aber die dritte Quelle des Zeitverlustes, die Anfahrperiode, und hier versagt der Dampfbetrieb vollständig. Um den Zug in Bewegung zu setzen, muss man gehörig Arbeit aufwenden, einmal, um die verschiedenen Reibungswiderstände zu überwinden, dann aber auch, um die Masse des Zuges zunächst einmal in Schwung zu bringen. Diese Beschleunigungsarbeit kann ein Vielfaches der gewöhnlichen Fortbewegungsarbeit werden. Beispielsweise brauchten die Fernschnellwagen auf der Versuchsstrecke Berlin –
Ein Dampfbetrieb mit einer Streckengeschwindigkeit von 72 km/h wäre für die Verhältnisse der Wannseebahn ganz ausgeschlossen, denn der Zug würde diese Geschwindigkeit ungefähr eben erst erreicht haben, wenn er vor der nächsten Station wieder bremsen müsste.
Nehmen wir dagegen einmal an, dass ein elektrischer Betrieb nach den im Vorigen ausgeführten Daten eingerichtet würde. Wir hätten dann 11 Stationen, welche eine Strecke von 11 × 426 m, das heißt etwa 4,6 km für Brems- und Anfahrwege erledigten und dafür die Zeit von 770 Sekunden = 12,5 Minuten in Anspruch nehmen. Der Rest der Strecke 28 km weniger 4,6 km = 23,4 km wurde mit einer Geschwindigkeit von 72 km/h durchfahren werden, also noch eine Fahrzeit von etwa 19,5 Minuten beanspruchen. Insgesamt würde die Strecke also bei einem rationellen elektrischen Betrieb in 32 Minuten zurückgelegt werden können, während jetzt 56 Minuten benötigt werden.
Die gegenwärtig als Bummelzüge ganz übel berüchtigten Verkehrsmittel der Wannseebahn würden dann aber, trotzdem sie auf 10 Zwischenstationen halten, nur 2 Minuten längere Fahrzeit haben als gegenwärtig die durchgehenden Dampfzüge.
Dass die aufgestellte Rechnung keine Unmöglichkeiten enthält, beweist unter anderem eine Dauerfahrt auf der Versuchsstrecke Berlin –
Was hat man dagegen auf der Wannseebahn getan? Man hat einen der gebräuchlichen Züge mit Elektromotoren ausgerüstet und ihn zwischen die Dampfzüge eingelegt. Für dieses Beginnen ist nicht so sehr die ausführende Firma als vielmehr die Bahnverwaltung verantwortlich zu machen, welche ein derartiges Experiment haben wollte. Man kann der Siemens &
Man stelle sich einmal vor, der Staat kaufte die Berliner Hochbahn und setzte seine alten Stadtbahnzüge, um sie nützlich zu verwerten, zwischen die Hochbahnzüge. Begreiflicherweise wäre in demselben Moment jeder Vorzug der Hochbahn vernichtet.
Nun könnte man wohl einwerfen, man habe bei den Wannseebahn-Versuchen nicht die speziellen Vorzüge des elektrischen Betriebes, sondern die Wirtschaftlichkeit desselben studieren wollen. Demgegenüber ist zu erwidern, dass man dann nun und nimmermehr einen einzelnen Zug hätte einlegen dürfen, sondern dass der ganze Betrieb hätte elektrisiert werden müssen. Für einen einzelnen Zug wird ja die Elektrizitätserzeugung sehr viel teurer, und es kommen ganz andere Ansätze für die Amortisation und Verzinsung der Stromzuführungsanlage zur Geltung als bei völligem elektrischen Betrieb. Man muss also, um ein wirkliches Bild der Wirtschaftlichkeit zu geben, die Rentabilitätsergebnisse der Wannseebahn versuche mit Verhältnisziffern bearbeiten, und dadurch verlieren sie natürlich den Charakter des unmittelbar gewonnenen Versuchsergebnisses.
So bliebe denn noch die letzte Erwiderung, man habe nur einmal den wirklichen Kraftverbrauch eines elektrischen Vollbahnzuges feststellen wollen, und die Ergebnisse dieser Messung seien auch sehr wertvoll gewesen. Dazu hätte man am Ende aber wirklich keine Stromzuführungsanlage Berlin –
Jedenfalls sollte man nun im sachgemäßen Ausbau der Anlage schleunigst fortfahren und dabei nicht nur auf die Rentabilität, sondern noch viel mehr auf die spezifischen Vorzüge des elektrischen Betriebes, nämlich die Verbindung vieler Haltestellen mit hoher Reisegeschwindigkeit, achten.
Einem ›on dit‹ zufolge ist im Eisenbahnministerium auf den Mann des Ja-Aber ein Mann des Ja-Also gefolgt. Also möge die Elektrisierung der Berliner Vorortstrecken, in erster Linie diejenige der Wannseebahn, diesen Ruf festigen. Laufen auf der Wannseebahn erst elektrische Züge mit 32 Minuten Gesamtfahrzeit, so werden ganz von selbst die Sonderbestrebungen der Anlieger aufhören, für ihren eigenen Ort eine Haltestelle der durchgehenden Züge herauszuschlagen und dadurch wieder den Wert dieser Züge zu mindern.