Handel & Industrie – Handwerk
Der Gerber
Galerie der vorzüglichsten Künste und Handwerke • 1830
Ein Gerber ist derjenige Handwerker, welcher die Häute der Tiere auf verschiedene künstliche Art zubereitet, dass sie zu Kleidungsstücken und mancherlei Bedürfnissen können gebraucht und verarbeitet werden. Die Gerber teilen sich in zwei voneinander verschiedene Klassen und sind entweder Lohgerber, die auch Rotgerber genannt werden, oder Weißgerber.
Der Lohgerber beschäftigt sich damit, größere Tierhäute, Rindsleder, Rossleder und Kalbsleder, vermittels der sogenannten Lohe gar zu machen. Diese Gerberlohe wird von Baumrinde und vorzüglich von Eichen gemacht, und besitzt die Kraft, die Dunstlöcher der Häute zusammenzuziehen und ihnen dadurch Festigkeit zu geben. Da nun das Leder von der Lohe, eine braunrote Farbe bekommt, so werden die Lohgerber auch Rotgerber genannt.
Wenn eine Tierhaut soll gegerbt oder zugerichtet werden, so muss sie vor allen Dingen vom Blut und Schmutz gereinigt werden, indem sie in fließendes Wasser gehängt und dieses alsdann wieder herausgestrichen wird. Wenn dies geschehen ist, so muss die Haut von allen Haaren gesäubert werden, welches bei dem sogenannten Fahlleder, Rindsleder, dadurch bewerkstelligt wird, dass die Haut in den Kalkäscher gebracht wird, welches eine Beize von Kalk in einer Grube ist, worin gewöhnlich fünfzig Häute zugleich gebeizt werden. In dieser Beize müssen die Häute mehrere Wochen liegenbleiben und öfters umgewendet oder aufgeschlagen werden, damit sie nicht von dem Kalk angefressen werden; worauf die Haare abgepellt und die Häute von allem Kalk gereinigt und ausgestrichen werden, weshalb sie in das Wasser gehängt und an der Waschbank befestigt werden, wo sie dann einige Tage hindurch in dem Wasser schwimmen müssen, damit das Wasser den Kalk völlig herausziehen kann, und die noch zurückgebliebenen Kalkteile werden auf dem Schabebaum mit dem Schabeisen auf der Fleischseite der Häute herausgestrichen. Hierauf werden die Häute wiederum in das Wasser gehängt und auf dem Schabebaum auf der Narbenseite mit einem Glättstein geglättet, worauf sie nochmals mit dem Streicheisen gestrichen und nicht allein dadurch von allem Kalk völlig gereinigt, sondern auch sehr geschmeidig werden. Nunmehr kommen die Häute in die erste Farbe, worin sie getrieben werden. Diese Farbe besteht aus eichender Lohe, die mit heißem Wasser abgebrüht und in ein Farbenfass gegossen wird, wozu alsdann etwas saure Brühe hinzugefügt wird. In dieser Farbe müssen die Häute täglich einige Mal mit Krücken umgerührt oder auch wohl auf Brettern aufgeschlagen werden, damit die Brühe sich überall auf dem Leder verbreite. Wenn die Häute einige Tage hindurch in dieser Farbe gelegen haben, so werden sie herausgenommen, worauf die alte Lohe mit einem Fischkorb aus dem Farbenfass aufgefischt und dafür neue Lohe in die erste Brühe geschüttet wird, wo alsdann die Häute zum zweiten Mal in diese Farbe geworfen und wie vorher behandelt werden. Wenn sich alle Kraft aus der Lohe in die Häute eingezogen und diese durchaus braun gefärbt hat, so werden sie in die Lohgrube eingesetzt. Diese Lohgrube ist eine in der Erde mit Bohlen ausgeschälte größere oder kleinere Grube, worin das Leder mit Lohe gar gemacht wird. In dieser Lohgrube müssen die Häute in verschiedenen Sätzen mehrere Wochen liegen, worauf sie endlich herausgenommen werden und lohgar sind. Durch mancherlei andere Behandlung wird alsdann das Leder noch weiter bearbeitet, je nachdem es zu dem einen oder dem anderen Zweck dienen soll.
Hierher gehört unter anderen: 1) das Falzen. Weil das Rindsleder zu dick ist, so wird die Haut auf dem Falzbock ausgebreitet, und auf der Fleischseite mit dem sogenannten Falzeisen, das der Gerber an den Handgriffen beider Seiten mit beiden Händen fasst, dünner geschabt, welches falzen heißt. Ferner gehört 2) hierher: das Krispeln. Damit nämlich das Fahlleder Narben bekommt, so wird die Haut auf eine Tafel ausgebreitet und an dem Rand der Tafel mit eisernen Klammern befestigt, worauf die Narben des Leders mit dem sogenannten Krispelholz erhoben werden, indem mit der eingekerbten Seite des Krispelholzes, auf dem Leder hin und her gefahren wird. Gewöhnlich wird eine Haut dreimal gekrispelt, so dass das erste Mal die Narbenseite, das zweite Mal die Fleischseite und das dritte Mal wieder die Narbenseite oben liegt. Endlich gehört noch 3) hierher das Pantoffeln. Wenn nämlich das Leder zu gewissen Zwecken nicht gekrispelt wird, sondern pantoffelt werden soll, so wird das Leder mit einem Brett abgerieben, das dem Krispelholz völlig gleich ist, nur dass auf der einen Seite, wo das Krispelholz eine Kerbe hat, bei diesem Kork- oder Pantoffelholz aufgeleimt ist. Das fertig gegerbte Schmal- oder Fahlleder wird alsdann auch noch geschlichtet.
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Es wird nämlich in den sogenannten Schlichtrahmen gespannt und mit einer runden eisernen, mit einer scharfen Schneide versehenen Scheibe, welche der Schlichtmond heißt, geschlichtet, oder auf der Fleischseite dünner gemacht. Der Schlichtrahmen besteht aus einem langen Baum, der mit dem einem Ende in der Wand befestigt ist, mit dem anderen Ende aber auf einem Kreuzholz liegt. In einer Rinne des Baums liegt ein dünner Stab, zwischen welchem die Haut gelegt wird, indem der Stab mit Schnüren aufgebunden wird; die anderen Spitzen und Enden der Haut werden durch die Schlichtzange, welche der Gerber an einem Riemen um den Leib gebunden hat, gefasst und ausgespannt. Wenn das Fahlleder geschlichtet ist, so wird es nochmals mit einem feinen Krispelholz gekrispelt, damit die Narben kraus werden, worauf es völlig fertig ist.
Der Weißgerber unterscheidet sich dadurch von dem vorigen, dass er verschiedene schwache Leder, Schaf- und Hammelfelle, nicht mit Lohe, sondern mit Alaun gar und weiß macht. Die Leder werden bei dieser Art von Gerberei vorher in fließendem Wasser eingewässert, worauf sie auf den Streich- oder Abstoßbaum abgestrichen und durchgängig geschmeidig gemacht werden. Die Schaffelle, deren Wolle genutzt werden soll, müssen geschwödet werden, wobei auf folgende Art verfahren wird. Die Felle werden mit der Wollseite auf den Boden der Werkstatt ausgebreitet, und die oben liegende Fleischseite wird nun vermittels des sogenannten Schwödenwedels mit einem Brei bestrichen, der aus Kalk, gesiebter Asche und Wasser zubereitet wird. Alsdann wird das Fell zusammengelegt, doch so dass die Wolle von dem Kalkbrei nicht berührt werden kann. So zusammengeschlagen werden die Felle auf einen Haufen gelegt, wo sie einige Tage liegenbleiben, aber abwechselnd umgeworfen werden müssen, weil die Wolle verursacht, dass die Felle sich leicht erhitzen und verbrennen. Sind die Leder genug geschwödet, so dass die Wolle davon abgeht, so wird auf der Waschbank der Kalk rein ausgewaschen; dann werden die Felle auf den Rand der Waschbank zum Ablaufen des Wassers aufgehängt, und nunmehr wird auch die Wolle rein abgewaschen, weil sie durch das Schwöden schmutzig ward. Die Wolle wird nach dem Schwöden teils abgepflückt, teils auf dem Schabebaum abgestoßen.
Die Leder werden nunmehr Blößen genannt, und im Wasser gewaschen und alsdann in den Kalkäscher gebracht, zu dessen Zweck eine Grube zur Hälfte mit Wasser angefüllt, und zugleich in einem besonderen Gefäß Steinkalk gelöscht wird. Der gelöschte Kalk wird in den Äscher gegossen, und indem er wohl aufgerührt wird, wird eine Blöße nach der anderen ausgebreitet auf die Oberfläche des Kalkwassers geworfen und mit einem Stab hineingestoßen, damit sie zu Boden sinkt. Dieses Einwerfen und Untertauchen der Blößen muss sehr schnell geschehen, damit alle Blößen in den Äscher kommen, ehe sich der Kalk wieder setzen kann, und damit er sich gehörig zwischen den Blößen verteilen kann. Nachdem die Blößen einen oder mehrere Tage in diesem Kalkäscher gelegen haben, werden sie herausgenommen und auf- oder ausgeschlagen, worauf noch etwas Kalkwasser in den Äscher gegossen wird, und die Blößen wiederum mehrere Tage darin liegen müssen, wobei zu bemerken ist, dass die haarigen Felle länger als andere in diesem Äscher liegenbleiben müssen, worauf die Haare mit einem Stab abgerieben werden. Es kommt nun darauf an, ob die Blößen sollen sämischgar oder weißgar behandelt werden; zu der letztgenannten Gare werden meist die schlechtesten Felle gewählt. Wenn die Blößen aus dem Kalkäscher kommen, so werden sie auf dem Schabebaum verglichen, und eine Nacht hindurch eingeweicht, worauf sie auf dem Schabebaum gestrichen und von allem Kalkwasser gereinigt werden.
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Wenn dieses geschehen ist, so werden die Blößen in einem reinen Gefäß mit einer hölzernen Pump- oder Stoßkeule gestoßen oder gewalkt, und nach Verlauf einer halben Stunde wird Wasser zugegossen und mit diesem Walken einige Stunden lang fortgefahren. Hierauf werden die Leder rein ausgewaschen und auf den Fußboden der Werkstatt geworfen, damit das Wasser ablaufen kann. Nunmehr werden zehn bis zwölf Stück von den ausgewaschenen und mit lauwarmen Wasser gut ausgespülten Ledern zugleich auf den Schabebaum übereinandergelegt, und jedes einzelne Leder wird mit dem Streicheisen auf der Narbenseite gestrichen, nachdem sie vorher auch auf der Fleischseite gestrichen worden sind, wodurch die Grundhaare völlig abgenommen werden. Endlich werden sie noch zweimal in lauwarmen Wasser ausgespült und zum Ablaufen des Wassers auf dem Fußboden ausgebreitet, worauf die gereinigten Leder in die Kleibeize zum Garmachen kommen. Diese Beize wird aus Weizenkleien mit etwas Salz vermischt, und lauwarmen Wasser bereitet. Die Leder werden hierauf gereinigt und ausgewunden und mit Alaun und Salz gar gemacht. Nachdem jedes Fell gehörig durch diese Alaunbrühe gezogen worden ist und abgeträufelt ist, so wird es zusammengeschlagen und mit den Händen geklatscht, damit sich die Alaunbrühe völlig durchziehe, worauf die Felle in das reingemachte Kleienfass geworfen werden und einige Tage hindurch darin liegenbleiben, bis die Alaunbrühe sich durchgängig eingezogen und die Leder gar gemacht hat. Jetzt werden sie auf Stangen aufgehängt, und wenn die Alaunbrühe völlig abgelaufen ist, so werden sie zum Trocknen auf Leinen gehängt. Diese also zubereiteten weißgaren Leder werden nun an einen feuchten Ort gebracht, oder mit Wasser eingesprengt und gestellt, damit sich die durch das Salz und die Alaune verursachte Ungeschmeidigkeit verliere, worauf sie zum Austrocknen aufgehängt und zuletzt im Streichschragen auf dem Streich- oder Abstoßbaum mit dem Streicheisen gestrichen werden.
Diese Neuausgabe bietet eine Übersicht über 40 historische Berufe am Übergang zur industriellen Fertigung. Jedes Gewerbe wird durch eine zeitgenössische, farbige Lithographie sowie eine Beschreibung der Arbeitsabläufe und Werkzeuge erläutert. Der Band dokumentiert somit den Stand der Technik und die Arbeitsbedingungen des frühen 19. Jahrhunderts.
