Handel & IndustrieHandwerk

Der Bürstenbinder

Galerie der vorzüglichsten Künste und Handwerke • 1830

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Die Bürste ist ein Werkzeug, welches überhaupt dazu dient, den Staub oder Unrat von Kleidungsstücken und anderen Dingen abzukehren, sie zu reinigen und zu putzen. Nach ihrem verschiedenen Gebrauch erhalten sie auch verschiedene Namen, als Kleiderbürsten, Schuhbürsten, Schrubber­bürsten zum Scheuern der Zimmer, der Raukopf oder runde kielförmige Bürste von langen und weichen Haaren an einer langen Stange, zum Abkehren der Decken und Wände der Zimmer und dergleichen.

Die Bürsten werden gewöhnlich von Schweinsborsten, von Ziegen- und anderen Tierhaaren, zuweilen aber auch von Draht und von feinem Glas verfertigt. Die von Draht werden von den Metallarbeitern zum Vergolden und die von Glas zu Juwelen gebraucht.

Die gewöhnlichsten Bürsten bestehen aus Schweinsborsten, woher auch die allgemeine Benennung Bürste entstanden ist. Hierzu sind die Borsten aus den kalten Ländern die besten, weil sie am stärksten sind.

Alle Bürsten haben ein Gehäuse oder einen Griff von Holz oder Knochen, Elfenbein und dergleichen, und diejenigen Arbeiter, welche die Bürsten verfertigen, werden Bürstenbinder oder richtiger Bürstenmacher genannt; indem in nordischen Städten unter dem Namen Bürstenbinder nur Leute verstanden werden, die bei den Kaufleuten, welche mit Borsten handeln, die aufgekauften Borsten in Bündel zum Verkauf zusammenbinden.

Der Bürstenmacher oder Bürstenbinder ist also ein Handwerker, welcher aus Schweineborsten, Pferde-, Ziegen-, Dachs- und anderen Tierhaaren Bürsten, Kehrbesen und Pinsel von verschiedener Art verfertigt.

Zuvörderst sortiert der Bürstenmacher die Haare oder Borsten nach dem verschiedenen Gebrauch, wozu er sie anwenden will, worauf er die Bürsten selbst auf folgende Art verfertigt.

Zuerst wird das Holz mit dem Spaltmesser zu dem Bürstenholz gespalten und mit dem Schneidemesser zu der Gestalt, die es haben soll, beschnitten, worauf in das Holz so viele Löcher eingebohrt werden, als Borsten­bündel eingesetzt oder eingezogen werden sollen. Bei einigen Bürsten werden die Borsten eingesetzt, das heißt einge­picht, wo alsdann die Löcher nicht ganz durch­gebohrt werden. Sollen aber die Borsten eingezogen werden, so müssen die Löcher durch das Holz ganz durch­gebohrt werden.

In jedem dieser beiden Fälle wird das Bürstenholz, wenn es von grober Art ist, in den Bohrstock, wenn es aber lackierte Hölzer sind, so werden sie nur auf die Werkbank gelegt, und nun werden in beide mit dem sogenannten Löffelbohrer die Löcher gebohrt. Je dichter diese Löcher gebohrt werden, und je kleiner die Löcher und also auch die Borsten­bündel, die da rein kommen, sind, desto besser und vorzüglicher ist auch die Bürste.

In jedes dieser halb oder ganz durch­gebohrten Löcher wird ein Bündelchen Borsten eingesetzt oder eingezogen. Zu dem Ende zupft der Bürstenmacher aus einem Bündel sortierter Borsten oder Haare, die zu der Bürste, welche er verfertigen will, taugen, von einerlei Länge, eine Handvoll heraus und kämmt oder raut sie auf dem so genannten Kamm, der aus einem Brett besteht, auf welchem ziemlich flache eiserne, einen halben Fuß lange Zähne senkrecht stecken und einen Kamm bilden.

Wenn die Borsten durchgekämmt sind, so werden sie der Länge nach auf den Tisch geworfen und untereinander gemischt. Hierauf werden alle Borsten von einerlei Länge in ein Bündel zusammengebunden, und wenn sie eingesetzt werden sollen, so setzt sich der Bürstenmacher vor einen niedrigen Tisch in einer Küche, in dessen Mitte ein rundes Loch ist, worin ein runder Kessel auf einem eisernen Ofen steht. In diesem Kessel wird über glühenden Kohlen, gewöhnliches schwarzes geschmolzenes Pech warm erhalten.

Das Borsten­bündel liegt aufgebunden und ausgebreitet vor dem Bürstenmacher auf dem Tisch, von welchem er nunmehr kleinere Bündel macht, und das mit Garn umwickelte Ende derselben in das Pech taucht. Wenn er einige solcher Bündel auf diese Art eingetaucht hat und die ersten kalt geworden sind, so taucht er jedes Bündel noch einmal in das heiße Pech, und setzt es sogleich in ein Loch des Bürstenholzes, um es darin zu befestigen.

Wenn alle zu einer Bürste erforderlichen Bündel Borsten auf diese Art in das Bürstenholz eingesetzt oder einge­picht sind, so werden die langen Borsten nach einem Maß, auf der Bleiplatte, mit dem sogenannten Haumesser ab- und gleich geschnitten.

Wenn die Bürsten eingezogene Haare oder Borsten bekommen sollen, so werden die Borsten nicht einge­picht, sondern mit Draht oder Bindfaden durch die Löcher gezogen.

Zu dem Ende befestigt der Bürstenmacher den Bindfaden oder Draht an dem einen Ende auf dem Bürstenholz und zieht das andere Ende desselben durch ein Loch des Holzes von der rechten nach der linken Seite durch. Hierauf nimmt er so viele Borsten, dass diese doppelt zusammengelegt, das Loch des Holzes ausfüllen. Den durchgezogenen Faden oder Draht legt er auf der linken Seite des Bürstenholzes um die Borsten, gerade aber in der Mitte steckt er das zweite Ende des Bindfadens von der linken nach der rechten Seite des Bürstenholzes, durch das vorge­dachte nämliche Loch des Bürstenholzes, und zieht zugleich mit dem Bindfaden die Borsten so weit durch das Loch durch, dass dieses durch die zusammengelegten Borsten ausgefüllt wird. Mit dem nämlichen Bindfaden oder Draht zieht er nun die Borsten Loch vor Loch ein und macht die Bürste fertig.

Auf diese Art werden alle Arten gewöhnlicher Bürsten verfertigt, bis auf die sogenannte Kopfbürste, welche dazu dient, die Köpfe der Kinder zu reinigen, womit anders verfahren wird. Der Bürstenmacher wählt gute und starke Borsten und bindet diese mit zwei Schnüren in zusammenhängende Bündel, welche Klenke genannt werden und sich berühren. Die Borsten werden an den Schwanz gebunden, indem die starken Köpfe der Borsten bei dem Bürsten angreifen müssen. In die Klenke, die etwa eine halbe Elle lang ist, wickelt man Borstenschwänze, die von den Kleider- und Schuhbürsten abgehauen sind; und alle Köpfe der Borstenschwänze müssen neben den Köpfen der Klenke zu liegen kommen. Die Borsten der Bürste werden insgesamt auf einem Tische gerade gestaucht und verloren über den Köpfen zusammengebunden. Diesen also zusammengebundenen Borsten macht man einen Kopf, damit sie nicht aus der Schnur weichen können. Hierauf wird der Bürstenstiel aus Kienholz geschnitten und bekommt an dem einen Ende eine Spitze. Diese Spitze wird nebst den sämtlichen zusammengebundenen Schwänzen in siedendes Pech getaucht, worauf die Spitze des Stiels mitten in die Borstenschwänze gesteckt wird. Wenn der Stiel mit den Borsten auf diese Art vereinigt worden ist, so werden beide an der äußersten Spitze des Schwanzes der Borsten verloren mit einem Stockband zusammengebunden, und die Bürste wird, wie man sich ausdrückt, geädert. Das Geäder wird bepicht, die erste Schnur über den Köpfen wird abgenommen, und die Borsten der äußeren Klenke werden mit Sand und Wasser eingerieben, wodurch sie sich nach außen zu auseinander sperren und auf der Bürste schräg zu stehen kommen. Die Borsten der Klenke müssen, wenn das Pech noch warm ist, auseinander gesperrt werden, damit sie, nachdem das Pech erkaltet ist, ausgebreitet stehenbleiben, deshalb wird die Bürste sogleich nach dem Aussperren in kaltes Wasser getaucht, damit das Pech schnell erkalte. Wenn sie aus dem Wasser genommen ist, wird das Sack­band abgebunden, der Bürstenstiel glatt beschnitten und fertiggemacht.

Außer diesen und anderen ähnlichen Bürsten und Haarbesen macht der Bürstenmacher auch Pinsel für Maurer und Anstreicher.

Das Handwerk der Bürstenmacher ist übrigens in Deutschland sehr alt, und in Nürnberg gab es schon im Jahr 1400 einen Schön Hanns, Bürstenbinder.

Entnommen aus dem Buch:
Ein faszinierender Blick in die Werkstätten einer vergangenen Zeit.
Diese Neuausgabe bietet eine Übersicht über 40 historische Berufe am Übergang zur industriellen Fertigung. Jedes Gewerbe wird durch eine zeitgenössische, farbige Lithographie sowie eine Beschreibung der Arbeitsabläufe und Werkzeuge erläutert. Der Band dokumentiert somit den Stand der Technik und die Arbeitsbedingungen des frühen 19. Jahrhunderts.
  PDF-Leseprobe € 19,90 | 142 Seiten | ISBN: 978-3-695-70930-4

• Auf epilog.de am 11. August 2026 veröffentlicht

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