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Vom Gewinnungsort zum Verbrauchsort der Steinkohle

Das Neue Universum • 1920

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

Die Kohle wird am Arbeitsort je nach der Art des Kohlenflözes entweder durch Bohren oder Schrämmen gewonnen. In jedem Fall nimmt man aber nach Möglichkeit Maschinenarbeit zu Hilfe und verwendet Bohr- oder Schräm­maschinen, die durch Elektrizität, Druckluft oder Druckwasser getrieben werden. Die Bohrlöcher und Schrämmspalten werden mit Sprengstoffladungen besetzt, und nach der Explosion dieser Stoffe, nach dem ›Wegtuen der Schüsse‹, wie der Bergmann sagt, liegt das geschossene Material in hellen Haufen am Gewinnungsort.

Von dort aber bis zum Verbrauchsort ist noch ein weiter Weg, und in früheren Zeiten war diese Beförderungsart, die unter weitgehender Benutzung von Kinder- und Frauenarbeit geschah, wenig erfreulich. In jenen, glücklicherweise längst verflossenen Zeiten wurde das Fördergut am Gewinnungsort in ganz kleine Wagen geladen, und diese Wagen wurden von Kindern, die in den engen Stollen und Strecken vielfach kriechen mussten, bis zum Förderschacht gefahren. Dort wurde die Kohle in der Förderschale, die durch Wasser- oder Dampfkraft bewegt wurde, zutage gezogen, wenn anders nicht, wie es in den englischen Bergwerken vielfach geschah, auch diese Beförderung besonders durch Frauen erfolgte, die mit der schweren Kohlenlast die oft mehrere Hundert Meter langen Leitern emporklimmen mussten. Es leuchtet wohl ohne weiteres ein, dass diese Arbeit auf die Gesundheit der Betreffenden geradezu verheerend wirken musste.

In unserem Zeitalter hat auch für die Förderung sowohl in waagerechter Richtung unter Tage wie auch in lotrechter Richtung durch den Förderschacht bis über Tage und weiter zum Verbrauchsort ganz allgemein der mechanische Betrieb eingesetzt. Dadurch sind einmal die Menschen entlastet und fernerhin ist die Leistungsfähigkeit der Zechen auch ganz gewaltig gesteigert worden, denn die eigentliche Gewinnung der Kohle am Arbeitsort stellt ja nur einen Teil der gesamten Förderarbeit dar. Wohl ebenso wichtig ist der schnelle und glatte Abtransport der geschossenen Kohle aus der Grube.

Die oberirdischen Anlagen eines Kohlenbergwerks.Abb. 1. Die oberirdischen Anlagen eines Kohlenbergwerks.

Diese Entwickelung begann mit dem Ausbau der Fördermaschinen, die zuerst mit Dampf, späterhin immer mehr elektrisch betrieben wurden. Abb. 1 zeigt einen Schacht­turm mit den beiden Förderscheiben. Wir sehen in dem eisernen Gerüst zwei große Räder von etwa 6 m im Durchmesser eingebaut. Über diese laufen die Förderseile. Sie kommen auf dem Bild von der linken Seite her vom Maschinenhaus und gehen über die beiden Scheiben, um dann lotrecht nach unten zu den beiden Förderschalen im Schacht zu führen. Jede dieser Schalen ist in Wirklichkeit ein zweistöckiges eisernes Gerüst von etwa 2 m Höhe für jedes Stockwerk und einer Bodenfläche von wenigstens 2 × 4 m. Im Betrieb unterscheidet man nun Förderfahrt, Personenfahrt und Seilfahrt.

Bei der Förderfahrt befinden sich die mit dem Fördergut beladenen eisernen Wagen in den Schalen. Der normale Förderwagen, wohl auch noch gelegentlich Hund genannt, obwohl er sich von den alten, von Kindern gezogenen Bergwerkshunden beträchtlich unterscheidet, fasst gerade eine Tonne Kohle. Eine kleinere Förderschale nimmt in jedem Stockwerk einen solchen Wagen auf, fördert also mit einer Fahrt 2000 kg Kohlen zutage. Die größten Förderschalen nehmen dagegen in jedem Stockwerk vier Wagen, insgesamt also 8000 kg auf. Das ist eine recht bedeutende Last. Bewundernswert ist aber auch die Fördergeschwindigkeit, die bei elektrischen Fördermaschinen bis zu 15 ja 20 Meter in der Sekunde steigt, so dass selbst große Teufen von 800 m in einer Minute überwunden werden. Bei solchen Geschwindigkeiten ist es natürlich von Wichtigkeit, die Förderschalen rechtzeitig abzu­stoppen, damit nicht die niedergehende Schale etwa in den am Grunde des Schachtes befindlichen Pumpensumpf fährt und die aufwärts­gehende über den Entladeort hinaus gegen die Hängebank schlägt. - R E K L A M E - Bernhard Hoppe: West-Berlin um 1960 Deshalb befinden sich in jedem Fördermaschinenhaus automatische Anzeiger, die dem Maschinisten jederzeit den augenblicklichen Stand der Förderschalen zeigen, und es sind weiterhin Sicherheitsvorrichtungen getroffen, die die Fördermaschine selbsttätig still setzen, wenn sie infolge einer Unaufmerksamkeit des Maschinisten über das Ziel hinausfahren würde. So halten die beiden Förderschalen gleichzeitig unten und oben in der genauen Höhe der Orte, so dass die Schienen in der Förderschale sicheren Anschluss an die Schienen der Schacht­fläche beziehungsweise der Strecke über Tage haben. Es erfolgt nun über Tage das Ausstoßen der vollen Wagen, indem man, nachdem die Drahttüren der Schale geöffnet sind, von der einen Seite einen leeren Wagen mit solchem Schwung in die Schale schiebt, dass er den vollen Wagen auf der anderen Seite hinaus stößt. Umgekehrt werden unter Tage volle Wagen hineingeschoben und dadurch die leeren Wagen hinausgestoßen. Dieser Wagenwechsel erfolgt in wenigen Sekunden, so dass die Fördermaschine nur noch einmal die Schalen um eine Stockwerkhöhe umzusetzen braucht und dann sofort die neue Fahrt beginnen kann.

Die Personenfahrt, bei der die Belegschaft ein- oder ausgefahren wird, geschieht wesentlich langsamer mit höchstens 10 m in der Sekunde, zumal ein Mensch nicht so widerstandsfähig ist wie ein eiserner Wagen und daher die unvermeidlichen Püffe bei der schnellen Förderfahrt nicht gut vertragen kann. Bergleute, die verbotenerweise eine Förderfahrt benutzten, um mit in die Grube einzufahren, wissen mancherlei von den schwindelnden Gefühlen bei solcher Fahrt zu erzählen.

Elektrowindenbahn im Bergwerksbetrieb.Abb. 2. Elektrowindenbahn im Bergwerksbetrieb.

Die Seilfahrt oder Revisions­fahrt endlich findet nur in größeren Zeiträumen statt, um das Seil in seiner ganzen Länge dabei genau zu untersuchen und gewöhnlich auch neu zu schmieren. Sie erfolgt daher mit etwa 0,5 m in der Sekunde und dauert bei tiefen Schächten etwa eine Viertelstunde.

An die Schachtförderung schließt sich unter Tage die Ketten- oder Seilförderung in waagerechter Richtung an. Sie beginnt in nächster Nähe der Arbeitsorte und reicht bis zum Füllort am Schacht. Es ist eine richtige Seil- oder Kettenbahn, derart, dass sich zwischen den Schienen der Strecke ein endloses Seil oder eine solche Kette befinden, die durch einen Elektromotor in ständigem Lauf gehalten werden. Jeder einzelne Wagen besitzt eine nach unten gerichtete Zange oder Schere, die durch einen Handgriff an das Seil festgeklemmt werden kann. Ist also ein Wagen am Arbeitsort beladen, so braucht der betreffende Bergmann nur die Zange einzuschlagen, der Wagen geht automatisch los und fährt bis zum Schacht, wo die Zange selbsttätig gelöst wird. Ebenso kehren die leeren Wagen zu den Arbeitsorten zurück.

Kettenbahn in der Kohlenwäsche.Abb. 3. Kettenbahn in der Kohlenwäsche.

Über Tage sind ebenfalls solche Kettenförderungen vorgesehen, die die Kohlenwagen sofort vom Schacht zur Laderampe bringen. Die Abb. 2 – 4 zeigen drei verschiedene Arten von Seil- und Kettenförderungen, wie sie auf den Zechen hauptsächlich verwendet werden. Hier werden die einzelnen Wagen in Kippen geschoben und über den unter den Kippen haltenden Eisenbahnwagen einfach um ihre Achse gedreht, so dass ihr Inhalt in die Eisenbahnwagen stürzt. Nun hat der normale große Güterwagen 15 t. Er wird also durch 15 solche Bergwerkswagen, das heißt durch die viermalige Fahrt einer mittelgroßen Förderschale gefüllt. Ein langer Güterzug besteht aus 50 solchen Wagen und wird durch 200 Förderfahrten reichlich gefüllt, wenn wir einmal annehmen, Seilbahn vom Schacht zum Kohlenturm.Abb. 4. Seilbahn vom Schacht zum Kohlenturm. dass der sechzehnte Teil der Förderung für den Zechen­bedarf zurückgehalten wird. Nehmen wir weiter an, dass die Fördermaschine in der Stunde 50 Fahrten macht, so ist also ein 50-Wagenzug in einer Stunde gefüllt. Die Lokomotive muss sich dann sofort vorsetzen und ihn fortziehen, damit neue leere Wagen unter die Laderampe geschoben werden können. Arbeitet die Kohlenzeche in zwei achtstündigen Schichten wenigstens 16 Stunden am Tag, so müssen 16 mal 50 oder 800 Eisenbahnwagen gefüllt werden. Dazu aber müssen diese da sein, müssen rechtzeitig angefordert und von der Eisenbahnverwaltung rechtzeitig gestellt werden. Wagenmangel ist ein Krebsschaden für die Kohlenindustrie. Er nötigt dazu, die geförderte Kohle auf der Zeche vorläufig auf Halden zu stürzen. Dort bleibt sie dann und wird beim Lagern an der Luft keineswegs besser, gerät sogar gelegentlich durch Selbstentzündung in Brand. Es ist daher von größter Bedeutung, dass ein lückenloser Weg für die Kohle vom Gewinnungsorte bis zum letzten Verbrauchsort vorhanden ist.

• Auf epilog.de am 2. Juli 2026 veröffentlicht

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