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Die Drahtseilbahn auf den San Salvatore bei Lugano

Der Stein der Weisen • 1892

Voraussichtliche Lesezeit rund 4 Minuten.

Wenn wir an den Ufern des prachtvollen Sees von Lugano entlang gehen, so fällt der Blick uns gegenüber auf einen sehr steilen, felsigen Gebirgsstock, den San Salvatore, das hervorragendste, interessanteste und selbst in dieser Hinsicht den Pilatus bei Luzern und den Saleve bei Genf übertreffende Gebilde der ganzen Landschaft. Denn sieht man über den Luzerner oder Genfer See hinüber, so liegen diese Berge seitlich, während der San Salvatore bei Lugano dem Beschauer direkt gegenüberliegt und das sehenswerteste Objekt in jener reizenden Region am südlichen Abhang der Alpen bildet, zumal dessen ungewöhnliche Lichteffekte der Szenerie noch erhöhte Schönheit verleihen. Früh morgens, wenn noch Dämmerung über den Gewässern lagert, prangt San Salvatore bereits in glänzender Beleuchtung; nachdem die Sonne den Meridian überschritten, hüllt sich der Berg in Dunkel, seinen Schatten über den See werfend, und bei Sonnenuntergang erscheint sein mattes Bild zwischen zwei hellen Lichtstreifen zu seiner Rechten und Linken, welche die Fluten des Sees und die vom östlichen Ufer emporsteigenden Berge vergolden. Bei Mondschein gesehen, hebt der Berg seine dunkle Masse gleichsam wie eine riesige Glocke ab, deren sanfte Umrisse sich in den Wellen des Sees verlieren. Drahtseilbahn bei Lugano

Es ist daher leicht begreiflich, wenn dieser, von der kleinen Erlöserkirche gekrönte Berg für Einheimische und Fremde eine besondere Anziehungskraft besitzt und zum Besuch einlädt, besonders in einer mondhellen Nacht. An gewissen Feiertagen besuchen die Einwohner Luganos den Gottesdienst in dieser Kirche, was aber nur die Introduktion zu einem langen Belustigungstag auf dem Gipfel des Berges bildet. Auch Touristen besteigenden San Salvatore mit Vorliebe, denn wenn auch der Aufstieg keine großen Schwierigkeiten bietet, so gibt es doch so viele unwegsame Stellen zu überwinden, dass, wer den Gipfel erreicht hat, mit Recht das Verdienst, einen Berg im wahren Sinne des Wortes erklettert zu haben, für sich in Anspruch nehmen kann.

Seit mehreren Jahren ist das Vergnügen eines Ausfluges nach dem Gipfel noch erhöht worden durch eine Drahtseilbahn, die am nördlichen Abhang aufsteigt und, von Lugano aus gesehen, wie eine tiefe, dunkle Furche vom Grün des Berges sich abhebt. Die Station, von wo der Zug ausgeht, befindet sich in einem Vorort Luganos, der mit Recht den Namen ›Paradies‹ führt und von der Stadt aus in 20 Minuten erreicht werden kann. Die Bahn ist rund 2 km lang, die Station an dem Berggipfel 659 m über jener der Abfahrt und hat eine Seehöhe von 964 m, während der Gipfel des Berges noch 23 m höher liegt. Die Steigung beginnt mit 17 %, beträgt bei dem hochgelegenen Dorf Pazallo bereits 38 % und bei der Endstation sogar 60 %. Der untere Teil der Bahn bildet einen Durchstich durch Dammerde, wohingegen der obere ein tiefer Einschnitt im Dolomitgestein ist. Die Zwischnstation liegt in 334 m Seehöhe und besitzt den elektrischen Motor zum Aufzug des Zugs. Die Betriebswasserkraft wird einem gegenüberliegenden Kopfende des Sees entnommen, bei Melide über den Damm am rechten Seeufer und von dort den Berg hinauf nach dem Dorf Ciona und der Motorstation geführt. Außer dem elektrischen Motor befindet sich auch eine Dampfmaschine, behufs Ersatzes des ersteren im Notfalle, an Ort und Stelle.

Diese Bahn und jene am Bürgenstock in der Nähe Luzerns sind das Werk von Bucher & Durrer in Kagiswyl, Kanton Unterwalden.

Wo die Bahn beginnt, ist der Ausblick auf die Landschaft am Fuß des Berges entzückend und wird mit jeder Minute ausgedehnter, auch die sich vor uns ausbreitende Kette der Bergriesen der Alpen umfassend. Wenn die Aussicht von der oberen Station schon großartig ist, so muss jene von der kleinen Kirche auf dem Gipfel geradezu bezaubernd genannt werden, denn das Kirchlein steht gerade am Rand des nach dem See steil abfallenden Abgrunds.

Hinter dem Gewirre niedrigerer Berge erheben sich die schneegekrönten Häupter der den Horizont begrenzenden Alpen und zu unseren Füßen breitet sich der schönste italienische Alpensee aus, mit Lugano und der villenbedeckten Hügelkette, der sogenannten Collina d’oro. Der Reiz dieser Berge liegt in ihrer mäßigen Höhe, wo uns nichts daran erinnert, dass wir uns in der Domäne des Adlers und des Geiers befinden. Aus Lugano und seiner Umgebung tönt das Geräusch der Wagen und das Geläute der Glocken zu uns herauf; über den Damm von Melide sehen wir den Gotthard-Eisenbahnzug auf seiner Fahrt nach der lombardischen Ebene hin gleiten und auf dem tief unter uns die Wellen des Sees durchfurchenden Dampfer können wir die Gruppen der Passagiere und das lustige Flattern der Flaggen unterscheiden.

• B. Freudenberg.

• Auf epilog.de am 12. Juni 2022 veröffentlicht

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