VerkehrTransport

Drahtbahnen mit elektrischem Betrieb

Von Prof. Dr. R. Rühlmann in Chemnitz

Verein Deutscher Ingenieure • 23.10.1886

Voraussichtliche Lesezeit rund 23 Minuten.

Unter dem Namen Telpherage ist ein System der Lastenbeförderung mit Hilfe des elektrischen Stroms neuerdings in Vorschlag und zur Ausführung gekommen, welches seiner Einfachheit und Billigkeit wegen auch in Deutschland an verschiedenen Stellen mit Vorteil benutzt werden könnte. Nach mancherlei Versuchen, einen Drahtbahnbetrieb auf elektrischem Wege einzurichten, hat man neuerdings einem System den Vorzug gegeben, welches von seinen Erfindern, dem verstorbenen Prof. Fleming Jenkin und Prof. Perry, den Namen ›Cross Over Parallel System‹ erhalten hat.

Der Stromlauf

Die Drahtbahn selbst besteht aus einzelnen gleich langen Stücken von Stahldraht A₁ A₂ A₃ …, B₁ B₂ B₃ … von welchen die Stücke A mit der positiven Klemme, die B mit dem negativen Pol einer Dynamomaschine verbunden sind. Drahtbahnen mit elektrischem BetriebAbb. 1. Gleitet nun, wie in Abb. 1 dargestellt, ein Zug Z längs der Bahn hin, der an seinem vorderen und hinteren Ende je eine Rolle R’ und R’’ trägt, die unter sich leitend verbunden und mit dem Stahldraht, auf welchem sie laufen, ebenfalls in leitender Verbindung sind, so wird, wenn diese Rollen sich auf zwei Stücken des Stahldrahtes befinden, welche mit entgegengesetzten Polen der Dynamomaschine in Verbindung stehen, ein elektrischer Strom zu der auf einem Stück A befindlichen Rolle ein- und zu der Rolle, welche auf einem Teil B der Bahn auf­ruht, austreten. Man braucht den Abstand der Zuführungs­rollen, d. h. die Länge des Zuges, nur gleich der unter sich gleichen Länge der einzelnen Drahtstücke A₁ A₂ …, B₁ B₂ … oder gleich einem ungeraden Vielfachen dieser Strecke zu machen, um zu bewirken, dass in jeder Stellung des Zuges auf der Bahn ein Strom die Leiterteile des Zuges durchzieht. Führt man nun den zwischen den Gleitrollen fließenden Strom durch die Dynamomaschine, welche die den Zug bewegende Lokomotive trägt,. so wird die elektrische Maschine an jeder Stelle der Bahn vom Strom durchflossen sein und ihr Anker durch diesen Strom in Umdrehung versetzt werden. Allerdings durchläuft der Strom von Sektion zu Sektion die Maschine in entgegengesetzter Richtung; bekanntlich wird aber dadurch die Drehrichtung des Ankers nicht geändert. Wird die Verbindung zu einem der beiden Drahtstücke unterbrochen, auf dem sich gerade eine Zuführungs­rolle befindet, oder unterbricht man im Zug die Verbindung der Dynamomaschine mit den Gleitrollen, so hört der Anker der Dynamomaschine auf, sich zu drehen, der Zug bleibt stehen. Befindet sich kein in Bewegung begriffener Zug auf der Bahn, so fließt kein elektrischer Strom von der einen zur anderen Klemme der primären Dynamomaschine M.

Man hat es in der Telpherage demnach mit einer ganz eigentümlichen Form der elektrischen Kraftübertragung zu tun, bei welcher die Dynamomaschine (Abb. 1) die Rolle der primären und der in der Lokomotive befindliche elektrische Motor die Rolle der sekundären Maschine spielt.

Statt eines können gleichzeitig auch zwei oder mehr Züge in derselben Richtung längs der Bahn laufen. Um auch dann noch der Lokomotive jedes Zuges nahezu gleichviel Strom zuzuführen, braucht man nur als Primär­maschine eine Maschine mit konstanter Klemmspannung oder eine Dynamomaschine zu benutzen, bei der die Elektromagnete im Nebenschluss liegen.

Bei der Telpherage­anlage in Glynde, die wir im Nachstehenden bei unseren Beschreibungen vorzugsweise berücksichtigen, dient z. B. ein Crompton-Neben­schluss­dynamo als Primär­maschine, welche bei einer Klemmenspannung von 200 V einen Strom von 24 A liefert. Der Motor eines jeden Zuges verbraucht 7,5 A, so dass man mindestens zwei Züge gleichzeitig auf der Linie fahrenlassen kann.

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• Auf epilog.de am 20. März 2026 veröffentlicht

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