Verkehr – Nahverkehr
Neue Decksitz-Motorwagen der
Wiener städtischen Straßenbahnen
Von Ingenieur Ludwig Spängler
Direktor der städtischen Straßenbahnen in Wien
Elektrische Kraftbetriebe und Bahnen • 24.10.1915
Der innerstädtische Massenverkehr Wiens mit seinen derzeit rd. 2 150 000 Einwohnern obliegt gegenwärtig fast ausschließlich den Straßenbahnen, welche daher auf einzelnen Linien bereits sehr bedeutende Verkehrsdichten aufweisen, da auch in Wien die Trennung der Geschäftsstadt von den Wohnvierteln rasch fortschreitet.
Abb. 1. Vergleichende Gesamtseitenansicht eines Decksitzwagens Typ F Nr. 454 neuer Ausführung, eines Decksitzwagens Typ E älterer Ausführung und eines normalen Wagens Typ K der Wiener städtischen Straßenbahnen. Besonders ungünstig ist der Umstand, dass eine Durchquerung der dicht verbauten inneren Stadt mit der Straßenbahn unmöglich ist und daher die um die innere Stadt herumführende Ringstraße auf einzelnen Strecken stark überlastet wird; anderseits sind auch zahlreiche Endstationen in und nächst der inneren Stadt vorhanden, welche nicht alle in Schleifen endigen und daher Anstauungen der Betriebsmittel verursachen, die den sonst so zweckmäßigen und wirtschaftlichen Betrieb mit Anhängewagen erschweren. Eine Abhilfe gegen diese Übelstände könnte man teilweise durch die Verwendung stockhoher Triebwagen schaffen, welche bisher nur in England in großem Umfange benutzt werden, denen man sich aber auch in vielen anderen Großstädten zuwendet. Der erste in Wien gebaute Versuchswagen hat sich gut bewährt und den Nachweis erbracht, dass sich die Bevölkerung sehr rasch mit diesem neuen Wagentyp vertraut gemacht hat. Da dieser Wagen 4,9 m hoch ist und daher wegen der in Wien vielfach vorhandenen niedrigen Bahnunterfahrten nur eine sehr beschränkte Anwendungsmöglichkeit hatte, so galt es nunmehr, einen niedrigeren Decksitzwagen zu schaffen. Die
Studien darüber ergaben, dass ein in Wien allgemein verwendbarer solcher Wagen von 4,4 m Höhe möglich ist, und zwar bei Benutzung verschiedener Neuerungen, welche dem Verfasser auch in Deutschland gesetzlich geschützt sind.
Abb. 2. Vergleichsweise Zusammenstellung der Querrisse eines normalen Wagens Typ K, eines Decksitzwagens Typ E älterer Ausführung und eines Decksitzwagens Typ F Nr. 454 neuer Ausführung der Wiener städtischen Straßenbahnen.
Die Wiener Gemeindeverwaltung hat die Erbauung zweier solcher niedriger stockhoher Motorwagen beschlossen, welche vor kurzem fertiggestellt und in Betrieb genommen worden sind.
Der eine Wagen hat vorwiegend Längsbänke mit 56 Sitzplätzen und 30 Stehplätzen, bietet also für 86 Personen Raum, der andere aber hat vorwiegend Querbänke mit 56 Sitzplätzen und 28 Stehplätzen, hat also einen Fassungsraum für 84 Personen; bei einer während der starken Verkehrszeiten zulässigen Vermehrung der Stehplätze können in dem Längssitzwagen 100, in dem Quersitzwagen aber 92 Personen Platz finden.
Die Hauptabmessungen sind aus den seinerzeitigen Vorbeschreibungen, auf welche hier verwiesen werden kann, sowie aus den Abbildungen ersichtlich. Die Wagen erhielten ›Maximum tractions trucks‹ mit rd. 70%, Reibungsgewicht, oberirdische Bügelstromabnehmer und unterirdische Stromabnehmer für das Seitenschlitzsystem Siemens & Halske. Sie sind mit der Schutzvorrichtung und einer Sandstreuvorrichtung nach dem eigenen System der Wiener städtischen Straßenbahnen und mit selbsttätiger Druckluftbremse (geliefert von der Knorr-Bremse-Aktiengesellschaft) ausgerüstet. Die Ackley-Handbremse wirkt bei dem einen Wagen auf beide Drehgestelle, bei dem anderen nur auf ein Drehgestell, was sich als ausreichend erwiesen hat.
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Dieses Buch versammelt die zwischen 1910 und 1915 in verschiedenen Zeitschriften erschienenen Texte von Ludwig Spängler, in denen er detailliert und mit vielen Abbildungen illustriert die Konstruktion der an die speziellen Wiener Verhältnisse angepassten Straßenbahnen und Autobusse beschreibt.