Verkehr – Nahverkehr
Entwürfe für stockhohe Triebwagen und Automobil-Omnibusse bei den städtischen Straßenbahnen in Wien
Von Ingenieur Ludwig Spängler
Direktor der städtischen Straßenbahnen in Wien
Elektrische Kraftbetriebe und Bahnen • 4.9.1913
Die Verkehrsdichte auf einzelnen Linien der Wiener städtischen Straßenbahnen und die dadurch bedingte Überlastung mehrerer Endstationen im Stadt-Inneren hat bereits derart zugenommen, dass eine Abhilfe der teilweise schon unleidlich gewordenen Verhältnisse nur durch Verwendung stockhoher Wagen möglich erscheint. Mit Rücksicht auf die klimatischen Verhältnisse kommen in Wien nur Wagen mit geschlossenem Oberdeck in Betracht, welche bei der normalen Ausführung eine Höhe von mindestens 4,9 m erhalten. Ein Musterwagen dieser Art steht in Wien seit kurzer Zeit in Betrieb und bewährt sich im allgemeinen gut. Wegen der vielen niedrigen Durchfahrten unter Vollbahnen und unter der Stadtbahn kann dieser Wagen jedoch nur auf wenigen Linien verkehren und ist dessen Höhe auch für die neuen Wagenhallen zu groß.
Die zweckmäßigste Lösung für die Konstruktion eines niedrigeren stockhohen Wagens mit großem Fassungsraum schien durch die Verwendung eines Wagens mit Mitteleinstieg (zwischen den Achsen) und tief nach abwärts gezogenem Fußboden gegeben, welche Ausführungsart für niedere eingeschossige Wagen schon vor vielen Jahren als günstig erkannt und beispielsweise auf der Untergrundbahn in Budapest im Jahr 1895 angewendet wurde. Wenn man bei einem solchen Wagentyp den Fußboden an der Einsteigstelle nur rd. 300 cm über Schienenoberkante anordnet, so ist es bei einfacher Übereinandersetzung von zwei Stockwerken möglich, die Wagenhöhe an der Einsteigstelle mit rund 4,3 m festzusetzen und dabei gleichzeitig durch die Verwendung von breiten getrennten Ein- und Ausstiegen einen raschen Personenwechsel zu erzielen, was für stockhohe Wagen sehr wichtig ist; besonders günstig ist hierfür auch die beim Mitteleinstieg erreichbare große und bequeme Plattform, auf welcher sich die ein- und aussteigenden Fahrgäste ansammeln können.
Zur Erzielung eines großen Fassungsraumes muss der Wagen lang gebaut, also mit Drehgestellen ausgerüstet werden. Man kann dann den tiefliegenden Fußboden von der Mitte aus möglichst weit gegen die Wagenenden zu reichen lassen, während über den Drehgestellen der Fußboden höher gelegt werden muss.
Niedriger Decksitz-Triebwagen mit Stehplätzen auf der mittleren und den beiden Endplattformen.56 – 58 Sitz- und 26 Stehplätze; 4,3 – 4,4 m hoch.
Um auch dort die Wagenhöhe zu beschränken, kann zunächst das schon bei vielen alten Pferdebahnwagen angewendete Prinzip der Ineinanderschachtelung von Längsbänken im Unter- und Obergeschoss herangezogen werden. Das Untergeschoss erhält zweckmäßig äußere Längsbänke mit einem Mittelgang, über dem im Obergeschoss zwei mit den Rückenlehnen aneinanderstoßende mittlere Längsbänke unter Weglassung des Fußbodens angeordnet sind; der Hohlraum unter diesen oberen Längsbänken trägt zur Erhöhung des Mittelganges im Untergeschoss bei, während die im Obergeschoss entstehenden seitlichen Längsgänge ziemlich tief ins Untergeschoss herunterreichen können, nachdem für das Sitzen eine geringere Höhe notwendig ist als für das Stehen. Durch die Ausnutzung des Raumes unter den oberen Doppellängsbänken kann man rd. 50 cm an Höhe gewinnen, und man kann durch die Heranziehung dieser Ausführungsart bis zu einer Fußbodenhöhe von 30 + 50 = 80 cm über Schienenoberkante mit der Gesamthöhe von 4,3 m das Auslangen finden. Nachdem sich für unsere gangbaren Konstruktionstypen über den Antriebsrädern und den Motoren eine Fußbodenhöhe von rd. 1 m ergibt, so lässt sich an dieser Stelle ein zweites Geschoss nicht anbringen, sofern man sich auf die Höhe von 4,3 m beschränken will.
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