Forschung & Technik – Technik
Bei künstlicher Sonne
Plauderei von Hans Dominik
Die Woche • 8.12.1906
Wenn die dunklen Novembertage ins Land kommen, ein undurchdringlicher Nebel das Blau des Himmels verhüllt und es selbst am Mittag nicht mehr recht hell wird, dann kommt die Beleuchtungstechnik und alles, was damit zusammenhängt, wieder zu ehren. Hier putzt man Petroleumlampen, dort werden neue Gasbrenner installiert, und in die elektrischen Kronen schraubt man Birnen aller Art.
In jedem Herbst rücken die Lichtquellen verschiedener Systeme von neuem gegeneinander ins Feld, und wenn irgendwo, so gilt hier das Wort des alten Heraklit, dass der Kampf oder neuhochdeutsch die Konkurrenz der Vater aller Dinge sei. In unablässiger steter Arbeit sind die Techniker mit der Verbesserung unserer Lichtquellen beschäftigt. Jedes Jahr bringt uns vollkommenere schönere Beleuchtungsweisen, und den Vorteil davon hat schließlich das konsumierende Publikum. Das Publikum aber wird auch anspruchsvoller, und schon heute stellt es eine lange Reihe von Forderungen an jedes künstliche Licht, ohne deren Erfüllung kein Brenner Aussicht auf Erfolg hat.
Das künstliche Licht darf selbstverständlich nicht blaken und rußen, und die Erzählung vom brennenden Kienspan, der noch vor 300 Jahren allenthalben im Gebrauch war, klingt uns heute wie eine Kunde aus der Steinzeit. Unsere künstliche Sonne darf auch von ihrem Herrn und Gebieter nicht sonderliche Dienstleistungen verlangen. Wir haben nicht mehr Zeit, ein qualmendes Talglicht jede Viertelstunde zu schnäuzen, und die letzte Lichtputzschere ist längst ins Museum gewandert.
Einmal entflammt muss unser Licht in stetem Glanz strahlen, bis es uns beliebt, durch einen Fingerdruck der Herrlichkeit ein Ende zu bereiten. Und weiter verlangen wir von unserer Lichtquelle, dass sie reichlich fließe, dass sie hell sei. Unsere Vorfahren saßen zu fünf um eine Talgkerze und nähten und lasen. Aus jener Zeit haben wir die Lichteinheit der Kerze gerettet. Wir messen unsere Lichtquellen heute nach der sogenannten Hefnerkerze (H. K.), einer Lichteinheit, die von dem berühmten Ingenieur Hefner von Alteneck aufgestellt wurde und einer recht hellbrennenden Stearinkerze sehr nahekommt. Aber unsere Zeit ist lichthungriger geworden. Selbst die gewöhnliche Petroleumlampe entwickelt eine Lichtstärke von einigen 30 Kerzen. Unser Auerlicht hat deren etwa 70, und unsere großen Straßenbogenlampen sind bis zu etwa 2000 Kerzen stark. Man kann wohl sagen, dass wir von unserer künstlichen Beleuchtung ungefähr das Hundertfache jener Lichtstärke verlangen, mit der unsere Urgroßeltern zufrieden waren. Keineswegs aber sind wir gewillt, etwa das Hundertfache von dem zu bezahlen, was unsere Altvorderen für ihre Talgkerze ausgaben. Der künstliche Glanz darf uns nicht viel kosten.
Kaufkraftäquivalent:1 Mark in 1906 ≈ € 7,50 in 2025.
Zum Verständnis der gegenwärtigen Errungenschaften wird es notwendig sein, die hauptsächlichsten Etappen der Beleuchtungstechnik in Kürze zu überfliegen. Als wir mit dem Leuchtgas bekanntwurden, da hatte man nur den alten guten Schnittbrenner, der ohne Zylinder die bekannte Schmetterlingsflamme erzeugte und bei einem stündlichen Gasverbrauch von 150 Litern 15 H. K. ergab. Mit diesem Brenner kosteten also 100 H. K. 100 Stunden hindurch, d. h. praktisch während eines Herbstmonats, 13 Mark.
Den ersten Fortschritt bedeutete der Argandbrenner, der in einem Zylinder eine Rundflamme bildete. Der Brenner gab bei 120 l Gas 25 H. K., und 100 H. K. kosteten etwa 6 Mark.
In diese Periode fällt die Erfindung des elektrischen Glühlichts, das sich ja beispiellos schnell den Markt eroberte. Bei Verwendung der alten Kohlenfadenglühlampen stellte sich, unter Zugrundelegung eines Strompreises von 40 Pfennig für die Kilowattstunde, eine Lichtstärke von 100 Hefnerkerzen für den Monat auf etwa 13,50 Mark. Das erste elektrische Licht war also nicht teurer als die Gasschnittbrenner, aber doppelt so teuer als die Argandbrenner. Dafür bot es neben dem Reiz der Neuheit die besonders bequeme Bedienung und wurde schnell populär. Selbst objektive Leute prophezeiten dem Gaslicht ein baldiges Ende, als die weltbewegende Erfindung des Herrn Auer von Welsbach der Sache mit einem Schlag eine andere Wendung gab. Sein Gasglühlicht konsumierte 120 l Gas in der Stunde und erzeugte 20 Hefnerkerzen. Jetzt kosteten bei Gasglühlicht 100 Hefnerkerzen für den Monat nur noch 2 Mark.
- R E K L A M E -
Das war ungefähr der siebente Teil von den Kosten des elektrischen Lichts, und das Gaslicht hatte damit für lange Zeit entschieden Oberwasser. Freilich sahen die Elektrotechniker wohl ein, dass etwas geschehen müsste, und den ersten Vorstoß unternahm Professor Nernst. Seine bekannte Lampe kostet für 100 Hefnerkerzen unter den bisherigen Annahmen auf den Monat berechnet nur noch 6 Mark, also etwa so viel wie das Argandlicht, aber immer noch dreimal so viel wie das Gasglühlicht. Freilich hat die Nernstlampe den Fehler, dass sie geraume Zeit angewärmt werden muss. Die leichte Bedienung, der das elektrische Licht seine Beliebtheit nicht zum wenigsten verdankte, wurde dadurch zu beträchtlichem Teil illusorisch. Die Elektrotechnik arbeitete daher unermüdlich weiter, und als nächstes Erzeugnis entstand die Osmiumlampe, eine Erfindung des schon genannten Auer von Welsbach. Bei ihr stellen sich die Stromkosten für 100 Hefnerkerzen und den Monat noch auf etwas weniger als 6 Mark. Sie ist in ihrer Bedienung ebenso einfach wie die Kohlenlampe, mit einem Schalterdruck augenblicklich zu löschen und zu zünden. Dafür aber ist sie nur in senkrechter Stellung verwendbar.
Unter solchen Umständen zwang der Konkurrenzkampf zu weiteren Fortschritten und brachte die Siemenssche Tantallampe. In ihr ist der Kohlenfaden durch einen feinen Faden des außerordentlich schwer schmelzbaren Tantalmetalles ersetzt. Sie kann in jeder Stellung verwandt werden und zeichnet sich durch ein angenehm gelbliches Licht aus. Im Übrigen ist sie augenblicklich ein- und ausschaltbar. Die Stromkosten für den Monat dürften sich auf etwa 4,50 Mark belaufen. Die Siemenssche Tantallampe bedeutete also einen wesentlichen Fortschritt gegenüber der Nernstlampe. Sie war nur noch etwa zweimal so teuer wie das Gasglühlicht, nur noch zweidrittelmal so teuer wie der Argandbrenner und hatte den Vorteil eines angenehmen, warmgetönten Lichts, der leichten Zünd- und Löschbarkeit und der Verwendbarkeit in jeder Stellung. Kaum war die Tantallampe einigermaßen bekannt geworden, als ihr durch die Osramlampe nochmals ein Fortschritt vorgestellt wurde. In der Osramlampe besteht der Faden aus einer Metalllegierung von Osmium und Wolfram. Bei sonst gleichen Eigenschaften ist sie ein wenig billiger als die Tantallampe und kostet für den Monat etwa 4 Mark.
Unter solchen Umständen konnte die Gastechnik nicht mäßig bleiben. Zwar war das Gasglühlicht dem elektrischen Licht wirtschaftlich beträchtlich überlegen. Dafür hatte es aber einen kalten, grünlichen Ton, der nicht nach jedermanns Geschmack war. Ferner musste es von der Hand angezündet und gelöscht werden, und endlich war es nur in aufrechter Stellung mit nach oben gerichtetem Zylinder zu verwenden, wodurch die Gaskronen leicht etwas Steifes bekamen. Allen diesen Übelständen hat die moderne Technik ganz gründlich abgeholfen. Durch passende Wahl der Edelerden kam man dazu, Strümpfe zu bauen, die ein reinweißes Licht bei erheblich vermindertem Gasverbrauch geben. Durch Aufsetzen passender Glocken aus rötlichem oder gelbem Glas kann man derartigem Glühlicht die gleiche intime Wirkung verleihen, die das elektrische Licht so angenehm macht. Im weiteren gelang es, Invertbrenner zu bauen, das heißt Brenner, in denen die Flamme nach unten spielt und der Strumpf wie ein Beutel nach unten hängt, während der etwas wenig dekorative Glaszylinder ganz in Fortfall kommt. Dabei gelang es nicht nur, senkrecht hängende, sondern sogar schräg nach unten geneigte und waagerechte Invertlampen zu bauen und den Gasverbrauch für alle diese Lampen immer weiter herunterzudrücken. Bei den besten derartigen Lampen betragen die Kosten für 100 Hefnerkerzen auf den Monat nur noch etwa 1 Mark, ein wirtschaftliches Ergebnis, das geradezu als erstaunlich gelten muss.
Eine derartige moderne Gaskrone, die in diskret gefärbten Glocken stehende, hängende und schräge Lampen enthält, ist äußerlich überhaupt nicht mehr von einer elektrischen Krone zu unterscheiden, wenn sie brennt. Aber die moderne Technik bietet auch die Mittel, sie im Zünden und Löschen dem elektrischen Licht völlig gleich zu stellen. Als vor etwa zehn Jahren der inzwischen verstorbene Ingenieur Herr von Morstein die ersten Versuche zu einer elektrischen Zündung des Gaslichts unternahm, wurde er von vielen Seiten für einen unverbesserlichen Utopisten gehalten und fand mit seinem Multiplexsystem nicht allzu viel Anklang. Aber auch hier ist zehnjährige Arbeit nicht vergeblich gewesen. Heute wird von vielen weitsichtigen Gasanstalten Deutschlands dies System bereits mitgeliefert und in den Monatsrechnungen mit verkalkuliert. Der Abnehmer findet auf seiner Rechnung über so und so viel Kubikmeter Gas neben der Miete für den Gasmesser, die Kronen oder Hochapparate auch einen Posten, etwa lautend: 50 Pf. oder 1 Mark ›Multiplex‹. Damit hat er für seine Gasinstallation ohne weiteres die Vorzüge des elektrischen Lichtes, die leichte Zündbarkeit und Löschbarkeit erworben. Ein Fingerdruck auf einen weißen Wandknopf betätigt eine Stromleitung, die winzige Elektromagnete an den Brennern erregt und die Hähne öffnet. Derselbe Fingerdruck hat auch eine Schwungfeder angerissen, die einige Sekunden hindurch selbsttätig weiter schwingt und einen Funkenstrom zum ausströmenden Gas sendet, der dieses sicher entzündet. Ein anderer Druck auf einen schwarzen Knopf genügt, um alle Hähne wieder zu schließen, die Kronen zu löschen. Diese Einrichtung hat nicht nur in Bürgerhäusern, sondern auch für die vielflammigen Kronen der Kirchen, Aulen und Turnhallen, auf den Bahnhöfen, in Theatern und Konzertsälen, Kaufhäusern usw. Anwendung gefunden. Treppenhäuser mit Gasglühlicht und automatischer Nachtbeleuchtung finden wir jetzt schon in allen Stadtteilen Berlins. Aber auch der Druck auf den Schalterknopf ist für einen Zweck in Wegfall gekommen, bei dem es sich um jede Sekunde handelt. Die Berliner Hauptfeuerwache in der Lindenstraße ist jetzt mit einem Multiplex-Alarmschalter ausgerüstet worden, durch den sämtliche, für den Alarm erforderlichen Gasflammen automatisch im selben Augenblick entzündet werden, in dem die Alarmglocke ertönt.
So stehen gegenwärtig die Aussichten für das Gaslicht in dem alten Kampf einmal wieder vorzüglich, und unsere Elektrotechniker werden außerordentlich energische Anstrengungen machen müssen, wenn sie diesem Licht, das einmal schon als völlig besiegt galt, ernstlich an den Leib wollen.