Forschung & TechnikTechnik

Siegfried Hartmann

Rauch- und Rußplage

Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Im 90-Kilometertempo saust der Zug durch die Lande. Ich blicke durch die großen Scheiben des D-Wagens auf das weite, ebene Land hinaus.

»Sehen Sie, da hinten liegt Nachtstadt«, brach mein Nachbar die Stille. Er wies mit der Hand auf eine große schwarze Wolke, die auf der Erde zu liegen schien und sich scharf von dem blauen Himmel abhob. Die Sonne senkte sich gerade hinter die Wolken, und die eben noch Hellstrahlende erschien jetzt bloß noch als ein schmutzig-roter Ball.

»Ich kann nichts sehen als eine schwarze Wolke.«

»Eben unter dieser Wolke verbirgt sich Nachtstadt, der schwarze Dunst rührt von den vielen Fabriken her.«

»Und in diesem Dunst leben Menschen tagein, tagaus«, mischte sich mein Gegenüber in das Gespräch. »Ist es nicht eine wahre Schande, dass Gottes herrliche Luft so verpestet werden darf?«

»Ja, das ist einmal die notwendige, wenn auch üble Begleiterscheinung der Industrie.«

»Das gebe ich Ihnen nicht zu.«

»Wollen Sie Kraft aus Kohlen gewinnen ohne Rauch und Ruß?«

»Gewiss ist das möglich. Und es ist die Pflicht eines jeden, dem die Gesundheit seines Volkes am Herzen liegt, diese Möglichkeit immer und immer wieder zu betonen. Rauch und Ruß sind Zeichen unvollkommener Verbrennung, das heißt mangelhafter Heizanlagen, man kann theoretisch vollkommen, in der Praxis fast vollkommen rauchlos verbrennen, wenn man nur entsprechend modern konstruierte Feuerungsanlagen verwendet.«

»Ja, warum tut man das denn nicht? An einer vollkommenen Verbrennung sollte doch jedem gelegen sein.«

»Das sollte man meinen, zumal ja nicht lediglich Annehmlichkeiten, gesundheitliche Vorteile, sondern auch pekuniäre, wirtschaftliche Momente mitsprechen. Unvollkommene Verbrennung bedeutet schlechte Ausnutzung des Heizmaterials. Alle die dicken schwarzen Wolken, die Sie dort aus den hohen Schloten hervor­qualmen sehen, führen unverbrannte, bezahlte, aber nicht ausgenutzte Kohle hinweg, jeder qualmende Schornstein zeigt deutlich an, dass sein Besitzer nicht haus­zuhalten versteht.«

»Dann begreife ich aber nicht, warum man nicht schleunigst überall voll­kommenere Feuerungen einführt.«

»Es ist manches nicht zu begreifen, was die Leute tun und was sie unterlassen. Das Trägheitsmoment im Menschen bildet das Hindernis des Fortschritts. So auch hier. Tausende Fabriken haben zu Vaters Zeiten geraucht, warum soll ihr Schornstein heute nicht mehr qualmen? Man hat andere Sorgen als die Beseitigung der Rauch- und Ruß­plage, und was die Kohlenersparnis anlangt, so ist man im modernen Leben solchen Anpreisungen gegenüber sehr misstrauisch. Tatsächlich sind auch die Ersparnisse nicht so ungeheuer, dass deshalb eine höhere Dividende bezahlt werden könnte. Aber sie sprechen immerhin mit, vor allem und das ist das Wichtigste, sind sie hoch genug, um die Kosten der Umänderung einer alten Feuerung in eine neue, rauchschwache zu decken. Und das ist viel wert, weil damit die Sparsamkeitsgründe wirksam entkräftet werden können.«

»Also man kann alte Anlagen nachträglich mit einer Rauchverbrennung ausstatten?«

»Ja, aber Rauchverbrennung ist nicht ganz der richtige Ausdruck. Ich weiß wohl, man sagt häufig so, aber die eigentlichen Rauchverbrennungsverfahren haben sich nicht sonderlich bewährt. Nicht darauf kommt es an, Rauch und Ruß zu verbrennen, sondern darauf keinen Rauch und Ruß erst entstehen zu lassen. Das ist die Aufgabe einer guten Feuerung.«

»Und wie geschieht das?«

»Auf verschiedene Weise. Ich will es Ihnen auch gern erklären, aber vorher gestatten Sie mir einige Bemerkungen über den Verbrennungsvorgang. Was in der Kohle verbrennt, nennt der Chemiker Kohlenstoff. Zur vollständigen Verbrennung braucht jedes Teilchen Kohlenstoff zwei Teilchen Sauerstoff, dann entsteht aus beiden Kohlensäure, und diese entweicht als unsichtbares Gas dem Schornstein. Ist nicht genügend Sauerstoff vorhanden, so dass jedes Teilchen Kohlenstoff nur ein Teilchen Sauerstoff zur Verfügung hat, dann entsteht das bekannte giftige Kohlenmonoxid. Im letzteren Fall wird nicht die Hitze erzielt wie im ersteren. Man muss also, mit anderen Worten, der Flamme genügend Luft zuführen. Aber man darf dabei auch nicht zu weit gehen, denn wenn man in eine Feuerung wiederum zu viel Luft einlässt, so werden die Feuergase durch das Zuviel abgekühlt und der Heizeffekt wieder vermindert. Die Abkühlung durch ein Zuviel von kalter Luft hat aber auch noch eine andere Folge. Der bereits gasförmige Kohlenstoff wird dadurch teilweise wieder in festen Kohlenstoff zurückverwandelt; es bildet sich Ruß. Also merken Sie wohl: Die Zuführung von zu viel Luft zur Feuerung hat Rußbildung zur Folge. Das ist des Pudels Kern. Will man die Bildung von Ruß vermeiden, so darf man auf keinen Fall an das Feuer ein Zuviel von kalter Luft heranlassen, man muss ihr aber auch genügend geben, um eine vollständige Verbrennung zu erzielen.«

»Die Luft muss richtig dosiert werden.«

»Gewiss. Sie sind wohl Mediziner?«

»Weil ich von Dosierung spreche? Sie haben recht geraten, aber bitte weiter, der Gegenstand interessiert mich.«

»Nun, bei fast allen gewöhnlichen Feuerungen lässt sich die Luftzufuhr im Allgemeinen regulieren, während des normalen Betriebes entwickeln sie, richtig eingestellt, auch nur sehr wenig Rauch und Ruß. Aber in dem Augenblick, wo man neue Kohlen nachschüttet, muss die Feuertür geöffnet werden, und jetzt dringt mit einem Mal eine ungeheure Menge kalter Luft ein, die neu zugeschüttete Kohlenmenge tut ein Übriges, und an dem dicken schwarzen Qualm, der aus dem Schornstein quillt, erkennt die ganze sachkundige Umgebung: Es wird frisch nachgelegt.«

»Wie soll man das aber vermeiden? Man muss doch natürlich die Feuertür öffnen, wenn man nachlegen will.«

»Nein, das muss man nicht. Wie so vieles in unserem Leben können wir auch das Nachlegen der Kohlen automatisch besorgen lassen. Und es fehlt hierfür weder an Ideen, noch an praktischen Ausführungen, die den Beweis der Möglichkeit liefern. Als einfachstes und billigstes Mittel werden von Amerika aus jetzt ›automatische Kohlen­schaufeln‹ angeboten. Man setzt die mit Kohlen gefüllte Schaufel vor die Feuertür. Erst wenn die völlig geschlossene Schaufel vorsitzt, wird durch eine besondere Vorrichtung die Feuertür geöffnet und durch einen anderen Mechanismus die Kohlen in die Feuerung eingeworfen. Ob sich dieses Instrument bewährt hat oder bewähren wird, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall ist es natürlich ein ziemlich dürftiges Aushilfsmittel. Die eigentlichen automatischen Feuerungen sind meist direkt in den Kessel eingebaut, wie z. B. die ziemlich bekannte Wanderrostfeuerung. Bei dieser bewegt sich ein aus einer großen Zahl dicht nebeneinander laufender Ketten zusammengesetzter Rost wie ein endloses Band langsam von vorn nach hinten und unterhalb der Feuerung wieder zurück. Vorn fallen aus einem Trichter fortgesetzt kleine Mengen Kohlen auf, der Rost befördert sie in die Feuerzone und wirft schließlich die unverbrenn­baren Reste ab. Es gibt auch noch andere automatische Feuerungs­methoden, deren Beschreibung mich jedoch zu sehr in technische Einzelheiten führen würde. Ohne Bilder könnte ich Ihnen auch keine klare Anschauung vermitteln.«

»Also muss man sich einen neuen Kessel anschaffen oder den vorhandenen doch umbauen lassen. Dann begreife ich allerdings, dass viele Fabrikbesitzer nicht daran wollen.«

»Ein solcher Umbau ist gar nicht so schlimm und eine Neubeschaffung der Kessel oft schon aus anderen Gründen sehr zu empfehlen, weil selbstverständlich die neuesten Kesselkonstruktionen auch noch in vieler anderer Hinsicht wirtschaftlicher arbeiten wie die älteren. Aber auch für den Fall, wo der vorhandene Kessel stehenbleiben und nichts daran geändert werden soll, hat die moderne Technik Hilfsmittel zur Erzielung einer besseren Verbrennung geschaffen. Im Königlichen Schauspielhaus in Berlin hat man z. B. nach dem System von Wegner vor die vorhandenen Kessel einen runden Vorbau angebracht, in dem ein kegelförmiger Rost untergebracht ist; die Spitze des Kegels ist abgeschnitten. Aus ihr quillt von unten mechanisch herauf­gedrückte Kohle hervor, um sich nach allen Seiten auf dem flach geneigten Kegelrost auszubreiten, die Feuergase werden dann durch einen besonderen Kanal durch die zu beheizenden Kessel geleitet, wobei ihnen noch nachträglich ein kleines Quantum Luft, sogenannte Sekundärluft, zugeführt wird, um auf diese Weise die vollständige Verbrennung des Kohlenstoffes sicherzustellen. Ausgedehnte Versuche mit älteren Anlagen in Berlin und Breslau haben den Beweis erbracht, dass so tatsächlich aus einer stark rauchenden, die ganze Umgebung belästigenden Feuerung eine praktisch rauchlose gemacht werden kann. Von letzterer Tatsache habe ich mich auch persönlich überzeugt.«

»Die Anlage ist gewiss recht teuer?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Jedenfalls werden ziemlich namhafte Ersparnisse an Kohlen gleichzeitig erzielt. Erst jüngst las ich in dem Jahresbericht des Oberschlesischen Überwachungsvereins ein diesbezügliches Untersuchungsprotokoll, das wohl zu der Vermutung berechtigt, dass derartige Apparate nicht nur im Interesse der Nachbarschaft, sondern auch in dem ihres Besitzers arbeiten.«

»Also vertreten Sie den Standpunkt, dass die moderne Technik bereits Mittel und Wege kennt, um eine rauchlose Verbrennung zu erzielen?«

»Ich will vorsichtig sein, nicht rauchlos, aber rauch­schwach, mit anderen Worten, dass es möglich ist, Feuerungen zu bauen, von denen 30 noch nicht so viel Rauch entwickeln, wie vordem eine einzige.«

»Dieser Fortschritt würde allerdings genügen.«

»Vorläufig ganz gewiss.«

»Ja und wie denken Sie sich die Umsetzung dieser Erkenntnis in die Praxis?«

»Durch Aufklärung, durch beständige Aufklärung aller beteiligten Kreise, und wenn es nottut, durch ein klein wenig staatliches Eingreifen. Was im vielgerühmten freien England geschieht, dürfen wir schließlich auch von unseren Behörden verlangen, ohne in den Ruf zu kommen, im heiligen Büro­kratius den Weltverbesserer zu erblicken. Es wird so viel von öffentlicher Gesundheitspflege gesprochen, die Beseitigung der rauchenden und rußenden Kohlenverbrennung ist jedenfalls ein äußerst wichtiges, wenn nicht das allerwichtigste Kapitel.«

Der Zug rollte jetzt auf hohem Viadukt vorbei an den rußigen Häusern der Bahnhofstraße und einem gelb­schwarz qualmenden Lokomotivschuppen. Dann fuhr er in die graue, schmutzige, mit übelriechendem Dunst erfüllte Bahnhofshalle ein; es tut not, dass der Staat mit gutem Beispiel vorangeht.

Entnommen aus dem Buch:
Naturwissenschaft und Technik bilden die Grundpfeiler unserer Kultur. Alles, was das moderne Leben von früheren Epochen der Menschheit in charakteristischer Weise unterscheidet, beruht in letzter Linie auf den Fortschritten des Naturerkennens und der wachsenden Fähigkeit, Kräfte der Natur in den Dienst der Menschen zu zwingen.
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.
  PDF-Leseprobe € 18,90 | 182 Seiten | ISBN: 978-3-695-71317-2

• Auf epilog.de am 15. Juli 2026 veröffentlicht

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