Verkehr – Schifffahrt
Elektrische Boote
Verkehrszeitung und industrielle Rundschau • 4.1.1900
Die ersten Versuche, Boote elektrisch zu betreiben, wurden in den 1830er Jahren von Jacobi in St. Petersburg angestellt, und zwar wurden Primärelemente als Stromquelle benutzt. Diese Versuche mussten jedoch bald als aussichtslos wieder aufgegeben werden, und erst mit der zu Anfang der 1880er Jahre beginnenden fabrikmäßigen Herstellung von Akkumulatoren hat man namentlich in England die Versuche mit dem elektrischen Bootsbetrieb wieder aufgenommen. In größerem Umfange sind solche Boote auf der Weltausstellung in Chicago 1893, wo die eleganten Fahrzeuge allseitige Anerkennung fanden, im Betrieb gezeigt worden. In Deutschland wurden auf der Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt a. M. 1891 zwei größere elektrische Boote vorgeführt; doch ist das Interesse weiterer Kreise erst seit der Berliner Gewerbeausstellung 1896 rege geworden durch die Vorführung geschmackvoller elektrischer Boote auf den Gewässern der Ausstellung.
- R E K L A M E -
Von dieser Zeit an beginnt das elektrische Boot auch in Deutschland, wenn auch langsam, Eingang zu finden, und es ist immerhin gegenwärtig eine nicht unbeträchtliche Anzahl solcher Boote mit Erfolg in Betrieb.
Das elektrische Boot wird keineswegs imstande sein, mit den Dampfbooten im Verkehr auf weite Entfernungen in Wettbewerb zu treten; es wird stets mehr oder weniger auf den örtlichen Verkehr angewiesen bleiben, denn die Energie, welche den die Schiffsschraube treibenden Elektromotor in Bewegung setzt, muss in einem Akkumulator für die ganze Fahrt aufgespeichert werden. Die Größe des Akkumulators und damit seine Leistung ist nun je nach Größe und Bauart des Bootskörpers, nach Gewicht und Raum mehr oder weniger beschränkt. Nach Erschöpfung der Leistung muss der Akkumulator an einer Ladestelle wieder mit Energie versehen werden. Daraus geht hervor, dass die Verwendbarkeit des elektrischen Bootes nur beschränkt sein kann. Im örtlichen Verkehr aber dürfte es vermöge seiner besonderen Vorzüge berufen sein, die kleineren Dampfschiffe, sowie die heute viel benutzten Petroleum- und Benzinmotorboote zu verdrängen. Die Batterie wird, falls dies ungünstig ist, zweckmäßig unter dem Fußboden des Bootes, sonst unter den Sitzbänken, welche alsdann als Kastenbänke ausgebildet sind, aufgestellt. Bei Aufstellung unter dem Fußboden liegt der Schwerpunkt des Bootes verhältnismäßig tief, wodurch letzteres eine große Stabilität erhält. Der Hauptstrom-Elektromotor, welcher im hinteren Teil des Schiffes untergebracht und meist mit der Schraubenwelle unmittelbar gekuppelt ist, wird möglichst flach gebaut, damit er ebenfalls unter dem Fußboden Platz findet. Mittels Umschalter können dem Boot verschiedene Geschwindigkeiten mitgeteilt werden. Aus der Einrichtung der elektrischen Boote gehen ihre Vorzüge gegenüber anderen Motorbooten hervor. Während bei letzteren stets ein großer Teil des Decks durch Kessel und Maschine in Anspruch genommen ist, steht das Deck bei elektrischen Booten ganz für die Aufnahme der Ladung zur Verfügung. Dient ein solches Boot dem Personenverkehr, so sind die Insassen frei von jeder Belästigung durch strahlende Wärme, Rauch, Geräusch und erschütternde Bewegung. Weil freie Massenkräfte in den Maschinen nicht auftreten können, gleitet ein elektrisches Boot sanft dahin, ohne dass auch nur die geringste Erschütterung zu verspüren ist. Vorausgesetzt, dass die Akkumulatoren nach Beendigung einer Fahrt gleich wieder geladen werden, steht das Boot jederzeit klar zur Abfahrt bereit, ohne dass es nötig ist, vorher die Kessel zu heizen und die Maschine instand zu setzen. Während das Boot stillliegt, findet keinerlei Kraftverbrauch statt. Infolge der ganz besonderen Einfachheit der gesamten Maschineneinrichtung ist der Betrieb sehr sicher, und die Instandhaltung einfach. Ein elektrisches Boot kann von einem einzigen zuverlässigen Mann bequem bedient werden.
Diesen Vorteilen steht ein höherer Anschaffungspreis als bei Dampf- und Benzinbooten gegenüber. Dahingegen stellen sich die Betriebskosten bei entsprechenden Betriebsverhältnissen keineswegs ungünstiger als diejenigen anderer Motorboote. Die nicht unbedeutende Anzahl elektrischer Boote, welche schon jetzt für praktische Zwecke in Betrieb sind, beweist das. Wohl die ältesten elektrischen Boote in Deutschland sind die auf der Frankfurter Ausstellung 1891 vorgeführten Boote ›Elektra‹ der Firma Siemens &
Die dortigen Boote sind von Jakob Trumpy in Bergen konstruiert und werden von Bergens Elektriske Færgeselskap betrieben. Von den auf der Berliner Gewerbeausstellung vorgeführten Booten wurden einige für den Fährdienst eines in Treptow bei Berlin gelegenen Inselrestaurants in Betrieb genommen; zwei weitere Boote werden von der Motorbootgesellschaft auf dem Dutzendteich bei Nürnberg benutzt. In der Folgezeit begannen insbesondere auch die Behörden, sich für ihre Zwecke elektrischer Boote zu bedienen; so beschaffte unter anderem die Hamburger Kriminalpolizei ein Boot, ferner die Steuerbehörde in Stettin, der Königsberger Magistrat zwei Fährboote usw. Im Hafen von Stockholm ist im vorigen Jahre ein größeres Boot ›Tre Kronor‹ in Betrieb gekommen, welches zur Beförderung von Getreide und Mehl von einer in der Nähe Stockholms gelegenen Mühle nach Stockholm dient. Auch in Holland ist in den letzten Jahren eine Anzahl elektrischer Boote erbaut worden. Nicht unerwähnt mag bleiben, dass das Ausland beginnt, der deutschen Industrie Aufträge auf elektrische Boote zu erteilen; die Akkumulatorenfabrik hat gegenwärtig Boote für Buenos Aires, für Japan und Sydney zu liefern. Vergleicht man die Verwendung der elektrischen Boote, so fällt auf, dass keineswegs der größte Teil der Boote, wie man vielfach annimmt, als Lustboote dient, wofür ja das elektrische Boot so hervorragend geeignet ist und worin es von keinem anderen Motorboot erreicht wird.
In Anbetracht der Kürze der Zeit, welche seit dem ersten namhaften Auftreten elektrischer Boote in Deutschland verflossen ist, kann man mit Befriedigung auf die Entwicklung dieses Zweiges der Elektrotechnik blicken und darf erwarten, dass die Anwendung elektrischer Boote mehr und mehr an Ausdehnung gewinnen wird.