VerkehrNahverkehr

Einführung des
Kraftstellwagen-Betriebes in Wien

Von Ingenieur Ludwig Spängler
Direktor der städtischen Straßenbahnen in Wien

Elektrische Kraftbetriebe und Bahnen • 14.10.1914

Voraussichtliche Lesezeit rund 19 Minuten.

Die Gemeinde Wien hat im Jahr 1908 den Pferdestellwagenbetrieb übernommen und seither die den Verkehr durch die innere Stadt vermittelnden Linien in beschränktem Ausmaß mit großen Verlusten aufrechterhalten. Die Selbstkosten eines Wagen­kilo­meters im Pferdebetrieb stellten sich im Jahr 1913 auf rund 74 Heller, die Einnahmen betrugen aber nur 50 Heller. Wenn die Gemeinde nicht unmittelbar nach der Übernahme des Pferdebetriebes daranging, einen motorischen Betrieb einzuführen, so lag die Hauptursache an den außerordentlich hohen Kosten, welche einige kurze mit Benzinautobussen betriebene Wiener Außenlinien verursachten; auch die seinerzeitigen großen Kapitals­verluste bei den ersten Automobilstellwagenlinien in London mahnten zu besonders großer Vorsicht. Überdies waren die damaligen Benzin-Kraftstellwagen mit ihrem hohen Gewicht und geräuschvollen Gang technisch noch ziemlich unvollkommen. Die Gemeinde beschloss daher nur sehr vorsichtig und in kleinem Umfang sich dem Kraftstellwagenbetrieb zuzuwenden, und es fiel ihre Wahl dabei auf den bisher noch wenig erprobten elektrischen Betrieb, der bekanntlich sehr große Annehmlichkeiten für die Fahrgäste und für die Bevölkerung im Allgemeinen bietet; die Förderung dieser Betriebsart war für die Gemeinde Wien aber auch als Besitzerin eigener elektrischer Kraftwerke von besonderem Interesse.

Es wurde eine kurze rund 2,5 km lange Probelinie eingerichtet, und zwar von der Volksoper zum Stefans­platz, auf der 13 kleine elektrische Akku­mulatoren­wagen von ungefähr gleichem Fassungsraum als die früheren Pferdestellwagen (13 Sitzplätze und 5 Stehplätze) in Benutzung genommen worden sind. Der Betrieb wurde von einer seitens der Akku­mulatoren­fabrik AG eigens hierzu gegründeten Gesellschaft übernommen, welche die Verkehrsleistung gegen eine feste Pauschale durchzuführen hat, während die Einnahmen der Gemeinde verbleiben, die auch den Fahrplan und Tarif bestimmt.

Der Betrieb wickelt sich glatt ab und ist die Bevölkerung im Allgemeinen damit zufrieden. Die Wagen sind jedoch viel zu klein, um den Bedürfnissen dauernd entsprechen zu können.

Auch bezüglich Einführung von Benzin-Kraftstellwagen auf anderen Linien wurden Verhandlungen mit einzelnen Unternehmern gepflogen, die mit verschiedenen Fabrikanten in Verbindung standen. Im Herbst 1912 wurde endlich seitens einer englischen Gruppe ein Offert auf die Automobilisierung des ganzen bestehenden Pferdestellwagenbetriebes unter Benutzung neuer von den englischen Daimler­werken in Coventry erbauter Wagen mit offenen Decksitzen eingebracht.

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Neuerscheinung

Ludwig Spängler (1865 – 1938) war der Wegbereiter des modernen Wiener Nahverkehrs. Als Direktor der städtischen Straßenbahnen in Wien verwandelte er das veraltete Verkehrssystem in einen hocheffizienten städtischen Betrieb. Unter seiner Leitung wurde die flächendeckende Elektrifizierung des Straßenbahn-Netzes abgeschlossen und die Abkehr von der Pferdetramway vollzogen. Spängler vereinheitlichte das Liniennetz, modernisierte den Wagenpark und schuf die infrastrukturelle Basis für den massiven Ausbau der Straßenbahn.
Dieses Buch versammelt die zwischen 1910 und 1915 in verschiedenen Zeitschriften erschienenen Texte von Ludwig Spängler, in denen er detailliert und mit vielen Abbildungen illustriert die Konstruktion der an die speziellen Wiener Verhältnisse angepassten Straßenbahnen und Autobusse beschreibt.
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• Auf epilog.de am 20. Februar 2026 veröffentlicht

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