Verkehr – Fernmeldewesen
Siegfried Hartmann
Drahtlose Telegrafie
Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908
Das Rätselhafte ist von jeher in stärkerem Maße des allgemeinen Interesses gewürdigt worden als das Einfache, Klare. Je mehr eine neue Entdeckung, eine neue Erfindung den gewohnten Anschauungen widerspricht oder zu widersprechen scheint, desto größere Aufmerksamkeit wird ihr zuteil. In den letzten Jahren konnte man das des Öfteren bestätigt finden: die Entdeckung der Röntgenstrahlen, des Radiums und zuletzt der drahtlosen Telegrafie haben im großen Publikum, in Tageszeitungen und Zeitschriften weit mehr Widerhall gefunden als andere in der gleichen Zeit erzielte Fortschritte, die auf minder geheimnisvollen Erscheinungen fußen. Begierig wird jede Nachricht aufgenommen, von der man erhofft, dass sie die übersinnlichen Erscheinungen uns sinnfällig näherbringt. Die Natur ist aber oft eine sehr berechnende Kokette. Nur langsam und mit Widerstreben lässt sie ihre Reize enthüllen. Sie weiß, dass, wenn sie erst in hehrer Nacktheit dasteht, bloß noch eine kleine Gemeinde sie bewundernd anschaut; die große Menge reizt lediglich das Verhüllte, das langsam Schritt für Schritt sich Enthüllende.
Und wie unter den Menschen von oberflächlichem Urteil die Kokette oft höher bewertet wird als die brave, tüchtige Hausfrau, so geht es auch den ›interessanten Entdeckungen‹ gegenüber den fleißigen, wichtigen Fortschritten. Jene werden gemeinhin in ihrer Tragweite weit überschätzt. Das mindert natürlich nicht den Ruhm und die Anerkennung für die Männer der Wissenschaft und Praxis, die ihre Aufklärung und Dienstbarmachung sich zur Aufgabe gestellt. Aber es führt leicht dazu, dass man andere Dinge ›die braven, tüchtigen Hausfrauen‹ unterschätzt.
Im Folgenden will ich eine der Koketten, die drahtlose Telegrafie etwas sezieren. An sich ist das Mittel, durch das sie sich interessant zu machen sucht, ziemlich verbraucht. Wenn ich jemandem winke, so telegrafiere ich auch drahtlos, wenn ich mit jemandem spreche oder jemandem etwas zurufe, so telefoniere ich drahtlos. Dass Licht und Schall sich unsichtbar von Ort zu Ort fortpflanzen, ist uns so geläufig, dass hierin wohl nur wenige etwas Wunderbares erblicken. ›Fernwirkungen‹ an sich sind also den Menschen von Jugend auf bekannt, und intelligente Völker haben es auch allezeit verstanden, sie sich in mannigfacher Weise dienstbar zu machen. Man hat mit Hilfe von optischen Signalen schon in früheren Jahrhunderten über weite Strecken hin Signale gegeben und Nachrichten ausgetauscht. Ja in dem Inneren Afrikas bei den ›Wilden‹ haben Forschungsreisende zu ihrer großen Verwunderung ein überaus gut ausgebildetes System der Telegrafie ›ohne Draht‹ entdeckt. Mit Hilfe von Trommel- und Trompetensignalen verstanden und verstehen es hier die Menschen, wichtige Mitteilungen mit Blitzesschnelle weit über das Land zu verbreiten, während der ›intelligente‹ Europäer schwerfällig mit Boten arbeitete. Auch die ›Flammenzeichen‹ spielten in früheren Kriegen und Aufständen eine große Rolle als Telegrafen. Man hat ferner erforscht, dass einige Völker Südamerikas es verstanden, durch geeignete Verdunkelungsvorrichtungen (große Stoffschirme) mit Hilfe des brennenden Holzstoßes unterschiedliche Zeichen zu geben, ähnlich wie von unseren Truppen mit Hilfe von Scheinwerfern heutzutage Morsezeichen ›drahtlos‹ telegrafiert werden. Die Tatsache, dass man imstande ist, ohne sichtbares Zwischenmedium über größere Raumstrecken Zeichen zu geben, ist also an sich gar nichts Überraschendes. Nur dass die bisher scheinbar an den Draht gebundene Elektrizität auch ohne diesen imstande ist, Fernwirkungen zu äußern, und zwar nicht nur magnetische, sondern rein elektrische, das war das Neue.
Überraschen konnte auch diese Entdeckung nicht besonders, wenn man berücksichtigt, dass die Naturwissenschaft schon vorher zu der Erkenntnis gelangt war, dass Licht und Elektrizität wesensähnlich sind. Nun fand man plötzlich, dass man mit Hilfe von geeigneten Vorrichtungen elektrische Strahlen aussenden kann, wie mit einer Laterne Lichtstrahlen, und dass die Wirkung dieser elektrischen Strahlen, ähnlich wie die Lichtstrahlen mit dem Auge, mit entsprechenden Apparaten, elektrischen Augen, wahrgenommen werden können. Was dann weiter kam, war technische Arbeit. Wie es für die Sichtweite einer Laterne nicht gleichgültig ist, ob sie weißes, rotes oder blaues Glas trägt, so war es auch für die funkentelegrafischen Sender nicht gleichgültig, welche Art von elektrischen Wellen sie aussandten, wollte man unter gegebenen Verhältnissen möglichst große Reichweite erzielen. Das musste erst ausprobiert werden. Und dabei zeigte sich, dass ebenso wie beim Licht, nicht eines immer gilt; wie bei diesem die Sichtweite der einzelnen Farben abhängt von der Art der die Atmosphäre durchschwängernden Dünste, so spielt auch für die Reichweite der verschiedenartigen elektrischen Wellen die Beschaffenheit der Atmosphäre eine große Rolle. Und noch mehr. Wie man Lichtsignale besser bei Nacht als bei Tag, und wiederum besser bei bedecktem Himmel denn bei Sonnenschein gibt, so auch mit drahtlos flutenden elektrischen Wellen. In dunkler Nacht ist die Reichweite der Apparate ganz ungleich größer als bei hellem Mittagssonnenschein. Doch auch Unterschiede: Beim Licht hat man den Scheinwerfer, der Scheinwerfer für Elektrizität ist aber noch nicht gefunden. Die funkentelegrafische Sendestation ist dem freibrennenden Holzstoß zu vergleichen, nach allen Seiten durchfluten von ihr aus die elektrischen Wellen den Raum. Darin liegt natürlich ein Mangel. Selten will ich eine Nachricht nach allen Seiten zugleich aussenden, wenn ich mich aber nur in einer Richtung verständlich machen will, so ist es mein Bestreben, nicht nur im Interesse der Geheimhaltung, sondern auch um Energie zu sparen, alle ›Wellen‹ nur nach einer Richtung auszusenden. Das Sprachrohr des Schiffers erfüllt diesen Zweck für die menschliche Stimme, zur Not tun es auch die vor den Mund hohl angelegten Hände. Beim Licht verrichtet die Aufgabe der Scheinwerfer. Nach Ähnlichem strebt die drahtlose Telegrafie, und man hat das vorläufig noch nicht geborene, jedenfalls noch nicht zu Lebenskraft gelangte Kind vorweg schon auf ›gerichtete drahtlose Telegrafie‹ getauft. Die Erfindung wäre sicherlich zu wünschen. Unterdessen sucht man auf andere Weise unterschiedliche Zeichengebung zu erreichen.
Als die ersten »drahtlosen Stationen« errichtet wurden, bestand etwa ein Zustand, wie ihn Schiller im Tell beschreibt: Von allen Bergen leuchteten Flammenstöße. Das menschliche Auge kann aber die verschiedenen Flammenstöße unterscheiden, doch das elektrische Auge vermochte zunächst einen Unterschied nicht zu machen. Das elektrische Auge verhält sich da mehr wie die fotografische Platte: Man stelle eine lichtempfindliche Platte frei hin, es wird keinen Unterschied machen, ob von rechts oder links oder von vorn oder sonst woher Licht auf sie fällt, sie reagiert auf alles gleichmäßig; die Richtung, woher die Strahlen kommen, gibt sie nicht an, noch viel weniger ist sie imstande, gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen kommende Strahlen zu sortieren und zeitlich fein säuberlich zu registrieren. Und ähnlich ging es mit den funkentelegrafischen Empfängern. Wenn irgendwo im Umkreis eine Station zu arbeiten anfing, mussten alle anderen still zuhören, durften ihrerseits auf keinen Fall arbeiten, sonst wäre die entsetzlichste Verwirrung an Zeichen entstanden. Dass das ein idealer Zustand ist, wird niemand behaupten, und dass unter solchen Umständen die Stationen stark entwertet werden, ist ohne weiteres einzusehen. Nun hat man alle möglichen Versuche gemacht, um hier Abhilfe zu schaffen. Die schon erwähnte gerichtete Telegrafie ohne Draht gehört mit dazu. Dann hat man versucht, die Empfangsapparate so auszugestalten, dass sie nur die aus einer Richtung kommenden Zeichen registrieren oder doch einen merkbaren Unterschied in der Empfindlichkeit zwischen diesen und anderen, sonst woher stammenden elektrischen Wellen zeigten. Andere Versuche liefen darauf hinaus, durch verschieden starke elektrische Wirkungen unterschiedliche Zeichen zu erhalten.
Schließlich versuchte man es mit der Färbung. Ich vergleiche wieder mit der fotografischen Platte: Wir können uns Platten herstellen, die vorzugsweise blau empfindlich, rot empfindlich usw. sind. Nun stelle ich diese in einer Dunkelkammer auf, die blau empfindliche in einen blauen Glaskasten, die rot empfindliche in einen roten Glaskasten. Jetzt lasse ich ein blaues Licht aufleuchten. Die blau empfindliche Platte wird das ›empfinden‹, die rot empfindliche in ihrem roten Glaskasten nicht. Nehme ich keine Platten, sondern stattdessen lange Filmstreifen, die von einem Uhrwerk langsam an einem schmalen Schlitz vorbeigeführt werden, so kann ich jetzt mit blauem und rotem Licht lustig darauflos gleichzeitig verschiedene Telegramme geben, jeder Film registriert nur die in seiner Empfindlichkeitsfarbe gegebenen Zeichen. Der drahtlose Telegrafist spricht in diesem Falle von ›Abstimmung‹, die Stationen sind aufeinander ›abgestimmt‹, es können bloß die aufeinander abgestimmten Stationen miteinander verkehren, verschieden abgestimmte Stationen können gleichzeitig arbeiten, ohne einander zu stören, guter Wille vorausgesetzt. Geradeso wie ich die obige Anordnung mit verschiedenen farbenempfindlichen Platten und verschieden gefärbten Lichtquellen böswilligerweise dadurch stören kann, dass ich zum Beispiel mit weißem Licht dazwischenkomme, das bekanntlich alle Farben enthält, so ist es auch möglich, böswilligerweise ›zwischen zu telegrafieren‹ und auf diese Weise die drahtlose Verständigung zwischen zwei Stationen zu stören. Das geht am einfachsten, wenn ich weiß oder schnell ausprobiere, mit welchen ›Farben‹, d. h. mit welcher Wellenlänge die Stationen arbeiten.
Dazu kommt noch eine praktische Schwierigkeit: wie die Zahl der optischen Farben, so ist auch die Zahl der elektrischen Farben nicht unbegrenzt. Man darf, um die nötige Betriebssicherheit zu verbürgen, nicht zu dicht beieinanderliegende Wellenlängen, d. h. nicht zu ähnliche Farben verwenden, sie müssen deutlich unterscheidbar sein. Das führt zu einer ziemlich groben Abstufung, ich erhalte wenig Farben zur Verfügung, d. h. innerhalb eines Gebietes ist die Zahl der gleichzeitig arbeitsfähigen drahtlosen Telegrafenstationen beschränkt.
Du siehst, lieber Leser, es ist viel Arbeit geleistet worden, viele Schwierigkeiten waren zu überwinden, bis man aus einem interessanten physikalischen Experiment ein brauchbares Verkehrsmittel herausdestilliert hat. Und die Frage ist vielleicht nicht unberechtigt, ob überhaupt das Bedürfnis vorliegt. Teilweise. Für die Zwecke der Marine, die Verständigung von Schiffen auf hoher See untereinander und mit dem Festland ist in der drahtlosen Telegrafie ein ganz vorzügliches, hoch geschätztes Hilfsmittel geschaffen worden. Desgleichen ist sie für militärische und wissenschaftliche Zwecke mitunter wertvoll. Als Ersatz für die allgemeine Verkehrstelegrafie mit Draht auf dem Festland kommt sie jedoch nicht in Frage. Im Gegenteil.
Wenn wir bisher nur die drahtlose Telegrafie kennen würden, und es käme plötzlich jemand mit der Entdeckung, dass man durch dünne Drähte viel leichter, billiger und sicherer elektrische Zeichen in weite Ferne geben kann, der Mann würde als Erlöser und Held gefeiert werden. Alles das, was für die drahtlose Telegrafie noch Problem ist: die Geheimhaltung, die Sicherheit und Unzweideutigkeit der Zeichengebung, die gegenseitige Unabhängigkeit verschiedener Verbindungen, die Unmöglichkeit oder doch wenigstens große Erschwerung einer Störung: Alles das bietet ja die Telegrafie mit Draht voll und ganz. Die Telegrafie mit Draht und auch die Telefonie mit Draht ist der drahtlosen Schwester himmelweit überlegen. Mit lächerlich wenig Aufwand an elektrischer Energie kann ich über Tausende Kilometer meine Zeichen durch den Draht senden, ein ganzes Elektrizitätswerk ist erforderlich, das gleiche auf drahtlosem Wege zu erreichen. Ob Tag, ob Nacht, gleichgültig für den Draht, nicht so für die ›Drahtlose‹. Was spielt demgegenüber die Notwendigkeit einer Drahtverbindung für eine Rolle. Pekuniär schon gar nicht, denn die Kosten des Betriebes sind bei der drahtlosen Telegrafie so hoch gegenüber dem Telegrafieren mit Draht, dass der Unterschied mehr wie ausreicht, die Drahtverbindung zu verzinsen. Die Telegrafie mit Draht gibt mir eine ungleich bessere Herrschaft über die Materie, ist viel mehr meinem bestimmten Willen untertan als die Telegrafie ohne Draht, auch schon aus diesem Grund ist sie die kulturell höherwertige Erfindung und müsste schleunigst gemacht werden, wenn sie nicht schon längst da wäre.
Ich hoffe, lieber Leser, dass du nun auch wieder etwas mehr Liebe und Verehrung für die allerdings schon etwas gealterte brave und tüchtige ›Telegrafie mit Draht‹ empfinden wirst. Du magst deshalb nach wie vor den prickelnden Reizen der koketten Drahtlosen mit Interesse deine Augen zuwenden, ich bin der letzte, der es leugnet, dass sie auf den ihr vorbehaltenen Gebieten sich trefflich bewährt und uns vielleicht noch durch manche genialen Streiche überraschen wird. Deshalb aber keine Missachtung der anderen.
• Neuerscheinung •
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.