Verkehr – Fernmeldewesen
Siegfried Hartmann
Fernfotografie
Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908
»Das muss anders werden. Die Berichterstattung muss eine durchgreifende Umgestaltung erfahren. Das Bild muss weit mehr wie bisher das geschriebene Wort ergänzen und ersetzen. Ich werde die Sache in die Hand nehmen und eine Fernbildgesellschaft gründen, ein großes Unternehmen, das in allen größeren Städten der Welt seine Büros hat, die alle interessanten und wichtigen Ereignisse im Bild festhalten und allen Zeitungen, die es wünschen, umgehend übermitteln.«
»Das gibt es schon.«
»Ähnlich wohl, aber nicht in der Weise, wie ich es will. Fixigkeit ist bekanntlich die vornehmste Reportertugend, und darin werde ich es allen anderen zuvortun. Wenn heute Mittag um 12 Uhr Kaiser Wilhelm und König Eduard sich auf dem Bahnhof umarmen, wird das naturgetreue Bild dieses Vorgangs am Abend in sämtlichen, an mein Unternehmen angeschlossenen Zeitungen Deutschlands zu sehen sein.«
»Ich wünsche dir viel Glück auf den Weg.«
»Du sollst mir helfen.«
»Helfen? Wieso, willst du mich zum Direktor machen?«
»Du sollst mir nur klipp und klar rasch auseinandersetzen, welche Apparate nach dem gegenwärtigen Stand der Technik für ein solches Unternehmen in Frage kommen.«
»Und nachher willst du mit meinem Wissen ausgerüstet Millionär werden?«
»Du verweigerst mir deinen Rat?«
»Durchaus nicht. Ich will dir das, was ich weiß, gerne mitteilen, behalte mir aber meine Rache vor.«
»Und worin wird die bestehen?«
»Das werde ich dir am Schluss sagen.«
»Es wird wohl nicht schlimm werden, also schieß los.«
»Du willst wissen, welche Methoden uns heute zur Verfügung stehen, um Bilder zu telegrafieren, wenn ich so sagen darf.«
»Ja, und zwar möglichst einfach, schnell und billig.«
»Gewiss, bei dir soll alles einfach, schnell und billig sein. Du vergisst, dass du es hier mit Erfindungen zu tun hast, die noch im Werden begriffen sind. Die wissenschaftliche und technische Welt freut sich vorläufig, dass es überhaupt gelungen ist, auf weitere Entfernungen, vielleicht auf 400, 500 Kilometer mit Hilfe des Telegrafen- oder Telefondrahtes ein einigermaßen gutes Bild zu übertragen. Mit dem einfach, schnell und billig hat es noch seine gute Weile. Die bisher eingeschlagenen Wege, die nach jahrelangen Mühen zu einem Erfolg geführt haben, lassen wenigstens auf eine allzu große Einfachheit der Apparate nicht hoffen. Die fotografische Platte nimmt das durch die Linse gestrahlte Bild mit einem Hieb auf, ähnlich wie das menschliche Auge sich nur zu öffnen braucht, um sofort verhältnismäßig viel mit einem Blick zu übersehen. Die hier in Frage kommenden optisch-chemischen Vorgänge lassen sich bisher allen Bemühungen zum Trotz, nicht fernleiten. Wir können es noch nicht so machen, dass wir etwa in Paris das Objektiv aufbauen und die fotografische Platte in Berlin. Könnten wir das, so wäre nicht nur das Fernbildern, sondern auch das Fernsehen schon erfunden. Wir sind vielmehr gezwungen, den Moltkeschen Grundsatz zu befolgen: ›Getrennt marschieren und vereint schlagen‹. Mit anderen Worten: wir müssen das Bild zerlegen in lauter kleine Punkte, ähnlich wie der Mosaikkünstler das Bild, was er durch seine Methode nachbilden will, erst in eine große Zahl einzelner Farbenpunkte zerlegen muss, um nachher aus entsprechend gefärbten Steinchen das Ganze wieder zusammenzubauen, so muss auch der moderne Fernfotograf zur Zerlegung greifen, will er zum Ziel gelangen. Und er muss dabei noch einen Schritt weitergehen: Nämlich auf Farben überhaupt verzichten und sich, wie die bekannten gewöhnlichen Fotografen mit einfarbiger Darstellung begnügen. Und gerade so, wie man selbst der besten Mosaikarbeit auf den ersten Blick ansieht, dass es etwas Zusammengesetztes ist, so auch dem Fernfotogramm. Man muss ein Bild sehr, sehr fein zerlegen, d. h. in eine Unsumme von kleinen Punkten auflösen, wenn unser Auge das Mosaikartige nicht sehr störend empfinden soll. Vielleicht erinnerst du dich der Wiedergabe eines der ersten Bilder, die Professor Korn nach seinem Verfahren ferngebildet hat, es stand in der Technischen Rundschau des Berliner Tageblattes. Das Bild ist als historisches Dokument gewiss sehr interessant, aber niemand wird behaupten, dass es schön ist, unterdessen sind durch noch feinere, weitergehende Zerlegung und Vervollkommnung der Apparate schon wesentlich bessere Ergebnisse erzielt worden, und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass man binnen kurzer Zeit von diesem interessanten Verfahren auch im praktischen Leben Gebrauch machen wird. Freilich darf man da nicht allzu sanguinisch sein. Denn wohlverstanden: Man muss zuerst ein gutes Fotogramm haben, das man in einen Apparat hineinlegt, und was man erhält, ist wiederum ein Fotogramm. Ein allgemeines Bedürfnis, auf diese Weise Bilder schnell über weite Entfernungen hin zu übertragen, ist gewiss nicht allzu groß. Du sprachst vorhin von der Presse. Sie und außer ihr vielleicht noch die Kriminalpolizei dürften die einzigen ernsthaften Interessenten sein.
»Wie geschieht die Übertragung eigentlich?«
»An der Aufgabestation wird ein auf gut durchsichtigem Stoff z. B. ein auf einem Celluloidfilm befindliches Bild um einen Glaszylinder gelegt. Im Inneren der Walze befindet sich eine Selenzelle. Von außen wird ein ganz dünner feiner Lichtstrahl auf den Zylinder gerichtet. Selenzelle und Lichtstrahl sind unbeweglich. Der Zylinder aber kann gedreht werden. Ganz langsam bewegt er sich um seine Achse und rückt dabei fortgesetzt, allerdings kaum sichtbar, seitlich weiter, genau so, wie man es bei den Phonographenwalzen beobachten kann. Auf diese Weise werden nacheinander sämtliche Stellen des Bildes von dem Lichtstrahl getroffen. Ist der Punkt auf der Fotografie, den der Lichtstrahl gerade trifft, schwarz, so kann er nicht hindurch, die im Inneren der Walze liegende Selenzelle bleibt unbelichtet; ist der Punkt grau, so kommt etwas Licht hindurch, die Belichtung ist schwach, ist er ganz klar (weiß), so kommt das volle Licht hindurch, das Selen wird stark belichtet.
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Die Selenzelle wird also entsprechend den Bildpunkten bald mehr, bald weniger stark vom Lichtstrahl getroffen und ändert damit, das ist ja ihre bekannte Eigentümlichkeit, in dem gleichen Maße ihre elektrische Leitfähigkeit. Ein Strom, der sie durchfließt, wird bald stark, bald wenig, bald gar nicht abgeschwächt. Was nun kommt, ist sehr einfach und längst bekannt: Die Schwankungen des Stromes in der Selenzelle werden durch einen Telegrafen- oder noch besser Telefondraht ferngeleitet. An der Empfängerstelle ist ein zweiter Apparat aufgestellt. Wiederum ist eine Walze da, auf der sich diesmal lichtempfindliches Papier befindet. Auch diese Walze dreht sich, und zwar ganz genau mit derselben Geschwindigkeit und mit derselben seitlichen Verschiebung wie die auf der Aufgabestation. Auch ein Lichtstrahl ist wieder da, der punktförmig auf die Walze fällt. Aber hier ist das Licht nicht gleichmäßig, sondern es schwankt, die durch die Selenzelle auf der Aufgabestation verursachten Schwankungen des übertragenen elektrischen Stromes bringen es zuwege, und in demselben Augenblick, wo der Lichtstrahl in der Aufgabestation zum Beispiel einen dunklen Punkt des Bildes trifft, leuchtet das Licht auf der Empfangsstation hell auf. Der betreffende Punkt auf dem lichtempfindlichen Papier auf der Empfangswalze wird also geschwärzt und so fort. Es gehört nicht allzu viel Fantasie dazu, um sich den Vorgang weiter auszumalen.«
»Sehr einfach ist das Verfahren allerdings nicht.«
»Jedenfalls nicht so einfach, wie du dir es wahrscheinlich dachtest. Vor allem bedarf es einer gewissen Zeit, etwa eine Viertelstunde, für ein Bild in der Größe 9 × 12. Die größten Schwierigkeiten lagen in dem genau gleichen Gang der Walzen auf beiden Stationen. Denn das leuchtet wohl ohne weiteres ein: Wenn die eine Walze sich nur etwas schneller dreht, kommen alle Lichtpunkte an einen falschen Fleck, und das ganze Bild wird verzerrt und völlig unbrauchbar. Manche Schwierigkeit bereitet auch die Selenzelle. Sie ist der eigentliche Grund, weshalb das Ganze so langsam geht: Sie ist zu träge. Wenn man zu rasch erhellt und verdunkelt, folgt sie nicht nach.
Der letzte Umstand hat einen gewissen H. Carbonelle auf die Idee gebracht, ohne die Hilfe des Selens, ja auch ohne Hilfe des fotografischen Verfahrens, das gleiche Ziel zu erreichen. Der Genannte geht dabei direkt darauf aus, ein druckfertiges und brauchbares Klischee zu erhalten. Sein Gedankengang ist folgender: Wenn ich einen fotografischen Kohledruck, das heißt, eins der bekannten tiefschwarzen, nach dem Kohledruckverfahren hergestellten Lichtbilder näher betrachte, so sehe ich, dass die Schicht verschieden stark ist. An den hellen Strahlen ist gar keine, an den grauen eine dünne und an den schwarzen eine dicke Kohleschicht. Den verschiedenen Tönen des Bildes entspricht die verschiedene Stärke der Kohleschicht. Lege ich nun das etwas angefeuchtete Bild auf eine Metallplatte, die mit dem einen Pol einer elektrischen Batterie verbunden ist, und lege ich den anderen Pol der Batterie an einen Metallgriffel, mit dem ich über das Bild hinweg streiche, so zeigt mir ein zwischengeschaltetes elektrisches Messinstrument sofort an, dass der elektrische Strom einen ganz verschiedenen Widerstand vorfindet, je nachdem ich den Griffel auf eine weiße oder eine schwarze Stelle bringe. Die verschieden starke Kohleschicht verursacht einen verschiedenen elektrischen Widerstand.
Das Weitere ergibt sich leicht: Ich lege jetzt das Bild um einen Zylinder, genau wie bei dem Kornschen Verfahren, der Lichtstrahl wird durch den leicht federnd angedrückten Griffel ersetzt und die Walze genau so wie vorhin schraubenförmig gedreht. Die elektrischen Stromschwankungen, die entsprechend der Bildtönung entstehen, werden fortgeleitet. An der Empfangsstation ist diesmal ein dünnes Kupfer- oder Zinkblatt um eine Walze gelegt, die sich mit der ersten Walze genau identisch dreht. Und wieder ersetzt ein Griffel den Lichtstrahl. Doch dieser Griffel ist sehr scharf geschliffen. Ein Magnet drückt ihn gegen den Metallzylinder, und je nachdem die von der Sendestation kommenden Ströme stärker oder schwächer sind, wird der Griffel stärker oder schwächer angepresst, d. h. er ritzt tiefer oder weniger tief in das Metall. Auf diese Weise wird im Empfangsapparat gleich ein ›Kupferschnitt‹ des ursprünglichen Bildes fix und fertig hergestellt. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt in der möglichen größeren Geschwindigkeit der Übertragung. Freilich sind die in der Praxis damit erzielten Ergebnisse noch keineswegs dazu angetan, allzu große Hoffnungen daran zu knüpfen. Was die Güte des erzeugten Bildes anlangt, so ist das etwas umständlichere und subtilere Kornsche Verfahren vorläufig noch voraus. Auch leuchtet es mir vorläufig noch nicht ein, wie durch die Graviermethode die Halbtöne erzeugt werden sollen.«
»Was du mir da erzählst, ist für mein Projekt gerade nicht sehr ermutigend.«
»Das will ich glauben. Aber warum versteifst du dich durchaus auf die Fotografie? Ich finde überhaupt, dass ganz zu Unrecht heute alles und jedes fotografisch wiedergegeben wird. In vielen Fällen ist ein geschickt gezeichnetes Bild weit zweckdienlicher, weil der Zeichner es ganz anders in der Hand hat, Charakteristisches herauszuheben, Wesentliches zu betonen, Unwesentliches zurückzuhalten, Störendes auszuschalten. Und die Apparate, die dazu dienen, fern zu zeichnen, sind schon recht gut entwickelt. Man nennt sie gewöhnlich Fernschreiber, weil die Erfinder wohl in erster Linie daran dachten, mit ihren Apparaten Schriftstücke zu übertragen. Der eben von mir beschriebene Apparat von Carbonelle eignet sich zum Beispiel sehr gut hierfür, wenn man statt des Kohledruckes eine mit nichtleitender Tinte beschriebene oder bezeichnete Metallfolie setzt. Andere Verfahren basieren fast alle auf der einfachen bekannten mathematischen Tatsache, dass jeder Punkt in einer Ebene eindeutig festgelegt ist, wenn wir seine Entfernung von einer bestimmten senkrechten und einer bestimmten waagerechten Linie kennen.«
»Das ist mir zu hoch.«
»Nun, dann etwas verständlicher. Ich lege hier den Radiergummi auf meinen Schreibtisch. Will ich nun die Stelle, auf der er liegt, ganz genau festlegen, ohne irgendwelches Zeichen auf den Tisch zu machen so messe ich ganz einfach, wie weit ist der Gummi, senkrecht gemessen, von der vorderen Tischkante entfernt und wie weit von der linken Tischkante. Wenn ich nun den Gummi durch einen Bleistift ersetze, und durch einen besonderen Apparat jederzeit die Entfernung, die die Bleistiftspitze von den beiden Kanten hat, messe und das Messresultat auf elektrischem Weg übertrage, so erzeugt auf der anderen Station ein anderer Apparat wieder genau die Bewegungen, die ich mit dem Bleistift auf meinem Schreibtisch mache. Ob ich schreibe oder zeichne, ist ganz gleich: nicht die Stärke, aber die Richtung der Striche wird genau kopiert. Auf diese Weise ist es nicht besonders schwer, Strichzeichnungen zu übertragen. Werden diese von einem gewandten Künstler gemacht, so können sie sehr wohl in vielen Fällen dazu dienen, eine Fotografie zu ersetzen.«
• Neuerscheinung •
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.