VerkehrSchifffahrt

Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Die Zukunft der Wasserstraßen

Von Max Wirth

Über Land und Meer • Mai 1878

Voraussichtliche Lesezeit rund 11 Minuten.

Wir haben  kürzlich nachgewiesen, dass die kapital­sparenden Klassen in den Industrieländern in Zukunft genötigt sein werden, ihre Überschüsse mehr zu Anlagen im Inland zu verwenden, wenn sie sich dabei auch mit geringerem Gewinn begnügen müssen. Die wohltätigen Folgen, welche eine solche solidere Verwendung der heimischen Ersparnisse für die Volkswirtschaft im Allgemeinen und für die arbeitenden Klassen im Besonderen nach sich ziehen wird, verdient eigentlich durch eine eigene Untersuchung beleuchtet zu werden.

Wir wollen uns hier mit der Andeutung begnügen, dass dem Ackerbau, den Gewerben und dem Handel in den Industrieländern Europas die Betriebsmittel reichlicher und billiger zu Gebote stehen, dass die Verkehrswege erleichtert und verwohl­feilt, die Preise der Lebensbedürfnisse und Fabrikwaren ermäßigt und die Arbeitslöhne in Folge der dadurch ermunterten Unternehmungslust werden verbessert werden. Diese weise Beschränkung des Anlagegebietes des Kapitals wird daher zur Lösung der sozialen Frage beitragen.

Die neue notgedrungene Richtung der Kapitalanlage wird auch der Ausbildung der Wasserstraßen zugute kommen, insbesondere diese Verkehrsbahnen im Deutschen Reich und in Österreich erst auf diejenige Stufe heben helfen, auf welcher sich Frankreich, England, die Niederlande, die Vereinigten Staaten und sogar China längst befinden. Auch dieser Fortschrittsarbeit kommen einige neuere technische Erfindungen und Verbesserungen zugute, welche geeignet sind, die natürlichen und künstlichen Wasserstraßen zu viel größerer Ausnutzung bringen zu helfen, als es bisher in der Regel geschehen ist. Es handelt sich dabei sowohl um die vollständige und allseitige Ausnutzung der natürlichen wie der künstlichen Wasserstraßen und es ist dieselbe nicht auf den Transport beschränkt. Wir brauchen bloß die Augen offen zu halten, so sehen wir, dass die Flüsse von alters her nicht nur als natürliche Straße benutzt wurden, um schwere Lasten zu befördern, noch bevor es dazu ordentliche Fahrwege, geschweige Steinstraßen gab, sie wurden auch seit Jahrhunderten zu landwirtschaftlichen und gewerblichen Zwecken, das heißt zur Bodenbewässerung und zum Treiben von Mühlrädern benützt. Zu denselben Zwecken wurden auch von alters her Kanäle gegraben. Fluss­korrektionen, Kanal- und Teich­bauten zu Boden­meliorationen und zum Schutz des Landes gegen Überschwemmung und Austrocknung sind alte wirtschaftliche Arbeiten. Allein alle diese Werke wurden bisher, in Europa wenigstens, nur je für einen bestimmten Zweck angelegt, entweder um ausschließlich die Schifffahrt zu erleichtern, oder um einen Sumpf trocken zu legen, oder um eine Wiese zu bewässern, oder eine gewerbliche Anlage zu treiben. Unsere Mühlbäche sind ja eigentlich auch Kanäle, nur dass sie klein und nur für einen ausschließlichen Gebrauch bestimmt sind. Die Fluss­korrektion und der Kanalbau können aber viel leichter zu Stande gebracht und mit Vorteil betrieben werden, wenn es gelingt, sie mehreren Zwecken zugleich dienstbar zu machen. In dieser Beziehung ist uns ein Volk, welches wir wegen seiner geringen Neigung zum Fortschritt zu verachten pflegen – die Chinesen – mit nachahmungswürdigem Beispiel vorangegangen. Die Chinesen haben viele ihrer Kanäle in der Art angelegt, dass sie nicht bloß zum Transport, sondern namentlich auch zum Schutz gegen die Zerstörungen des Wassers und als Bewässerungsmittel zur Erhöhung der Fruchtbarkeit des Landes dienen.

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• Auf epilog.de am 13. Januar 2026 veröffentlicht

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