Forschung & TechnikTechnik

Siegfried Hartmann

Wärme- und Kälteschutz

Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Ich sitze am Schreibtisch und sinne und sinne … möchte so gerne natur­wissen­schaftlich-technisch plaudern, aber die Hitze, die heute herrscht, wirkt offenbar lähmend auf meinen Gedankenkasten.

Schließlich springe ich wütend auf und werfe mich in den großen schwarzen Ledersessel, der am Fenster steht. Aber nur 1/5 Sekunde, dann bin ich auch schon wieder in die Höhe gesprungen. Das war ja verflucht heiß. Der Sessel nämlich, das schwarze Lederpolster des Großvaterstuhls. Beinahe hätte ich mir meine zarten Finger an den Seitenlehnen verbrannt.

Und so was muss mir passieren! Hätte ich mir das nicht vorher überlegen können? Hat man mir nicht schon vor vielen Jahren in der Physikstunde eingebläut, dass schwarze Körper die Wärme stark absorbieren? Und der Lehnstuhl da am Fenster wird doch nun schon seit zwei Stunden von der lieben Sonne beschienen, war es da ein Wunder, dass sein schwarzer Bezug geradezu glühend heiß wurde?

Es war überhaupt von mir eine Dummheit, dass ich den Stuhl hatte schwarz beziehen lassen. Weiß wäre das einzig Richtige gewesen. Aber dem kann abgeholfen werden.

»Frauchen«, rief ich laut ins Nebenzimmer, »du hast so schöne weiße Möbelbezüge …«

»Die du nicht leiden kannst.«

»Im Allgemeinen nicht, aber im Besonderen will ich eine Ausnahme machen: suche doch mal den Überzug für den Lehnsessel hervor und überziehe ihn.«

»Ja, warum denn?«

»Damit er nicht so schrecklich heiß wird.«

»Wieso?«

»Na, du weißt doch, dass Schwarz die Wärme besonders anzieht (ich hatte den richtigen Ton des geistig Überlegenen wiedergefunden), der Sessel wird infolgedessen so heiß, dass man sich nicht daraufsetzen kann.«

»Ja, sage mal, wenn Schwarz so warm macht, warum hast du dir denn da eigentlich heute Morgen ausgesucht ein schwarzes Lüster­jackett gekauft?« Ich muss nicht gerade ein sehr geistreiches Gesicht gemacht haben, denn meine Frau lachte laut auf.

»Du Schlauberger, was nützen dann all deine schönen Theorien, wenn du nicht danach handelst?«

»Ach bitte, störe mich nicht, ich muss schreiben.«

»Schon gut, ich verschwinde, das Lüster­jackett darf ich dann vielleicht gegen ein helles umtauschen?«

Ich antwortete nichts. Ich schämte mich. Ich schämte mich ganz außerordentlich. Und wie ich das so gewöhnt bin, trat ich zu diesem Zweck ans Fenster und starrte auf die Straße. Wie sagt der Lateiner? Solamen miseris socios habuisse malorum (Trost für jeden Unglücklichen ist es, Leidensgefährten zu haben). Ich bin nicht der Einzige, da unten trottet noch eine ganze Anzahl Menschenkinder, die bei dieser Juliglut schwarze Röcke, Blusen usw. tragen, um nur ja alle von unserer lieben Sonne entsandten Wärmestrahlen aufzufangen; auch sie haben ebenso wenig wie ich aus der Physikstunde die praktische Lehre mit nach Hause genommen, sich bei der Hitze weiß zu kleiden. Aber da drüben in der Fabrik ist man schlauer. Da stehen ein paar Männer auf dem flachen schwarzen Pappdach und pinseln es mit großer Geschwindigkeit weiß an, die eine Hälfte ist schon fertig, wie schneebedeckt glänzt sie im strahlenden Sonnenlicht. Das werde ich mir für meine Laube merken. Die bekommt auch ein weißes Dach.

Ja, ist denn überhaupt Weiß das Beste? Kann ich nicht noch schlauer sein? Selbstverständlich. Blank polierte Metallflächen, lehrt uns der Naturforscher, reflektieren rund 95 %, aller auftreffenden Licht- und Wärmestrahlen, Silber steht dabei in erster Linie. Poliertes Silberblech ist mir nun allerdings als Bedachung für meine Laube etwas zu teuer. Doch als ich darüber sinne, ob sich nicht etwas Billigeres finden lässt, kommt mir ein anderer großartiger Gedanke: wie wäre es mit Spiegeln? Spiegel in die Doppelfenster eingesetzt und dann während der heißen Tagesstunden diese geschlossen. Der Gedanke erscheint etwas eigenartig, meine Nachbarn werden mich wahrscheinlich für etwas übergeschnappt halten, wenn sie statt Fensterscheiben lauter Spiegel bei mir in den Fenstern erblicken und statt der Geheimnisse meines Haushaltes ihr eigenes Antlitz beim Herüberschauen wahrnehmen. Doch was frage ich danach. Ein guter Spiegel wirft die Wärme fast vollständig zurück, besser als alle Fensterläden, noch dazu, wenn sie wie meine dunkelgrün gestrichen sind (wieder so eine Dummheit), schade nur, dass er kein Licht durchlässt. In meinem Arbeitszimmer kann ich diese Methode nicht anwenden, wenn ich nicht am hellen, lichten Tag bei künstlichem Licht arbeiten will. Gibt es da kein anderes Mittel? Gewöhnliches Glas lässt Licht- und Wärmestrahlen gut durch, Steinsalz noch besser, so viel weiß ich. Ich wälze also in meinen Physikbüchern. Ist das nicht ein Hohn? Da steht: »Die Durchlässigkeit für Wärmestrahlen ist am geringsten bei Eis, dieses lässt zwar Lichtstrahlen, aber schon in Stärke von zwei Millimetern keine nennenswerten Mengen von Wärmestrahlen durch.«

Ob sich der Mann, der das schrieb, jemals darüber klargeworden ist, dass diese weisheits­volle Feststellung für die Kulturmenschheit gänzlich wertlos ist? Die zwei Millimeter starke Eisschicht wird nicht lange Eis bleiben, wenn ich sie als Wärmeschutz an Stelle von Fensterscheiben einsetze. Aber halt, da steht etwas anderes Brauchbares: »Destilliertes Wasser lässt nur 11 % der auftreffenden sichtbaren und unsichtbaren Wärmestrahlen durch.« Nun kann man zwar aus Wasser keine Scheiben herstellen, aber man kann Wasser zwischen zwei Scheiben füllen; mit anderen Worten: Das äußere und das innere Doppelfenster werden wasserdicht verkittet, und dann wird Wasser zwischen­gefüllt. Ob damit meine Frau einverstanden sein wird? Sie wollte überhaupt die Doppelfenster schon längst auf den Boden schaffen lassen. Ich musste ihr erst mühsam klar machen, dass das ein ganz verkehrtes Unternehmen wäre. Einmal halten ja die Doppelfenster auch ohne Zwischenfüllung von destilliertem Wasser wie im Winter die Kälte, so im Sommer die Wärme ab, und dann bilden sie einen vorzüglichen Fangkasten für den Staub und Schutz gegen den im Sommer meist größeren Straßenlärm.

Na, ich werde mir die Sache mit dem destillierten Wasser noch mal überlegen. Ob man nicht vielleicht durch Färbung des Glases eine Wirkung erzielen könnte? In meinem Physikbuch sind zwei Linien gezeichnet, aus denen man erkennen kann, wie sich die Intensi­vität des Lichtes und die der Wärme über die verschiedenen Farben des Sonnenspektrums verteilen. Im Gelbgrünen ist danach die stärkste Lichtwirkung vorhanden, die stärkste Wärmewirkung dagegen im Rot. Die Wirkung der Wärme nimmt ab nach dem Grün und Blau zu. Also grünes oder noch besser blaues Glas als Fensterscheiben. Ja, wenn nur die bunten Gläser spektroskopisch reine Farben hätten. Aber hier ist eben leider ein großer Schritt von der Theorie zur Praxis, richtiger noch, eine klaffende Lücke. Aber versuchen könnte man es ja einmal. Gibt uns nicht Mutter Natur ein Beispiel, ist es unter dem grünen Laubdach der Wälder nicht vielleicht auch aus diesem Grund so schön kühl? Also grüne Fensterscheiben.

»Frrrauchen!! ...«

»Schatz?«

»Sag mal, die Fensterscheiben lassen mir zu viel Wärme durch. Ich schwanke eben, ob ich mir soll grüne oder blaue Scheiben einziehen lassen oder destilliertes Wasser zwischen­füllen.«

»Die Hitze wirkt bei dir aber sehr eigentümlich. Willst du nicht lieber eine kalte Dusche nehmen?«

»Gestatte, ich spreche durchaus im Ernst.«

»Ich auch. Was nutzt es dir denn, wenn du der Wärme den Eintritt durch das Fenster verwehrst. Als wenn sie nicht auch auf anderen Wegen herein könnte! Fühle bloß mal hier die Wand, wie heiß die ist, die wirkt allein schon wie ein Ofen.«

Da war ich wieder geschlagen. So geht es einem, da vertieft man sich gründlich in irgendein Problem und vergisst darüber, dass sich die Welt nicht aus einem, sondern aus Dutzenden und Aber­dutzenden von Problemen zusammensetzt. Ich hatte natürlich bloß wieder an die strahlende Wärme gedacht und nicht an die durch ›Leitung‹ in beträchtlichen Mengen durch die Wände übertragene, obwohl ich erst vor kurzem hierüber eine längere Abhandlung schrieb. Und dabei ist die Wirkung der durch die Wände geleiteten Wärme viel beträchtlicher, als die durch unsere Fenster strahlende. Froh können wir sein, dass sich hier für Winter und Sommer das Gleiche schickt: je schlechter die Wände die Wärme leiten, desto besser, dann kommt im Winter keine Kälte und im Sommer keine Wärme so leicht durch.

Leider war der Erbauer meines Hauses keiner von der alten Schule, die nicht mit Mauersteinen sparten, und, ohne Diplom einer Hochschule, mehr den Lehren der Wissenschaft gemäß bauten, als unsere modernen Architekten, die zwar jahrelang Vorlesungen über den Wärme­trans­missions-Koeffizienten hören, aber trotzdem uns solch dünnwandiges Gemäuer hinsetzen. Je dicker die Wand, desto besser, nicht der Haltbarkeit wegen, sondern der Behaglichkeit halber.

»Na, willst du duschen?«, unterbricht mich meine Frau, die diese Abkühlung für mich offenbar für sehr nötig hält.

Und ich gehe duschen und konstatiere mit Vergnügen, dass das Wasser die Wärme schneller abführt als Luft, und dass darauf die erfrischende Wirkung beruht.

Entnommen aus dem Buch:
Naturwissenschaft und Technik bilden die Grundpfeiler unserer Kultur. Alles, was das moderne Leben von früheren Epochen der Menschheit in charakteristischer Weise unterscheidet, beruht in letzter Linie auf den Fortschritten des Naturerkennens und der wachsenden Fähigkeit, Kräfte der Natur in den Dienst der Menschen zu zwingen.
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.
  PDF-Leseprobe € 18,90 | 182 Seiten | ISBN: 978-3-695-71317-2

• Auf epilog.de am 4. Juli 2026 veröffentlicht

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