Forschung & TechnikTechnik

Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Der Kampf des Leuchtgases gegen das elektrische Licht

Von Max Wirth

Über Land und Meer • Februar 1879

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Während unter den Erfindern eine Pause eingetreten zu sein scheint, welche dazu benutzt wird, um für die neue Entdeckung der physikalischen Teilbarkeit des elektrischen Lichtes die für die Praxis geeignetste Methode herzustellen, und während daher vorläufig noch, außer dem Einzellicht, Jabloch­koff und Lontin mit ihrer mechanischen Teilung des elektrischen Lichtstroms das Feld behaupten, machen die Gasgesellschaften, sowohl in Paris wie in London, große Anstrengungen, um sich des gewaltigen Konkurrenten durch Erhöhung der Leuchtkraft der Gaslampen zu erwehren. In Paris war die Gesellschaft für elektrische Beleuchtung, welche sich mit der Ausbeutung des Jabloch­koff-Systems befasst, darum einge­kommen, eine Konzession auf drei Jahre für die Aufstellung von 170 elektrischen Lampen an Kreuzungspunkten von Paris zu erlangen. - R E K L A M E - Das Licht der Zukunft Der Seine-Präfekt hat das Gesuch bereits genehmigt und sich zugunsten der Gesellschaft bei der Stadtgemeinde von Paris verwendet. Die Letztere hat eine Kommission ernannt, welche mit der Aufgabe betraut wurde, die Erfahrungen zu untersuchen, welche während des Sommers 1878 bei den verschiedenen Beleuchtungseinrichtungen nach Jabloch­koff-System in Paris gemacht worden sind. Diese Kommission hat kürzlich ihren Bericht erstattet; derselbe ist aber nicht so günstig ausgefallen, um den Magistrat von Paris zur sofortigen unbedingten Genehmigung des Konzessionsgesuches zu vermögen. Die Kommission ist nämlich durch die Summe ihrer Beobachtungen zu dem Schluss gekommen, dass das Jabloch­koff-System noch nicht alle Anforderungen befriedigt, welche man an eine perfekte Beleuchtung zu stellen berechtigt ist. Es sind insbesondere im Laufe des Sommers bei den verschiedenen Einrichtungen der Beleuchtungen des Jabloch­koff-Systems gegen sechzig Fälle vorgekommen, wo vier und sogar 14 und 16 Lampen von 64 eine bis zehn, ja 15 bis 45 Minuten lang erloschen. Das Komitee spricht daher die Ansicht aus, dass an eine Einführung im größeren Maßstab noch nicht zu denken sei, bevor es nicht gelungen ist, diesen Missstand vollständig zu beseitigen. Denn solange derselbe andauert, kann bei der Beleuchtung das Gas nicht entbehrt werden, weil man jeden Augenblick in Gefahr ist, in völlige Finsternis zu geraten. Die Stadtgemeinde hat sich daher dahin entschieden, zu verlangen, dass noch weitere Versuche während dieses Jahres gemacht werden, um namentlich das Leistungsvermögen und die Kosten der elektrischen Beleuchtung nach dem Jabloch­koff-System im Vergleich zum Leuchtgas zu ermitteln. Die Pariser Gasgesellschaften haben nämlich erklärt, dass bezüglich der Vervoll­kommnungs­fähigkeit der Leuchtkraft des Gases noch nicht das letzte Wort gesprochen sei und dass sie sich vielmehr der Hoffnung hingeben, durch neuere Vorkehrungen ähnliche Resultate namentlich für die Beleuchtung großer Plätze zu erzielen, als wie die bisherige elektrische Beleuchtung. Es werden daher im Laufe dieses Jahres an verschiedenen Punkten von Paris vergleichende Versuche zwischen Einrichtungen des Jabloch­koff-Systems und neuen Gaslampen angestellt werden. Erst, bis das Ergebnis dieser neuen Experimente in einem weiteren Bericht zusammengestellt ist, wird die Stadtgemeinde von Paris über ihre weiteren Schritte schlüssig werden.

Auch Londoner Gasgesellschaften sind ernstlich am Werk, durch verbesserte und ausgiebigere Einrichtungen die Leuchtkraft des Gases zu vermehren und dadurch einerseits vielen Klagen des Publikums sowie der Konkurrenz des elektrischen Lichts zu begegnen. Freilich kann dies nicht geschehen, ohne die Kosten des Gaslichtes bedeutend zu vermehren. Dies ist aber wenigstens für die Beleuchtung von Plätzen und Straßen so lange nicht von wesentlichem Belang, als der billigere Preis des elektrischen Lichtes praktisch noch nicht erwiesen ist, denn wenigstens das Licht nach dem Jabloch­koff-System kommt bedeutend teurer zu stehen. Die Phönix-Gasgesellschaft hat daher kürzlich, nach eingeholter obrigkeitlicher Genehmigung, eine Strecke von ungefähr 450 m zwischen der Waterloo Bridge und dem Südbahnhof in London nach neuem System beleuchtet. Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Gesellschaft die Angelegenheit in die Hand nahm, war diese Strecke der Straße mittels 22 Gaslaternen erleuchtet, wozu noch sechs an der Kreuzung der Poststraße kamen. Die Gesamtlichtstärke dieser Laternen war ungefähr gleich 264 Carcel-Brennern und die Gesamtkosten jährlich 93 Pfund 10 Schilling oder 5¼ Pence pro Stunde. - R E K L A M E - Seilschwebebahnen für den Fernverkehr von Personen und Gütern Das Erste war nun, die alten Laternen zu entfernen und sie durch 48 andere von neuer Konstruktion zu ersetzen, von denen jede eine Lichtstärke von 15 Carcel-Brennern besitzt, während die früheren nur eine Lichtstärke von 12 Kerzen hatten. Auch wurde die Entfernung zwischen den Lampen fast auf ein Drittel der früheren reduziert. Zugleich sind die Laternenpfähle um 60 cm kürzer als die gewöhnlich gebrauchten, so dass das Licht näher an den Boden gebracht wird. Außerdem sind die neuen Laternen nach Art des Diamantschliffes vieleckig geformt, einige Gläser an der Decke und einige am Boden flach. Manche sind achteckig, andere, namentlich die großen, zwölf­kantig, und bei sämtlichen ist der eiserne Rahmen, aus welchem gewöhnlich die Laterne besteht, entfernt und so eine Hauptursache des Schattens auf dem Pflaster beseitigt. Am Scheitel der Laternen ist Opalglas eingesetzt, welches eine größere Lichtmenge als gewöhnlich auf das Pflaster wirft. Diejenigen Laternen, welche oben flach sind, werfen einen Schatten unter ihrem Rahmen auf das Pflaster, was bei den neuen Laternen mit flach­wink­ligem Boden nicht der Fall ist. Die sechs Laternen an der Straßenkreuzung sind durch zwölfeckige Lampen mit Decken aus Opalglas ersetzt worden, welche mit neuen Brennern versehen sind, die eine Lichtstärke von 130 und 200 Carcel-Brennern haben. An jeder der vier Ecken der Kreuzung befindet sich eine Laterne mit einem Argand-Brenner von 50 Kerzen Stärke, welche zusammen mit den anderen Lampen eine bedeutend bessere Beleuchtung liefern als früher.

Es werden überdies Brenner von ganz neuer Konstruktion nach einer Erfindung von William Lugg in Westminster verwendet, von dem überhaupt die neue Laterne herrührt. Diese Brenner sind aus chinesischem Speckstein gemacht. Statt der geraden Spalte, welche das Gas entströmt, hat er zwei konzentrische kreisförmige Einschnitte, wie für Rundbrenner, so dass zwei zylindrische Flammen ineinander brennen. Eine Lampe von 500 Kerzen Lichtstärke hat fünf solche konzentrische Brenner; die von geringerer Lichtstärke haben 2, 3 oder 4 solche konzentrische Flammen. Selbstverständlich entsteht aus dieser Konzentration des Lichts eine intensivere Hitze, durch welche die Kohlenbestandteile im Gas zu stärkerem Weißglühen gebracht werden. Diese Gasflammen sind daher viel weißer und leuchtender. Mit solchen Lampen können z. B. die Farben der Gemälde zu Süd-Kensington genau unterschieden werden. Die vom Gas stark erhitzte Luft wird durch einen Ventilator an der Decke rasch entfernt und durch einen Strom kalter Luft ersetzt, so dass kein Nachteil von der größeren Hitze der Lampen entsteht. - R E K L A M E - Zeitreisen mit Bergbahnen und nach London Der vollständige Verschluss der Lampe am Boden und an den Seiten schützt die Flamme gänzlich vor Windstößen, so dass sie auch bei dem stür­mischsten Wetter stet brennt. Die Laterne kann zum Putzen geöffnet werden; zum Anzünden ist dies aber nicht nötig, sondern dies geschieht durch eine besondere Vorkehrung. Eine kleine Miniaturflamme wird nämlich fortwährend im Mittelpunkt der Kreise des Argand-Brenners genährt. Zum vollständigen Entzünden der ganzen Flamme bedarf es dann nur des Drehens des Hahns. Durch diese Vorkehrung, welche das Öffnen der Laterne entbehrlich macht, wird das Anzünden außerordentlich erleichtert und eine große Menge Gas dadurch gespart, dass die Laternen in viel kürzerer Zeit nacheinander angezündet werden und daher nicht mehr, wie jetzt teilweise schon am Tage, angezündet werden müssen, um überall rechtzeitig fertig zu werden. Es wird nämlich der Vorschlag gemacht, bei der neuen Einrichtung die Lampenanzünder zu Pferde ihre Aufgabe erfüllen zu lassen. Noch mehr vereinfacht wird das Anzünden natürlich, wenn die Methode von Fox, die Gaslampen mit Hilfe elektromagnetischer Leitungen auf einmal anzuzünden und auszulöschen, sich praktisch bewähren sollte. Bis jetzt ist diese Erfindung freilich noch nicht über das Stadium des Experiments hinausgegangen.

Alle diese Verbesserungen können natürlich nicht bewerkstelligt werden ohne eine bedeutende Vermehrung der Kosten im Vergleich zu der bisherigen mangelhaften Methode der Gasbeleuchtung. Angewandt auf die 450 m lange Versuchsstrecke würden die Kosten von 5¼ Pence in der Stunde auf 1 Shilling 2 bis 5 Pence erhöht werden! Allein es ist nicht zu vergessen, dass die Gasgesellschaften bei dieser Neuerung die Konkurrenz mit dem Jabloch­koff-System im Auge haben, welches sehr bedeutend teurer zu stehen kommt als die jetzige Gasbeleuchtung. Anders würde die Sache sich freilich stellen, sobald es einem der mit Jabloch­koff konkurrierenden Erfinder gelingt, durch die physikalische Teilung des elektrischen Lichtes die Kosten desselben bedeutend zu ermäßigen.

• Auf epilog.de am 10. Juni 2026 veröffentlicht

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