Verkehr – Fernmeldewesen
Die Sendestadt der Zukunft
Von Hans Dominik
Die Woche • 9.10.1920
An einem regnerischen Märztage des Jahres 1906 lief ein Ingenieur, begleitet von einem Monteur, durch das Havelländische Luch bei Nauen, steckte mit einer Schnur Entfernungen ab und schlug schließlich einen Holzpflock in den sumpfigen Grund. Das war die Grundsteinlegung der funkentelegrafischen Station Nauen. Vierzehn Jahre später, am 29. September 1920, wurde hier die größte Funkenstation der Welt feierlich eingeweiht. Wo einstmals ein simpler Pflock den Grundstein markieren musste, erhebt sich jetzt ein schön stilisierter Riesenbau, in welchem 750 elektrische Pferdestärken in hochfrequent schwingende elektrische Energie umgesetzt werden. Über Stahltürme von 250 m Höhe dehnt sich ein Luftdrahtnetz, das die Fläche eines mittleren Rittergutes bedeckt, und die schwingende Energie, die aus diesem Gebilde herausstrahlt. trägt die Botschaften von Nauen um die halbe Erde. Nur noch Sendestation ist Nauen heute. Unaufhörlich schmettern die Maschinensender Tag und Nacht die Depeschen hinaus, geben bis zu zehn Millionen Wörter im Jahr. Dagegen werden die Nachrichten, die von den anderen Sendestationen der Welt nach Deutschland flattern, in der Empfangsstation in Alt-Geltow bei Potsdam aufgenommen. Man sieht wohl, dass in 14 Jahren mancherlei geworden, Beträchtliches geschaffen ist. Und die Frage wird laut: Wie wird es hier in abermals 14 Jahren, in 30 oder in 40 Jahren aussehen?
Das Nauen von morgen. Die Großsendestation mit Antennen, die auf eine Energiesendung auf bestimmte Empfangsorte eingestellt sind.
Man könnte geneigt sein, an eine weitere Steigerung der Maschinenleistung zu denken, von einer Station zu träumen, die nicht Hunderte, sondern Hunderttausende von Pferdestärken in den Raum strahlt, deren Depeschen ebenso sicher den Mars und die Venus erreichen, wie heute Amerika und Afrika. Aber das Gegenteil ist zu erwarten. Nicht eine Steigerung der Quantität, sondern der Qualität liegt in der Richtung der technischen Weiterentwicklung. Die Zukunft gehört der Hochfrequenzmaschine, die ebenso betriebssicher wie irgendeine gewöhnliche Wechselstrommaschine den hochfrequenten Telegrafierstrom erzeugt. Aber die Hauptsache dabei wird es sein, diese Maschine in ihrer Tourenzahl mathematisch genau zu regulieren, Schwingungen mit ihr zu erzeugen, die bis auf Bruchteile eines Zehntausendstels gleiche Wellenlänge behalten. Dann, aber auch nur dann wird es möglich sein, mit erheblich geringeren Energiemengen als heute um die Erde zu telegrafieren; denn für die wirklich genau gleichbleibende Wellenlänge können die Empfangsapparate sehr viel empfindlicher eingestellt werden, als es heute möglich ist.
Und es wird auch die gerichtete Wellentelegrafie wirklich praktisch und betriebsmäßig möglich werden. Man wird die Erde beispielsweise von Nauen aus in acht Oktanten teilen, wie es unsere Abbildungen veranschaulichen. Die heutige Sendestation wird sich dann zur Sendestadt auswachsen. Vom Krafthaus aus werden sich sternförmig nach den acht Weltrichtungen hin acht gerichtete Antennen erstrecken. Nur nach der einen Richtung hinweg strahlt jede dieser Antennen ihre schwingende Energie, und je weiter die Technik fortschreitet, je genauer die Regulierung der Wellenlänge gelingt, um so schmaler wird auch das Gebiet werden, auf welchem die ausgestrahlte Energie bei ihrem Flug um die Erde konzentriert bleibt.
Unterseekabel wird man zu dieser Zeit kaum noch kennen. Von allen Teilen Deutschlands her laufen die Drahtleitungen in Nauen zusammen und bringen die Telegramme dorthin. Der Schreibapparat, der sie dort empfängt und aufzeichnet, ist elektrisch mit einem Lochschreiber gekuppelt, der die ankommende Botschaft sofort in Form verschiedenartiger Perforierungen auf einen Papierstreifen überträgt. Dieser Streifen aber wandert nun weiter zum Maschinensender desjenigen Oktanten, in dessen Bereich die Bestimmungsstation der betreffenden Depesche liegt. Mit Gedankenschnelle rast der Streifen zwischen einer Metallwalze und einer elastischen Metallfeder hindurch. Bei jeder Perforation des Streifens gibt es Kontakt, strahlen Wellen in den Raum, und viel schneller, als man sie lesen könnte, ist die Depesche am Empfangsort aufgenommen. Konnte die alte Station mit Maschinensendern zehn Millionen Wörter im Jahre geben, so wird die Sendestadt in der hier geschilderten Form deren 80 Millionen befördern können.
Aber immer weiter schreitet die Technik, immer schärfer lässt sich die Energie konzentrieren, immer geringer werden die Energiemengen, welche für die Übermittlung der Depeschen nötig sind, und kleiner können auch die Antennen werden. Desto schärfer muss aber auch die jeweilige geometrische Einstellung der Antenne auf den Bestimmungsort der Depesche werden, und damit kommen wir zum nächsten Abschnitt in der technischen Entwicklung der Sendestadt. An die Stelle der festen tritt die schwenkbare Antenne. Wir haben eine ähnliche Entwicklung mit den Luftschiffhallen erlebt, die auch, trotz ihrer gewaltigen Längen, schwenkbar eingerichtet werden mussten, um eine sichere Bergung der Luftschiffe bei jeder Windrichtung zu erreichen. So wird man denn auch dazu kommen, solche Drahtharfen, die in Domhöhe und Luftschifflänge gespannt sind, schwenkbar zu erbauen, eine Aufgabe, an der die Konstrukteure des vierten Jahrzehnts sich die Sporen verdienen mögen. Um das Krafthaus herum liegen jetzt diese einzelnen drehbaren Antennen, acht oder zwölf, soviel der Betrieb eben erfordert. Auf Bogengrade genau wird jede Antenne auf die jeweilige Bestimmungsstation mittels Maschinenkraft in wenigen Sekunden eingestellt und genau gerichtet; beinahe auf die Linie konzentriert, fliegt die ausgestrahlte Energie ihrem Bestimmungsort entgegen.
Das künftige Nachrichten-Wellennetz um den Erdball. Die aus gerichteten Antennen strahlende Energie strömt geschlossen in der Anfangsrichtung weiter.
Eine Sendestadt ist entstanden. Wenn auch Maschinen und Apparate die Arbeit beinahe automatisch besorgen, so sind zur Überwachung und zur Bedienung doch Menschen notwendig. Die Beförderung von einer Million Wörter an jedem Tag erfordert einen nicht unbeträchtlichen Stab. Im Starkstromkabel kommt von der Überlandzentrale die elektrische Energie her und wird in den Hochfrequenzmaschinen und Frequenzwandlern auf die gewünschte Form gebracht. Auf Schwachstromleitungen kommen, wie bereits gesagt, die Telegramme selbst an und werden im Empfangsraum verbucht und kontrolliert, um alsdann drahtlos in die Welt zu flattern. Nicht mehr in alle Welt, wie früher einmal, sondern nur auf der Linie ihrer Bestimmung. Tag und Nacht geht der Betrieb wie auf einem Ozeandampfer. In regelrechter Schicht löst sich das Personal ab, und naturgemäß hat sich den maschinellen und technischen Anlagen auch eine kleine Wohnstadt angegliedert. Schon reichen die drehbaren Antennen nicht mehr aus, und die Technik des Mehrfachsendens kommt zu ihrem Rechte. In Duplex-, Triplex- und Quadruplex-Schaltung strahlt ein und dieselbe Antenne gleichzeitig zwei, drei oder vier Depeschen mit verschiedenen Wellenlängen in die Richtung ihres Kraftflusses hinaus.
Und dann schließlich der letzte, gewaltigste Sprung. Die drahtlose Überseetelefonie ist für den praktischen Betrieb reif geworden. In direkter Schaltung kann jeder Telefonteilnehmer Deutschlands an den Übermittlungsapparat in Nauen gelegt werden, welcher die Kurven der Sprachschwingungen der Amplitude der Hochfrequenz aufdrückt. An der Station in Sayville in Amerika aber liegt der Telefonteilnehmer in New York oder Chikago, mit welchem der Deutsche sprechen will. Und sie verständigen sich so klar und störungsfrei, wie es heute auf dem Draht kaum möglich ist. Das wird die dritte Epoche in der Entwicklung der Sendestadt sein, wenn neben 40 – 50 Depeschen auch gleichzeitig noch ein paar Hundert Telefongespräche über den Ozean fliegen. Wie eine Mythe aus längst versunkenen Tagen wird dann die Geschichte von einem Ingenieur erzählt werden, der hier einmal einsam durch Luch und Bruch schritt, um den Grundstein von ›Nauen‹ zu legen.