VerkehrFernmeldewesen

Neues vom Telefon

Von Hans Dominik

Die Woche • 24.11.1906

Voraussichtliche Lesezeit rund 8 Minuten.
Tischapparat für SchwerhörigeTischapparat für Schwerhörige.

Dem Engländer sagt man nach, dass er Ochs schreibe und Kuh spreche, aber wir Deutschen machen es nicht viel besser. Wenn wir Telefon sagen, meinen wir wenigstens jedes zweite Mal Mikrofon. In der Tat gehören Telefon und Mikrofon zusammen wie Pulver und Blei. Eins ist nichts ohne das andere. Mikrofon und Telefon zusammen bilden erst jenen Apparat, den wir kurzweg Telefon zu nennen pflegen.

Zum allgemeinen Verständnis wird es notwendig sein, in aller Kürze auf den Unterschied einzugehen. Das Ding, in das wir bei unseren Apparaten hinein­sprechen, ist das Mikrofon, jenes, das wir ans Ohr halten, das Telefon. Das Mikrofon besteht in der Hauptsache aus einer Portion Kohlenpulver, die sich zwischen einem Metallbehälter und einer von diesem isolierten Eisen­membrane befindet. Wenn wir gegen die Membrane sprechen, so führt diese Schwingungen aus und presst dadurch das Kohlenpulver mehr oder weniger zusammen. Dieses Kohlenpulver ist nun aber in einen Stromkreis eingeschaltet, dessen einer Pol an der Membrane, dessen anderer an dem metallischen Pulver­behälter liegt. Der Strom muss sich also durch das Pulver hindurcharbeiten, und das wird ihm leichter, wenn es gepresst ist, schwerer, wenn es locker liegt. Infolgedessen fließt der Mikrofon­strom, den ein gewöhnliches Trockenelement liefert, bald stärker, bald schwächer, je nachdem irgendwelche Laute die Mikrofon­membrane treffen.

Diesen Mikrofonstrom führt man nun zum Telefon. Das ist ein Stahlmagnet, um dessen Weicheisenpol ein isolierter Draht in vielen Windungen herumgelegt ist. Vor diesem Magneten ist wiederum eine Eisen­membrane eingespannt. Je nachdem nun die Mikrofon­ströme in dieser oder jener Richtung die Drahtspule des Telefonmagneten durchfließen, verstärken oder schwächen sie den Magnetismus. Dementsprechend wird die Membrane bald angezogen, bald losgelassen. Sie vollführt Schwingungen genau entsprechend denen, die man vor dem Mikrofon erzeugt hat, sie gibt die Rede, die man in das Mikrofon sprach, deutlich wieder. Das Mikrofon lässt sich nun für sehr verschiedene Empfindlichkeiten bauen. In unserem Reichstelefonbetrieb benutzen wir es nur, um die unvermeidlichen Stromverluste in den langen Leitungen auszugleichen. In der Tat sprechen unsere Telefone keineswegs übertrieben laut. Als aber das Mikrofon noch eine neue Erfindung war und in populären Vorträgen demonstriert wurde, verwandte man dazu hochempfindliche Mikrofone, und zwar häufig in Verbindung mit Demon­strations­mikros­kopen. Man nahm als Objekt beispielsweise eine Stubenfliege, die über die Mikrofon­membrane kroch. Das Mikroskop warf das Bild der Fliege in der Größe eines tüchtigen Kalbes an die Wand, und gleichzeitig vergrößerte das empfindliche Mikrofon das minimale Geräusch der Fliegentritte, dass es sich anhörte wie das Getrampel eines Rhinoze­rosses.

Unterseeische HörapparateUnterseeische Hörapparate. In der Mitte ein besonders empfindlicher Apparat, der den Ton einer Glocke auf 12 Mailen Entfernung anzeigte.
Winde mit SignalglockeDie Winde, mit der die Signalglocke ins Meer versenkt wird.

In neuerer Zeit hat man diese vergrößernde Eigenschaft des Mikrofons wiederum für verschiedene Zwecke nutzbar gemacht. Da sind zunächst die Apparate für Schwerhörige, die geeignet sein dürften, das wenig wirksame Hörrohr vollkommen zu verdrängen. Bei einem recht handlichen Apparat trägt der Schwerhörige in der inneren Brusttasche ein kleines Trockenelement, von dem aus zwei Doppelleitungen abgehen. Die eine führt durch den Ärmel bis zur Bandfläche und endigt dort in ein winzig kleines, aber desto stärkeres Telefon, also einen Hörer, der nicht größer ist wie eine Taschenuhr. Die andere Leitung geht zu einem kleinen Mikrofon mit Schallbecher. Sie tritt durch ein Knopfloch aus, und im Allgemeinen wird das Mikrofon in der äußeren Rocktasche getragen. Will sich der Schwerhörige unterhalten, so bringt er die Hand mit dem Telefon ans Ohr und hält dem anderen das Mikrofon zum Hinein­sprechen entgegen, bzw. gibt es ihm in die Hand. Auch bei gedämpfter Sprache brüllt das kleine Telefon dermaßen, dass gesunde Ohren den Versuch überhaupt nicht aushalten und selbst Halbtaube deutlich hören.

An anderer Stelle benutzt man die Feinhörigkeit des Mikrofons für die Zwecke der Signalgebung unter See. Es ist bekannt, dass Wasser den Ton einer Glocke meilenweit fortleitet. Die Schwierigkeit besteht nur darin, diese Töne auch zu hören. Ein Schwimmer oder Taucher würden sie gewiss vernehmen. Als Hörapparat dient hierzu ein hochempfindliches Mikrofon, dessen Membrane den Teil eines wasserdichten Gehäuses bildet, das den ganzen Apparat umschließt. Eine solche Konstruktion kann man auch bei fahrenden Schiffen bequem in die See tauchen. Jeder Glockenton nun, der durch das Wasser kommt und in der Luft unhörbar ist, trifft die Membrane des schwimmenden Mikrofons, und das Telefon, das mit diesem verbunden ist und bequem in irgendeiner Kajüte steht, gibt die Glockentöne hell und deutlich wieder. Unsere Abbildungen zeigen einige der Glocken und wasserdichten Mikrofone, die bei derartigen englischen Versuchen benutzt wurden und eine Verständigung auf mehrere Hundert Kilometer gestatteten. Man geht in dieser Hinsicht noch weiter und benutzt das Mikrofon nicht nur, um solche Glockensignale zu übermitteln, sondern um auf einem liegenden Schiff auch die Annäherung fahrender Schiffe kundzutun. Ebenso wie der Ton einer Glocke muss sich ja naturgemäß auch das Geräusch der arbeitenden Schrauben oder eines schnell vorwärts­eilenden Schiffskörpers weithin im Wasser verbreiten. So liegt denn ein Panzer in dunkler, nebliger Nacht ruhig auf dem Wasser und hat ein derartiges Mikrofon versenkt. In der Kajüte hat der Wacht­habende das Telefon am Ohr. Plötzlich vernimmt er ein unregelmäßiges Stampfen und Rauschen. Merklich wird es stärker. Seine Hand greift zum Hebel. Das Alarmsignal ertönt. Hellauf leuchten die Scheinwerfer in den Gefechtsmasten und lange, bevor die Mannschaft einen Schuss abgeben kann, ist die feindliche Torpedoflotte gesichtet und unter Feuer genommen.

SignalglockeEmpfänger für unterseeische Glockensignale (links) und unterseeische Signalglocke (rechts).
Hörapparat in der KajüteDer Hörapparat für unterseeische Glockensignale in der Kajüte.

Ferner hat man auf Eisenbahnzügen versuchsweise Telefon zwischen dem Lokomotivführer und dem Zugführer eingerichtet. Die Anlage, die unter Umständen eine eminente Wichtigkeit erlangen kann, gestattet auch während der Fahrt den Austausch wichtiger Mitteilungen.

Auch das gewöhnliche Telefon hat in letzter Zeit eine hübsche Verbesserung oder, wenn man will, Erweiterung erfahren. Wir rufen mit unserem Apparat unseren geliebten Freund Schulze an. Von dort ertönt eine Stimme: »Herr Schulze ist ausgegangen, aber das Telegrafon ist hier. Sagen Sie, was es Herrn Schulze bestellen soll.«

Was so zu uns spricht, ist der Poulsen­sche magnetische Phonograph, der in letzter Zeit unter dem Namen Telegrafon in Verbindung mit den üblichen Telefonapparaten geliefert wird. Wir erzählen nun alles in den Apparat, was Herr Schulze wissen soll, und hängen dann den Hörer an. Nach zwei Stunden kommt besagter Schulze nach Hause, drückt auf einen Knopf seines Apparats, und sofort erzählt ihm das Telegrafon mit deutlicher Stimme all das, was wir vorhin in den Apparat sprachen. Aber Schulze kommt aus seinem Stammlokal und ist daher etwas schwer von Begriff. Ein erneuter Druck auf den Knopf, und der Apparat beginnt seine Rede von neuem und wiederholt sie so oft, bis sein Herr alles begriffen hat. Das Telegrafon vermittelt aber nicht nur Bestellungen in der beschriebenen Weise. Es nimmt auch ganze Gespräche mit Rede und Gegenrede auf. Man kann daher mit seinem Rechtsanwalt in Ruhe telefonisch einen Vertrag besprechen, ohne eines Bleistifts zu benötigen. Das Telegrafon behält alles und man hat nachher eine gute Kontrolle, ob der Vertrag den Wünschen entspricht.

LokomotivführerDer Lokomotivführer während der Fahrt im Gespräch mit dem Zugführer.

Endlich hat sich das weit verbreitete Geschlecht der Telefone ins große und kleine entwickelt. Die Riesen unter den Telefonen sind die laut­sprechenden Apparate für Grubenbetriebe, Maschinenhäuser usw. Ihre Hörer sind reichlich massiv und gigantisch. Dafür enthalten sie aber auch besonders große Magnetsysteme und schreien ihre Nachrichten mit solcher Vehemenz in die Welt, dass man sie auch zwischen dem Lärm laufender Maschinen und rollender Grubenwagen wohl versteht. Auch während des Donners einer Seeschlacht sichern sie eine zuverlässige Verständigung zwischen dem Kommandoturm des Panzers und den verschiedenen Geschütztürmen und Maschinenräumen.

Und neben dem Riesen nun der Zwerg. Es ist das Pherophon, ein lili­putaner­haftes Telefonchen, von dem man ein halbes Dutzend in die Rocktasche stecken kann. Das Kleine Ding kann an jede beliebige Hausklingelanlage angeschlossen werden und dient zur Verständigung zwischen den verschiedenen Zimmern einer großen Wohnung oder eines Hauses. Die gnädige Frau kann es benutzen, um von der Schlafstube aus der Köchin Bescheid zu sagen, und die verschiedenen Mieter eines Hauses können sich mit seiner Hilfe untereinander oder mit dem Portier verständigen. Dies kleine Telefon ist auch im Geschäftsbetrieb zur Verständigung der verschiedenen Büros ein wertvolles Mittel geworden und hat trotz seiner Winzigkeit eine große Zukunft vor sich.

Entnommen aus dem Buch:

Neuerscheinung

Der Ingenieur Hans Dominik (1872 – 1945) ist vor allem durch seine technisch-utopischen Romane bekanntgeworden. Dominik war aber in erster Linie Wissenschaftsjournalist und verfasste zahlreiche populärwissenschaftliche Beiträge für verschiedene Zeitschriften und Tageszeitungen. Dabei brachte er im lockeren Plauderton dem interessierten Laien wissenschaftliche Grundlagen und neue technische Errungenschaften näher. Dieses Buch versammelt eine repräsentative Auswahl seiner wissenschaftlichen und technischen Plaudereien.
  PDF-Leseprobe € 16,90 | 154 Seiten | ISBN: 978-3-695-11029-2

• Auf epilog.de am 10. Januar 2026 veröffentlicht

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