Berliner Bauwerke

Das Zentral-Hotel

Architekten v. d. Hude & Hennicke

Deutsche Bauzeitung • 18.9.1880

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Über dieses Hotel bringen wir in Ergänzung zu dem bereits  1879 in dieser Zeitung mitgeteilten wesentlichen Angaben heute die folgenden abschließenden Nachrichten:

Das im Eigentum der Eisenbahn-Hotel-Gesellschaft befindliche Etablissement steht vermöge seiner Lage, unmittelbar neben dem Bahnhof Friedrichstraße der Berliner Stadtbahn in Zweck und Art den großen Hotels nahe, welche fast auf jedem Endbahnhof der englischen Eisenbahnen im Kopfbau der Station eingerichtet zu werden pflegen und welche durch ihre direkte Verknüpfung mit den Bahnsteigen so wesentlich zur Bequemlichkeit des Reisens in England beitragen. Doch ist durch Hinzufügung eines Wintergartens nebst Bühne und einigen großen Sälen bei dem Eisenbahn-Hotel der Zweck ein weiter gehender geworden, als er bei den englischen Anlagen der Regel nach eingehalten zu werden pflegt.

Der Bau des neuen Hotels wurde unter Leitung der Architekten-Firma Hennicke & v. d. Hude im Mai 1878 begonnen und so rasch gefördert, dass derselbe exkl. des Wintergartens – dessen bauliche Vollendung noch einige Wochen Zeit erfordern wird – bereits am 1. September 1880 der Benutzung hat übergeben werden können.

Erbaut ist das Hotel — unter Hinzunahme von neun bebaut gewesenen Grundstücken – auf dem ehemals gräflich Einsiedelschen Besitztum, welches später für wenige Jahre – von 1875 bis 1878 – als ›Berliner Stadtpark‹, verbunden mit einem für öffentliche Aufführungen dienenden Theater, ein namentlich von Fremden viel besuchtes Gartenlokal Berlins war; alle älteren Baulichkeiten ohne Ausnahme sind dem Neubau zum Opfer gefallen.

Bei der rechteckigen Form des Bauplatzes mit einer Seitenlänge von 109 m zu 82,6 m nimmt das Etablissement einen Raum von rund 9000 m² ein, woran das Hotel inkl. Saalbauten und Höfe mit 6200 m² partizipiert; rechnet man die vier vorkommenden Höfe ab, so stellt sich die überbaute Fläche des Hotels auf etwa 5400 m². Der Wintergarten-Anlage sind etwa 2800 m² Raum gewidmet.

Der Hotelbau ist dreigeschossig ausgeführt. Das Erdgeschoss enthält an den vorkommenden drei Fronten – Dorotheen-, Friedrich-und Georgenstraße – 36 Verkaufsläden, die Räume eines Café-Restaurants, ein Post- und Telegrafen-Lokal, drei große und zwei kleinere Säle, sowie endlich die Büro-Lokalitäten für den Hoteldienst, welche sich sämtlich um einen großen, zur Einfahrt dienenden unüberbauten Zentralhof gruppieren. Den Zugang zu den ausschließlich in den drei oberen Geschossen angeordneten Logierräumen vermitteln eine einzige Haupttreppe, zwei Personen- und ein Gepäckaufzug und es dienen die sonst vorkommenden Treppen nur zur Verbindung der oberen Geschosse unter sich bezw. für Zwecke, die dem Hotel gewissermaßen fremd sind. In der Zusammenfassung des Hotelverkehrs an einer einzigen Stelle, wie sie hier geschaffen ist, liegen wesentliche Besonderheiten der Lösung der Aufgabe.

Das 1. Geschoss enthält 85 Logierzimmer, darunter zehn Salons, das 2. Geschoss 126 Logierräume, darunter neun Salons, endlich das 3. Geschoss 129 Logierzimmer; mit Hinzurechnung von 146 für Nebenzwecke dienende Räume umfasst das Hotel nahezu 500 Zimmer und enthält 373 Betten.

Die Zimmer sind durchgehends von einer mehr behaglichen, als luxuriösen Einrichtung; sie werden durch Dampfheizung mit Anwendung von Spiralen oder Register, die unter der Fensterbrüstung liegen – mit gänzlichem Ausschluss von Öfen – erwärmt, und ventiliert durch Mauerschlitze, in welchen die Leitungsröhren der Heizung freiliegend angebracht sind. Bemerkenswert ist bei allen zweifenstrigen Zimmern die Einrichtung, dass dieselben in der Korridorwand eine Nische besitzen, welche an beiden Seiten eine schließbare Tür hat; diese Nische gestattet das Ab- und Zutragen der Kleider etc. des Gastes, ohne dass dazu das Zimmer betreten zu werden braucht und ohne dass dabei Diebesgefahr entsteht. Eine Anzahl von nach der Wintergarten-Seite liegenden Zimmern sind mit Alkoven versehen.

Ein Kellergeschoss ist, des hohen Grundwassers wegen, nur in der notwendigsten Ausdehnung angelegt, da dasselbe nur die Räume für die Heizung, die Kochküchen und Anrichten, sowie einige Räume für Wein, Viktualien etc. enthält und die Waschküche gesondert vom Haus erbaut ist.

Für die Dampfheizung dienen drei Röhren-Kessel nach System Büttner, welche in überwölbten Räumen unter den Sälen aufgestellt sind.

Die Säle des Hotels – drei größere und zwei kleinere – schließen sich in ununterbrochener Folge aneinander und sind im Grundplan so disponiert, dass sie beliebig sowohl zum Wintergarten als zum Hotel gezogen, außerdem ganz für sich benutzt werden können. Der Abschluss zwischen je zwei der großen Säle wird durch Jalousien und Stoffportieren bewirkt und es können darnach je zwei Säle oder auch alle drei zu einem einzigen großen Raum zusammengefasst werden. Die Gesamtfläche der Säle beträgt 660 m².

Der Wintergarten besteht außer den notwendigen Zugangs- und Vorräumen aus einer 75 m langen, 22,6 m breiten Halle, welche mit eisernen Bogenbindern ohne Spannstangen und mit Rohglas überdacht ist; die Scheitelhöhe der Binder liegt 17 m über Flur der Halle. In der Mitte der einen Langseite ist für theatralische und musikalische Aufführungen eine kleine Bühne angebaut, und an der gegenüberliegenden Langseite der Halle befindet sich als Vermittelungsglied zwischen dieser und den oben besprochenen Sälen eine hohe Terrasse. Die an die Schmalseiten der Halle anstoßenden Räume des 1. Geschosses des Hotels sind als Logen für Zuschauer ausgebildet.

Zweifellos ist in der Verbindung der Säle mit dem Wintergarten ein für Festlichkeiten größten Stils, Aufzüge etc. so geeignetes Ensemble geschaffen, wie es zurzeit in Berlin noch nicht anderweitig existiert.

Was die architektonische Ausstattung des Baues anbelangt, so ist das Äußere desselben aus der beigefügten perspektivischen Skizze ersichtlich: Putzbau in Renaissanceformen in der Fassung der Berliner Schule; pikante Zutaten bilden zahlreiche Balkone mit vergoldeten Schmiedeisengittern und, zwischen dem 1. und 2. Geschoss angebracht, ein aus Einzellängen sich zusammensetzender Fries aus Goldmosaik von Salviati. Diese Friesstücke tragen die Namen der europäischen Hauptstädte und einzelne derselben Festons.

Im Inneren fordern nur die Saal-Dekorationen zur Beachtung heraus. Dieselben sind in dunkelfarbigem Stuck mit mäßiger Vergoldung und sogenannten monumentalen Malereien teils auf gespannter Leinwand, teils auf Papier ausgeführt. Stuck-Dekorationen erhält auch der Wintergarten.

Schließlich mögen die Namen der Haupt-Unternehmer und Mitarbeiter beim Bau angegeben werden: General-Unternehmer für die Maurer- und Zimmerarbeiten waren Karchow & Guthmann in Berlin; die Tischlerarbeiten fertigte G. A. L. Schultz & Co., Berlin; die Eisenkonstruktionen des Hallendaches lieferte – in besonders exakter Ausführung – die Harzer Aktien-Gesellschaft für Eisenb.-Bedarf, vorm. Thelen & Weidemeyer in Nordhausen; die feineren Schmiede-Arbeiten Puls-Berlin. Die Holzzement-Bedachung fertigte Joh. Jeserich, Berlin; die Beleuchtungs-Gegenstände lieferte Kramme, Berlin; die Telegrafen-Arbeiten Töpfer & Schädel, Berlin. Die Klempner-Arbeiten wurden teils von Peters, teils von Barella Nachfolger, beide in Berlin, gefertigt; die Heizung und Wasserleitung von David Grove, Berlin ausgeführt. Die Tapeten lieferten Gebrüder Hildebrandt, Berlin; die Malereien wurden teils von A. Hertel, teils von H. Wrage, beide in Berlin, ausgeführt; die Stuck- und Terrazzo-Arbeiten von Detoma, Berlin. Nur die Möbel und die zu Teppichen, Portieren etc. verwendeten Stoffe sind von auswärtigen Firmen bezogen, und zwar erstere von Schöttle in Stuttgart, letztere von Ganz & Co. in Mainz.

• Auf epilog.de am 16. Oktober 2022 veröffentlicht

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