Bau & Architektur

Das Kuppelgebäude zur fotografischen Aufnahme der Himmelskarte bei Potsdam

Zentralblatt der Bauverwaltung • 18.9.1890

Das Kuppelgebäude zur fotografischen Aufnahme der Himmelskarte bei Potsdam

Nachdem auf dem internationalen Astronomenkongress in Paris im Frühjahr 1887 beschlossen worden war, eine fotografische Aufnahme des Sternhimmels anzufertigen, wurde vonseiten der preußischen Regierung das astrophysikalische Observatorium bei Potsdam beauftragt, sich an diesem Unternehmen zu beteiligen. Zur Unterbringung des Refraktors, mit welchem die fotografischen Aufnahmen bewirkt werden, musste ein besonderes Gebäude errichtet werden, in welchem zugleich auch die fotografischen Arbeiten erledigt werden konnten. Dasselbe ist in den beigegebenen Abbildungen dargestellt. Es besteht aus dem durch eine Außentreppe erreichbaren Rundbau, in welchem sich das Aufnahme-Instrument befindet, und einem, kleinen, als fotografische Kammer eingerichteten Anbau. Über dem Rundbau erhebt sich eine 6 m im Durchmesser haltende schmiedeeiserne Kuppel. Diese ist, um den Refraktor nach allen Himmelsrichtungen hin gebrauchen zu können, dreh bar eingerichtet und mit einer verhältnismäßig sehr breiten Schlitzöffnung versehen, welche durch einen schmiedeeisernen Blechschieber geöffnet und geschlossen werden kann. Die Drehung der Kuppel erfolgt auf losen gusseisernen Rollen, die zwischen einem unteren, mit dem Mauerwerk fest verbundenen gusseisernen Laufkranz und einer am untern Rande der Kuppelkonstruktion angebrachten Laufschiene sich bewegen (System Grubb, Dublin). Die Bewegung selbst wird durch Drehung eines Zahnrades bewirkt, welches in eine mit der Kuppel verbundene, kreisrund gebogene Zahnstange eingreift. Da die Beobachtungen und fotografischen Aufnahmen meist in der Zenitgegend gemacht werden, ist der Schlitzschieber so eingerichtet, dass er bis über den Zenit hinaus geöffnet werden kann. Der in der Fortsetzung des Schlitzes liegende Teil der Kuppel ist geschlossen.

Um die Bewegung des Schiebers in der angegebenen Weise möglich zu machen, ist der Kuppel die Halbkugelform gegeben worden. Der Schieber schiebt sieh daher, wenn er hochgezogen wird, über die Kuppel bequem hinweg und legt sich unter den geschlossenen Teil der Kuppeloberfläche.

Das Kuppelgebäude zur fotografischen Aufnahme der Himmelskarte bei Potsdam

Die Konstruktion der Kuppel ist die eines eisernen Rippensystems mit eingelegtem Diagonalverband, welches nach außen mit Stahlblech, im Inneren mit einer Holzdecke von schmalen Brettern bekleidet ist. Der zwischen beiden Bekleidungen belassene Hohlraum ist mit der äußeren Luft in Verbindung gebracht, so dass ein Durchstreichen der frischen Luft stattfinden kann, wodurch eine übertriebene Erwärmung des Beobachtungsraumes durch Sonnenbestrahlung vermieden wird. In letzterem Raume ist ein gemauerter sogenannter Festpfeiler errichtet, welcher zur Aufstellung des großen fotografischen Refraktors dient. Seine Gründung ist besonders sorgfältig ausgeführt, damit das Instrument einen sicheren und erschütterungsfreien Stand hat. Der Fußboden im Beobachtungsraume ist aus hölzernen Balken mit Holzbelag als sogenannter Schwebeboden hergerichtet in der Art, dass um den gemauerten Festpfeiler herum ein offener Schlitz geblieben ist. Hierdurch ist vermieden, dass eine Berührung des Fußbodens mit dem Festpfeiler eintritt und die beim Begehen des Raumes unvermeidlichen Stöße und Erschütterungen sich auf den Pfeiler übertragen können. Unter dem Beobachtungsraum befindet sich ein Gelass, welches zu Arbeitszwecken ausgenutzt wird. Der Raum im Anbau dient zur Entwicklung der fotografischen Platten und ist als solcher mit Verdunklungs-Vorrichtungen und allem sonstigen Zubehör einer fotografischen Dunkelkammer ausgestattet.

Mit Rücksicht auf die Einheitlichkeit des Verfahrens bei der fotografischen Aufnahme des Himmels wurden von dem Pariser Astronomenkongress gewisse Bestimmungen hinsichtlich der Größe der Platten und der Einrichtung der für die Aufnahme dienenden Instrumente aufgestellt, welche für die über den ganzen Erdkreis verbreiteten Sternwarten, die sich an der Aufnahme beteiligen, maßgebend sein sollen. Der fotografische Refraktor wurde zu diesem Zweck eigens gebaut und erhielt eine Montierung, welche, von dem bisher üblichen ab weichend, es gestattet, Aufnahmen im Zenit zu machen, ohne das, Instrument umlegen zu müssen und unbequeme Lagen des Beobachtens hervorzurufen. Das nähere über die Konstruktion des Instrumentes ist von dem Direktor des Observatoriums, Herrn Prof. Dr. H. C. Vogel, in der Zeitschrift für Instrumentenkunde im Juni 1889 veröffentlicht worden. Das Instrument ist in seinem mechanischen Teil von Repsold in Hamburg, in seinem optischen Teil von A. Steinheil in München hergestellt.

Was die bauliche Anlage selbst anbetrifft, so sei noch erwähnt, dass das Gebäude in Ziegelmauerwerk mit äußerer Verkleidung von Blendsteinen ausgeführt ist. Der Anbau trägt ein Holzzementdach. Die Konstruktion der eisernen Kuppel ist durch die Firmen C. Hoppe und Bretschneider u. Krügner in Berlin gemeinschaftlich ausgeführt worden. Der allgemeine Entwurf wurde im Kultus-Ministerium bearbeitet. Die Gesamtkosten haben sich auf 53 000 Mark belaufen, wovon 13 000 Mark auf die baulichen Herstellungen und 40 000 Mark auf die Beschaffung des Refraktors und der Einrichtung mit Instrumenten entfallen. Die Ausführung der Baulichkeiten geschah in den Jahren 1888 und 1889 durch den Unterzeichneten.

Potsdam, im Mai 1890.
• Saal, Kreis-Bauinspector.

Entnommen aus:


Zeitreisen mit Aufzügen und nach Berlin

Kultur + Technik von 1833 bis 1913

edition.epilog.de

Zeitreisen mit Aufzügen und nach Berlin
Die ›Zeitreisen‹ knüpfen an die Tradition der Jahrbücher wie ›Das neue Universum‹ oder ›Stein der Weisen‹ an. Eine bunte Auswahl von Originalartikeln begleitet den authentischen und oft überraschend aktuellen Ausflug in die Geschichte. Kultur- und Technikgeschichte aus erster Hand, behutsam redigiert, in aktueller Rechtschreibung und reichhaltig illustriert. Auszug aus dem Inhalt: Die Eröffnung des Themse-Tunnels; Die neue Pontonbrücke über den Stößensee bei Spandau; Die Grundsteinlegung der Göltzschtalbrücke; Die Uraniasäulen in Berlin; Die elektrische Eisenbahn in Budapest; Von Kiel nach Brunsbüttel; Die Dresdner Chaisenträger; Das Elektromobil Lohner-Porsche; Personenaufzüge für den Straßenverkehr; Das transatlantische Kabel im Dienste der Wissenschaft; Eine Stunde auf der Berliner Börse; Die Mineralquelle zu Selters; Fabrikation der Zündblättchen; Die Maulwurfsarbeit der Großstädte; Die Berliner Wasserwerke; Eine elektrische Müllverladestation; Beförderung von Feuerspritzen auf Schienengleisen; Elektrische Beleuchtung in Berlin; Die öffentlichen Bäder in Budapest; Ein Wiener Kaffeehaus; Das Parlament in London  PDF-Leseprobe € 18,90 | 196 Seiten | ISBN: 978-3-7543-9786-2

• Auf epilog.de am 24. März 2021 veröffentlicht