Handel & Industrie – Handwerk
Der Buchbinder
Galerie der vorzüglichsten Künste und Handwerke • 1830
Der Buchbinder ist derjenige Handwerker, welcher die gedruckten Bücher und Schriften auf eine geschickte Art einbindet und bekleidet, so dass sie zum Gebrauch und Aufstellen bequemer werden. Das Einbinden der Bücher erfordert sehr vielfache Arbeit. Vor allen Dingen muss das Buch, welches soll eingebunden werden, kollationiert, oder Bogen vor Bogen durchgesehen werden, um zu sehen, ob auch nicht etwa ein Bogen fehlt. Ist das Papier des einzubindenden Buches bloßes Druckpapier, so muss nunmehr das Buch erst planiert werden. Dieses geschieht auf folgende Art: Das ganze Buch wird nach den Bogen ausgebreitet, so dass diese der Reihe nach aufeinander zu liegen kommen.
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Hierauf gießt man das Planierwasser, welches aus einer Mischung von Hornleim und Alaun besteht, in eine Wanne, und tränkt damit das Papier, indem man vier bis fünf Bogen auf einmal durch dieses Planierwasser zieht. Die auf diese Art getränkten Bogen werden alsdann auf ein schrägliegendes Brett gelegt, damit das Wasser ablaufen kann, und wenn das ganze Buch durch das Planierwasser hindurchgezogen ist, so wird das Buch zwischen zwei Bretter (Pressbretter) in die sogenannte Planierpresse gebracht, und darin durch Schrauben zusammengepresst, um das Wasser auszudrücken. Die Bogen werden, wenn sie noch feucht sind, behutsam voneinander abgesondert, und vermittels des Planierkreuzes, welches ein langer Stab ist, der oben ein Querholz hat und also ein Kreuz bildet, auf Haarschnüre zum völligen Trocknen im Winter in der warmen Stube, im Sommer aber auf einem luftigen Boden aufgehängt. Wenn die Bogen völlig trocken sind, so werden sie mit dem Planierkreuz von den Haarschnüren wieder abgenommen. Da sie hin und wieder zusammenkleben, so werden sie behutsam aufgetan, oder von einander abgesondert, ausgestrichen und sodann auf den Marmorstein zum Falz geschlagen. Wenn das Buch auf Schreibpapier gedruckt ist, so fallt das Planieren weg, weil dieses Papier schon gehörig geleimt ist, und daher das Planieren überflüssig sein würde. Hierauf wird jeder einzelne Bogen auf dem Falzbrett gehörig gefalzt, indem er nach den Seitenzahlen zusammengelegt wird und mit dem Falzbein die Brüche glatt gestrichen werden; wenn das Buch mit Kupferstichen, Landarten u. dgl. versehen ist, so werden diese zugleich mit an den gehörigen Ort mit Leim oder Kleister angeklebt.
Das gefalzte Buch wird alsdann zwischen zwei Pressbrettern in der Handpresse zusammengepresst und ein paar Stunden stehengelassen, worauf es alsdann mit einem Hammer geschlagen wird, damit das Buch so schwach und dünn als möglich werde. Wenn das Buch gehörig geschlagen ist, so wird es in die sogenannte Heftlade zum Heften gebracht, wo das Buch nach Beschaffenheit des Formats mehr oder weniger Bünde an der Rückenseite bei dem Heften bekommt. Ist das Buch geheftet, so wird es umgeklopft, indem der Rücken desselben durch einen Hammer rund ausgetrieben wird, so dass er einen halben Zirkel bildet, und damit der Rücken des Buches diese Gestalt behalte, so wird er mit Leim mäßig bestrichen. Wenn der Leim trocken ist, so wird das Buch zwischen zwei Pressbrettern in die Beschneidepresse zusammengepresst, so dass von der vorderen Seite des Buches gerade so viel Papier über die Presse heraussteht, als davon soll weggeschnitten werden, worauf alsdann das Buch mit dem sogenannten Beschneidehobel, dessen runde schneidende Scheibe in das Papier einschneidet, beschnitten.
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Wenn das Buch nach geschehener richtiger Abmessung an der vorderen Seite und an dem oberen und unteren Teil gehörig beschnitten ist, so wird der Schnitt gefärbt oder nach Beschaffenheit vergoldet, u. dgl., und wenn die Farbe trocken ist, so wird sie mit einem Achatsteine glatt poliert. Nunmehr erhält erst das Buch seinen eigentlichen bestimmten Einband, je nachdem es ein bloßer Pappenband, oder ein Lederband werden soll. Nach Beschaffenheit des Einbandes werden die an das Buch befestigten Pappendeckel mit Papier oder Leder bekleidet und mit dem verlangten Zierrat versehen.
Die Kunst die Bücher auf diese eben beschriebene Art geschmackvoll einzubinden, ist eine Erfindung neuerer Zeiten; denn in früheren Zeiten wusste man davon noch nichts. Ehedem als man noch nicht das Papier und die Buchdruckerkunst erfunden hatte, wurden die Tafeln, auf welchen man etwas schriftlich aufbewahren wollte, wie die Fächer der Frauenzimmer in Falten gelegt, so dass man sie, wie diese, auseinander schlagen und wieder zusammenfalten konnte, daher wurden diese Bücher Faltenbücher genannt. Man befestigte auch wohl hinten an den steinernen, elfenbeinernen oder hölzernen Tafeln, Ringe, durch welche man eiserne Stäbe steckte, wodurch diese Tafeln als ein Ganzes zusammengehalten wurden. Man fing in der Folge an, auf lange Streifen von Bast oder Leinwand zu schreiben; diese Streifen wurden über einen Stab, der an dem einen Ende des Streifes befestigt war, aufgerollt. Nach der Erfindung des Pergaments, welches seinen Namen von der Stadt Pergamus in Kleinasien erhielt, wo es zwar nicht erfunden, aber verbessert ward, schrieb man auf dieses und fügte einzelne Blätter dieses beschriebenen Pergaments, an dem Rücken mit Draht in Bücher zusammen, die man in Futterale oder Kapseln von Holz, Leder oder Blech legte; bis man denn späterhin anfing, diese Dinge auf die Bücher selbst zu befestigen. Man legte fernerhin die Bücher zwischen Bretter, die man zusammenband; nach und nach überzog man diese Bretter mit Leder oder Pergament, und so bildete sich allmählich die Buchbinderkunst bis zu ihrer gegenwärtigen Vollkommenheit aus, bei deren Ausbildung die Deutschen das meiste Verdienst haben.
- Siehe auch:
Buchbinder • Pierers Universallexikon • 1857–65
• Neuerscheinung •
Diese Neuausgabe bietet eine Übersicht über 40 historische Berufe am Übergang zur industriellen Fertigung. Jedes Gewerbe wird durch eine zeitgenössische, farbige Lithographie sowie eine Beschreibung der Arbeitsabläufe und Werkzeuge erläutert. Der Band dokumentiert somit den Stand der Technik und die Arbeitsbedingungen des frühen 19. Jahrhunderts.
