VerkehrSchifffahrt

Der Bell-Rock Leuchtturm

Polytechnisches Journal • 1825

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Der Bell-Rock ist eine Sandstein-Klippe in einer Entfernung von rund 15 km von dem nächsten Ufer. Sie ist an der Stelle, an welcher sie, nur zur Zeit der Ebbe, vom Meer unbedeckt ist, ungefähr 120 m lang und 75 m breit. Zur Zeit der Flut ist sie 3 – 4 m unter Wasser. Die Aufgabe war, auf dieser den Schiffen so gefährlichen Klippe einen Leuchtturm zu erbauen, der sie vor der nahen Gefahr warnen sollte. Die Brandung, die von allen Seiten um diese Klippe schlägt, machte es selbst bei ruhiger See den Booten gefährlich, ihr nahezukommen, und nur Fischer wagten es, sich derselben in ihren Kähnen zu nähern. Kapitän Brodie errichtete zwar auf demselben einen hölzernen Balkon. Allein die Stürme und die alles Holzwerk um diese Klippe zerstörenden Bohrmuscheln hatten denselben bald zu Grunde gerichtet. Als Stevenson, der Erbauer dieses herrlichen Leuchtturms, im Jahr 1800 auf dieser Klippe landete, fand er bloß Trümmer von Schiffen, die an derselben scheiterten. Er überzeugte sich jedoch von der Möglichkeit, hier, wenn gleich mit unendlicher Mühe, eine Leuchte zu errichten. Es musste vor allem für ein Wacht­schiff gesorgt werden, das die Arbeiter bei eintretender Flut an Bord nehmen, und des Nachts einstweilen als Leuchte dienen konnte und für ein Transportschiff, das die Steine und die Arbeiter hin und her führen konnte. Die Steine für die Außenwerke des Turms wurden aus den Granitfelsen um Aberdeen, für das Innere des Gebäudes aus den Sandsteinbrüchen zu Kingoodie bei Dundie so gehauen, dass sie auf der Klippe nur nach ihren Nummern über und aneinander gesetzt werden durften. Stevenson begann das große Werk am 7. August 1807 mit seinem ersten Gehilfen P. Logan damit, dass er die Klippe von den Wällen von Seetang, die das Meer seit Jahrhunderten um dieselbe angehäuft hatte, reinigen, und mit Stein­hauen die Grundfeste der künftigen Leuchte auf der Klippe bezeichnen ließ. Es wurde mit den Arbeitern der Vertrag abgeschlossen, dass jeder derselben einen Monat lang auf der Klippe bleiben muss, ohne auf das Ufer zurückzukehren, und dafür wöchentlich 20 Schilling mit freier Kost und Wohnung erhalten soll. Entschädigung für Sonntags-Arbeit und Prämien blieben ›der Ehre der Unternehmer‹ überlassen.

Anfangs hielt man sich für sehr glücklich, wenn man während der Ebbe zwei bis höchstens drei Stunden lang auf der Klippe arbeiten konnte. Wie die Flut sich näherte, mussten die Arbeiter auf ihre Flucht Bedacht nehmen, und sich in Booten auf das Wacht­schiff retten. Die Errichtung irgendeines Zuflucht­winkels auf der Klippe selbst lag allerdings schon in dem ersten Plan Stevenson; allein, erst Ende September konnte, selbst bei nächtlicher Arbeit bei Fackelschein, das Gerüst zu einem hölzernen Balkon fertig werden, der aus sechs 15 m langen, Balken bestand, die unten 10½ m weit in die Runde, 50 cm tief in den Felsen einge­bolzt waren, und oben zusammenstießen. Während dieser Arbeit riss eines Tages der Wind das Wacht­schiff samt allen Booten davon, und 34 Arbeiter, die auf der Klippe beschäftigt waren, würden von der wiederkehrenden Flut unvermeidlich ersäuft worden sein, wäre nicht zufällig ein Boot von Arbroath her mit einem Schreiben an den Baumeister gekommen, auf welchem sie sich retten konnten. Ein anderes Mal jagte ein Sturm das Wacht­schiff samt allen Arbeitern davon. Es geschah nicht selten, dass die Flut dem Schmied das Feuer auslöschte, während er noch mit dem Ausbessern der Werkzeuge auf der Klippe beschäftigt war.

Im Sommer 1808 wurde neben dem Wacht­schiffe noch ein Schoner von 80 Tonnen als Wohn- und Zufluchtsort für die Arbeiter aufgestellt. Mehrere Frachtschiffe zum Transport der Steine von 40 Tonnen, und drei Prahm-Boote von 12 Tonnen wurden zum Dienst ausgerüstet, mit welchen letzteren die Steine von den Transportschiffen, die von der Klippe fern bleiben mussten, auf die Klippe selbst geschafft werden konnten. Diese Prahmen mussten besonders stark gebaut werden, und machten mehrere kleine Boote nötig, welchen endlich auch Great­heads Rettungsboot beigegeben wurde. Eine Menge zur Ausschiffung der schweren Steine, und zur Aussetzung derselben auf der Klippe notwendigen, und bloß für diesen Zweck berechneten Maschinen wurden gebaut und herbeigeschafft. Charakteristisch und den Engländer bezeichnend ist der Umstand, dass die Errichtung von Eisenbahnen auf den wenigen ebenen, kaum einige Meter langen, Strecken auf dieser Klippe eine der ersten Arbeiten war! Obschon die Zeit der Flut die Zeit der Feierstunden war, so konnten doch die Arbeiter, solang sie sich vor der Flut nur auf dem Schiff bergen konnten, dieselben nicht in Ruhe hinbringen. Das Schiff wurde von der Brandung immer so sehr geschaukelt, dass sie fast immer seekrank wurden und seekrank blieben. Die Zeit selbst vermochte nicht, sie an das heftige Schaukeln zu gewöhnen. Daher wurde jeder Augenblick während der Ebbe benützt, und die Fackel in einer Hand, dass Werkzeug in der anderen, bei Nacht wie am Tage gearbeitet.

Am 10. Juli 1803 konnte der Grundstein zum Leuchtturm gelegt werden. Die Grundfeste ist eine Plattform aus dichtem roten Sandsteine von 12,8 m im Durchmesser, die mit rauem Fels von ½ – 1½ m Höhe umgeben ist. Bis Ende September war man bereits 15 cm über die Grundfeste gekommen, wozu man 400 Steinblöcke von ungefähr 388 Tonnen Schwere brauchte. Man konnte diesen Sommer nur 265 Stunden über arbeiten, und von diesen nur 80 Stunden zum eigentlichen Bau verwenden.

Im Frühling des Jahres 1809 fand man, dass das angeführte Mauerwerk und selbst der Balkon den Winterstürmen glücklich widerstanden hat. Man wagte lieber alle Gefahren des Aufenthalts auf dem Balkon (auf welchem 13 Arbeiter einmal 30 Stunden lang im Sturm und von den Wogen gepeitscht aushalten mussten), als dass man auf dem Schiffe seekrank wurde. Die Mühseligkeiten verdoppelten die Anstrengung, und es gelang zuweilen während einer Ebbe 50 Steine auszuschiffen, und 30 davon aufzusetzen. Im Juni war man bereits so hoch, dass die vorigen Kräne nicht mehr brauchbar waren, und man auf neue Vorrichtungen denken musste. Man konnte jetzt schon arbeiten, nachdem der Fels bereits 2 Stunden lang unter Wasser war. Am 20. August konnten 51 Steinblöcke (die ganze 22ste Lage) gelegt werden, und am 25. August, am letzten Tag für dieses Jahr, war man mit den Granitblöcken bereits 9,65 m über dem Grundstein, und 5,2 m über die höchste Wasserhöhe der Frühlingsfluten.

Im Jahr 1810 wurde der Bau mit allem Eifer fortgesetzt, obschon Stürme die ganze Flotte verjagten. Gegen Ende August war das Mauerwerk vollendet.

Als im Dezember der Bell-Rock Leuchtturm bezogen wurde, hatten die ersten Bewohner derselben das feierliche Schauspiel, die Wogen 32 m hoch an ihr hinauf­schlagen zu sehen, und das ganze Gebäude zitterte unter jedem Wellenschlag. Am l. Februar 1811 ward der Turm zum ersten Mal beleuchtet. Das Licht ist rot gefärbt, und erscheint den Schiffen, da der Reflektor sich dreht, periodisch.

Das Gewicht der Steinmasse, aus welcher dieser Turm gebaut ist, beträgt 2083 t, und die Baukosten beliefen sich auf 61 331. Diese Leuchte wird stets von drei Menschen bewohnt, und von diesen wird abwechselnd alle sechs Wochen einer von einem vierten abgelöst. Die Wohnzimmer auf dieser Leuchte sind sehr nett eingerichtet, und die Wächter haben ihre kleine Bibliothek, erhalten bei jeder Ablösung Zeitungen und Journale etc. Eine messingene Stiege, die zugleich als Blitzableiter dient, führt zu dem Tor in diesem Turm.

• Auf epilog.de am 21. Mai 2026 veröffentlicht

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