Berlin-Potsdamer Eisenbahn
Der Bau der Wannseebahn
und die Umgestaltung des
Potsdamer Bahnhofes in Berlin
Zeitschrift für Bauwesen • 1893
Die großartige Entwicklung von Berlin und seinen Vororten in den letzten zwanzig Jahren hat an den Verkehr auf den Eisenbahnen, besonders an den Verkehr zwischen den Vororten und der inneren Stadt Berlins, Anforderungen gestellt, denen nur durch besondere Anlagen und durch eine besondere Betriebsweise genügt werden konnte. Die Einwohnerzahl Berlins betrug im Jahr 1872 rund 850 000, 1893 beträgt sie über 1 650 000, hat sich also in 20 Jahren nahezu verdoppelt. Erwägt man, dass für diesen Zuwachs von 800 000 Menschen Unterkunft geschaffen werden musste, so kann es nicht auffallend erscheinen, dass da, wo vor kurzer Zeit noch Gärten, Wiesen oder Wald zu sehen waren, jetzt umfangreiche Stadtviertel sich ausgebreitet haben, und dass die Entfernung der Wohnstätten von dem Mittelpunkt der Stadt immer größer wurde, je stärker das Bedürfnis hervortrat, nach mühevoller, nervenabspannender Arbeit den Rest des Tages in größerer Zurückgezogenheit, mehr losgelöst vom Getriebe der Großstadt zubringen zu können. Zunächst entschlossen sich nur wenige Berliner Familien, in den Vororten ihr Heim aufzuschlagen. In kurzer Zeit entfalteten sich aber diese kleinen dorfartigen Niederlassungen zu stattlichen Wohnorten mit teils villenartigem, teils städtischem Gepräge. Dieser mächtigen Entwicklung entsprechend musste sich auch der Verkehr in den letzten zwanzig Jahren in ganz ungewöhnlicher Weise heben. Im Westen von Berlin kamen besonders die an der Potsdamer Bahn liegenden Vororte in Aufnahme. Von dem Aufschwung derselben erhält man ein Bild, wenn man die Entwicklung der Potsdamer Bahn verfolgt. Auf den vorhandenen zwei Gleisen, der sogenannten Stammbahn, ließen sich die drei Verkehrsarten, der Fernverkehr, Güter- und Vorortverkehr, nicht mehr in voller Regelmäßigkeit bewältigen und es musste zur gründlichen Abhilfe der auftretenden Schwierigkeiten die Strecke Berlin –
I. Entwicklung der Potsdamer Bahn bis zum Bau der Wannseebahn.
Als im Jahr 1838, am 22. September, die Strecke Zehlendorf –
| 2 geschlossene Wagen I. Kl. zu 18 Plätze = | 36 Plätze |
| 2 geschlossene Wagen II. Kl. zu 24 Plätze = | 48 Plätze |
| 2 offene Wagen II. Kl. zu 29 Plätze = | 38 Plätze |
| 2 geschlossene Wagen III. Kl. zu 29 Plätze = | 58 Plätze |
| 3 offene Wagen III. Kl. zu 30 Plätze = | 90 Plätze |
| 11 Wagen mit zusammen | 290 Plätze |
Da die Bahn durch die acht Züge nur wenig in Anspruch genommen war, wurden versuchsweise in den nach damaliger Meinung »zum Transport mit Dampf nicht geeigneten Stunden, d. h. vornehmlich bei Dunkelheit«, die Personenwagen auf den Schienen mit Postpferden befördert. Die Fahrt mit dem Dampfwagen während der Dunkelheit hielt man für so gefährlich, dass der in Berlin um 5½ Uhr nachmittags abgehende Zug erst nach langen Verhandlungen in den Fahrplan aufgenommen werden durfte.
Abb. 1. Entwicklung der Einwohnerzahl von Steglitz.
Von den heute vorhandenen Vorortstationen war in den ersten Jahren nach der Betriebseröffnung auf der Strecke Berlin –
Auch die übrigen Vororte an der Potsdamer Bahn, von denen in Friedenau im Jahr 1875, in Lichterfelde 1872, in Schlachtensee, Wannsee und Neubabelsberg im Jahr 1874 Bahnhöfe errichtet wurden, haben sich seitdem, ähnlich wie Steglitz, ganz bedeutend entwickelt. Reichen doch z. B. die Häuser von Friedenau westwärts bereits bis an die Grenze von Steglitz und auf der Ostseite bis an Schöneberg d. h. Berlin heran. Berlin ist hierbei allerdings ein gutes Stück Weges entgegengekommen, denn zur Zeit der Eröffnung der Potsdamer Bahn bestand der heute dicht bebaute westliche Stadtteil Berlins vor dem Potsdamer Tor fast ausschließlich aus Wiesen und Gärten. Eine Vorstellung davon, wie sich in dieser Gegend die Stadt ausgebreitet hat, bekommt man bei dem Vergleich der Grundstückspreise von ehedem und heute. Nicht allzu verwunderlich werden die nachstehend aufgeführten Zahlen erscheinen, wenn man berücksichtigt, dass die Einwohnerzahl Berlins im Jahr 1838 wenig mehr als 300 000 betrug, und dass Schöneberg, welches damals nur aus einigen Bauerngehöften bestand, heute eine mit Berlin unmittelbar zusammenhängende größere Stadt bildet.
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