Handel & Industrie
Neue Erfindungen und Kulturfortschritte
Der Asbest in der Industrie
Von Max Wirth
Über Land und Meer • Januar 1879
Die feuerfeste Eigenschaft des Asbests oder Steinflachses, einer Gattung von Hornblende, ist von alters her bekannt. Schon die Griechen und Römer bereiteten daraus ein unverbrennbares Gewebe, dessen sie sich bei der Feuerbestattung bedienten, um die Asche der Toten ganz rein von fremden Bestandteilen zu gewinnen und in den Urnen aufzubewahren. Wie oft der Asbest im Mittelalter vielleicht bei wunderartigen Lebensrettungen im Gottesgericht eine Rolle gespielt hat, wird sich niemals ermitteln lassen! Die Verwendung des Asbestgewebes war aber bekannt, denn Kaiser Karl V. besaß ein Tischtuch aus Asbest, welches nach der Mahlzeit zur Erheiterung der Gäste ins Feuer geworfen und so gereinigt wurde.
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Auch in neuerer Zeit dient der Asbest noch zuweilen zur Befriedigung der Schaulust des Publikums, und ich selbst habe einst als Knabe auf der Theresienwiese zu München einer Vorstellung beigewohnt, bei welcher ein in ein Asbestgewand gehüllter Mann zehn Minuten lang die Feuerprobe bestand und unversehrt aus dem Scheiterhaufen hervorkam. Die Verwendung der besten Sorte von Asbest, des Amiants oder Bergflachses, welcher die biegsamsten, längsten und feinsten Fasern hat, war, trotzdem er in großer Menge in Ungarn, Großbritannien, Tirol und überhaupt in sämtlichen Zentralalpen gefunden wird, doch nur eine sporadische. Er wurde hie und da viel mehr wegen seines schönen, silberglänzenden Glanzes als wegen seiner nützlichen Eigenschaft zu manchen gewerblichen Diensten verwendet. Die älteste Anwendung dieser Art war nach Pausanias als Lampendocht in der goldenen Laterne der Pallas zu Athen. In neuerer Zeit hat man langfaserigen Amiant mit Flachs zusammen versponnen und verwoben und das Gewebe dann über Kohlen ausgeglüht, wobei das feuerfeste Asbestzeug übrigblieb. In den Pyrenäen werden Mützen oder Hüte aus Asbest getragen, in Sibirien Handschuhe, in Oberitalien auch grobe Spitzen daraus verfertigt.
Alle diese Verwendungen kamen indessen bis vor wenigen Jahren nur in Ausnahmefällen vor. Als regelmäßiges Gewerbeerzeugnis waren aus Asbest gefertigte Zeuge und Artikel früher im allgemeinen Handel nicht zu finden. Erst in neuester Zeit, nachdem auch in den Vereinigten Staaten bedeutende Lager von Asbest aufgefunden worden sind und nachdem man längst die Kunst gelernt hat, geschmeidige Gewebe aus Glas zu verfertigen, hat sich der Unternehmungsgeist der Amerikaner des Stoffes bemächtigt, um ihn zu vielseitiger allgemeiner Verwendung in der Industrie einzuführen.
Vor einigen Jahren ist in New York eine Fabrik entstanden, welche sich zunächst auf einen bestimmten Zweig der industriellen Verwendung, insbesondere zur Dachbedeckung, zu Kapseln sowie auch zur Isolierung von Dampfmaschinen und Kesseln beschränkt. Das Material findet sich im Staat New York und in Vermont in nächster Nähe vor und wird in der Form von zarten seidigen Fasern in der Länge von 5 cm bis zu 1 m und in Bündeln wie in großen Blöcken gefunden. Die Blöcke können gespalten und in Fasern geteilt werden, welche gerade so biegsam, geschmeidig und dehnbar sind als diejenigen, welche man offen vorfindet. Die Fasern können gestreckt und gebogen werden, ohne zu brechen; sie sind sehr zäh, fühlen sich fettig an und gleichen an der Oberfläche ungebleichtem Flachs; aus den Blöcken gebrochen, sind sie ganz weiß.
In den Vereinigten Staaten bestehen über dreihundert Patente für verschiedene Arten von Dachbedeckungen zum Ersatz der Ziegel, Schiefer oder des Metalls. Keine Einzige aber hat die vorzüglichen Eigenschaften des in New York angefertigten Asbesttuches. Dasselbe ist aus mehreren Lagen von wasserdicht gemachtem Packtuch hergestellt, bei welchem der Asbest als feuerfeste Verkleidung dient. Es kommt in aufgerollten Stücken in den Handel, welche 1 m breit sind und je 18,6 m² enthalten; 1 m² dieses Asbesttuches wiegen 350 g oder ungefähr nur den zehnten Teil der gewöhnlichen Ziegelbedachung. Das Material ist namentlich für flache Dächer unschätzbar und die Bedachung ist rascher ausgeführt als mit der gewöhnlichen Dachpappe. Dieses wasserdichte und feuerfeste Asbesttuch bildet für alle Klimata das zweckmäßigste Bedachungsmaterial, weil es nicht bloß dem Feuer und dem Regen widersteht, sondern auch der allerschlechteste Wärmeleiter ist und die Häuser im Sommer kühl und im Winter warm erhält. Es ist auch sogar billiger als Schiefer- und Zinkbedachung. Diesem Industriezweig scheint demnach eine bedeutende Ausdehnung bevorzustehen. Im Interesse der Feuerversicherungsgesellschaften läge es, darauf aufmerksam zu machen, um zur Verdrängung der Schindeldächer, welche überdies auf die Dauer noch teurer zu stehen kommen, beizutragen.
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Ausgezeichnete Dienste leistet der Asbest auch als Verpackungsmaterial für Dampfmaschinen. Durch seine Eigenschaft als außerordentlich geringer Wärmeleiter dient er bei der Bekleidung und Umhüllung von Dampfkesseln und Dampfrohren, indem dadurch die Ausstrahlung der Hitze vermindert wird. Da das System der Zentralheizungen nun auch in New York Platz gegriffen hat und sich wahrscheinlich immer weiter ausdehnen wird, so steht der Verwendung des Asbests zur Umhüllung der den Dampf in die verschiedenen Häuser führenden Röhren ebenfalls eine Verwendung von großer Ausdehnung bevor.
Der Aufschluss und die Ausbreitung solcher neuer Industriezweige verdient nicht bloß Beachtung wegen ihres unmittelbaren praktischen Nutzens, sondern sie haben auch eine allgemeinere volkswirtschaftliche Bedeutung. Denn die Vervielfältigung der Beschäftigungsarten ist der Hauptträger der Kultur, weil sie das Mittel ist, der dichter werdenden Bevölkerung bessere Erwerbsgelegenheit zu bieten, als sie in dünn bevölkerten Ländern sich vorfindet. Aus dem Marasmus, in den uns die Krisis von 1873 durch die Überproduktion geschleudert hat, ist eine radikale Heilung und Erlösung vornehmlich durch die Anwendung neuer Erfindungen und Entdeckungen, durch die Einführung neuer Industriezweige zu erwarten.