DaseinsvorsorgeEnergieversorgung

Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Städtische Zentralheizungen

Von Max Wirth

Über Land und Meer • Oktober 1878

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

Auf keinem Gebiete des Lebens findet sich der Schlendrian einer tausendjährigen Gewohnheit so dicht neben dem verfei­nertsten Fortschritt, den wir den neuesten Erfindungen der Technologie verdanken, als auf dem Gebiete der Heizeinrichtungen. Denn während in Skandinavien und in Norddeutschland bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert vortreffliche Sparöfen eingeführt sind und im nördlichen Russland schon seit langer Zeit die ganzen Häuser mittelst Zentralheizungen erwärmt werden, während man längst in diesen Ländern und neuerdings auch in Süddeutschland und Österreich-Ungarn die Porzellanöfen trefflich auf Steinkohlen eingerichtet hat, sind in der Schweiz fast allenthalben noch die holz­verwüstenden Kachelöfen des Mittelalters im Gebrauch, und in Frankreich und Italien bemüht man sich im Winter noch immer vergebens, mittelst förmlicher Scheiterhaufen in den alten Kaminen die Kälte vom Leibe abzuhalten, und es kann vielleicht noch Generationen oder Jahrhunderte dauern, bis die prachtvollen Sparöfen, welche in Berlin, Wien und anderen Städten Nord- und Mitteleuropas eingeführt sind, sowie die Zentralheizungen, welche sich jetzt auch in den großen Hotels Europas und Amerikas Bahn brechen, bis in den Süden Europas vorgedrungen sein werden, bis einerseits der grauenhaften Holzverwüstung dieser Länder ein Ende gemacht und andererseits ihre Bevölkerung vor winterlichem Frostschütteln am Kamin- oder Kohlenfeuer befreit werden wird.

Unter den Zentralheizungen, welche bis jetzt in den Gasthöfen und Badeanstalten, in den Fabriken und Schlössern eingeführt sind, unterscheidet man in der Hauptsache zweierlei Gattungen: die Luft- und die Dampfheizung. Die Dampfheizung hat den Nachteil, dass sie die Luft der Gemächer zu stark austrocknet, so dass brust­schwache Personen Unbehagen und zuletzt eine Schädigung ihrer Gesundheit dadurch empfinden. Diesem Übelstand kann indessen leicht durch Vorkehrungen abgeholfen werden, indem man in, an den Heizungsobjekten der einzelnen Räume angebrachten Gefäßen eine angemessene Quantität Wasser verdampfen lässt, durch welches die Luft die erforderliche Feuchtigkeit zurückerhält. Als der Gesundheit noch zuträglicher hat sich diejenige Luftheizung bewährt, bei welcher die durch die Zentralheizung erwärmte Luftschicht, bevor sie in die Gemächer eintritt, über einen Wasserbehälter streicht und sich dadurch mit Wasseratomen sättigt. Außer der gesundheitsschädlichen Austrocknung, welcher in der oben genannten Weise leicht abzuhelfen ist, wird bei den Zentralheizungen häufig auch über zu große Hitze geklagt, andererseits aber auch wieder über ungenügende Erwärmung, so dass ich in, mit Zentralheizung versehenen Häusern auch schon die Beobachtung gemacht habe, dass Öfen eingesetzt und in, von besonders empfindlichen Personen bewohnten Räumen bei sehr kalter Witterung zur Verstärkung der allgemeinen Heizung in Gang gesetzt wurden. Diese entgegengesetzten Übelstände fallen aber eigentlich nicht der Zentralheizung zur Last, sondern sie folgen aus irratio­neller Bedienung des Apparates, eine Erscheinung, welche bei neuen Einrichtungen in der ersten Zeit regelmäßig vorzukommen pflegt, da es schwierig ist, das Bedienungspersonal zu der erforderlichen Umsicht anzuhalten und die Hausherren selbst es oft versäumen, die nötige Sachkenntnis sich anzueignen. Deshalb wird häufig nicht das richtige Maß der Temperatur bei der Zentralheizung eingehalten. An und für sich ist dieselbe aber ebenso leicht oder sogar noch leichter zu regulieren wie die gewöhnliche Ofenwärme, wenn nur bei der Einrichtung alle bisher gemachten Erfahrungen berücksichtigt werden. Eine andere Beschwerde gegen die Zentralheizungen in hohen Palästen ist die, dass die Hitze sich mehr nach den oberen Stockwerken zieht und dass die Insassen derselben über zu große Hitze, die Bewohner der unteren Stockwerke dagegen über zu geringe Wärme klagen. Dies ist z. B. im Bundesrathaus zu Bern der Fall, während im ›Bernerhof‹ durchgängig über zu große Wärme geklagt wird. Diesem Übelstand müsste radikal abgeholfen werden, wenn das System der Zentralheizung um sich greifen soll. Das Röhrensystem, welches die heiße Luft oder den Dampf verteilt, muss also so eingerichtet werden, dass die Zufuhr der Wärme mittels Klappen reguliert und ganz abgeschlossen werden kann. Übrigens lässt sich zu große Wärme in den oberen Stockwerken auch durch gute Ventilationseinrichtungen oder durch zeitweises Öffnen der Fenster beseitigen.

Wie unvollkommen auch die ersten Anlagen gewesen sein mögen – und doch wurden sie auch in ihrer ersten unvollkommenen Gestalt als ein wohltätiger Fortschritt begrüßt und in Russland sind sie ja geradezu unentbehrlich geworden – so haben die gemachten Erfahrungen doch zu so vielen Verbesserungen geführt, dass die neuesten Konstruktionen die vorhandenen Übelstände in der Hauptsache bereits beseitigt haben, so dass die Anwendung des Systems in allgemeinerem und größerem Maßstab möglich wird. Dadurch wird aber eine bedeutende volks- und privatwirtschaftliche Wohltat erzielt, nämlich einerseits eine ansehnliche Ersparnis an Brennmaterial und andererseits in dem ganzen Hausraum eine gleichmäßige Temperatur und dadurch eine Quelle häufiger Erkältungen und mehr oder weniger gefährlicher Krankheiten beseitigt.

Seit kurzem haben jene Experimente einen bedeutenden Schritt vorwärts gemacht. Man hält es infolge der gemachten Erfahrungen für möglich, die Zentralheizung nicht bloß in ganzen Häuserkomplexen, sondern auch in ganzen Stadtteilen und Städten einzuführen, mit einer ähnlichen Einrichtung wie die Gas- und Wasserleitungen. Da die Zentraldampfheizungen dann in jedem Haus auch einen Abzug haben müssen, aus dem das aus dem Dampf sich kondensierende warme Wasser abfließt, so kann dieses heiße Wasser auch gleichzeitig zu Küche-, Bade- und gewerblichen Zwecken verwendet werden. Ferner kann der Dampf sogar auch auf ziemlich große Entfernung hin noch zum Betrieb von Maschinen verwendet werden. Bei einem Versuch in New York hat sich der Dampf auf eine Entfernung von 1 km noch vollständig als Triebkraft bewährt. Es sind auf diese Distanz Dampfmaschinen von 10 PS und 14 PS in Bewegung gesetzt worden, ohne dass die Heizung deshalb hätte erheblich vermehrt werden müssen.

Im vorigen Winter ist nun zu Lockport im Staat New York der erste Versuch gemacht worden, einen Komplex von 200 Häusern aus einer Zentraldampfheizung zu versehen. Dieser Versuch ist, wie der Londoner Times aus Lockport berichtet wird, vollständig gelungen. Jener Komplex von 200 Häusern in der genannten Stadt wurde von einer Zentralstelle aus durch ein vom Kesselhaus strahlenförmig ausgehendes Röhrensystem geheizt, welches eine Gesamtlänge von 5 km umfasst. Das Kesselhaus enthält drei Dampfkessel, die täglich mit 4 Tonnen Anthrazitkohlen – zu 4½ Dollars die Tonne – geheizt wurden. Das macht auf das Haus eine Heizungsauslage von umgerechnet 36 Pfennigen, und ziehen wir auch unsere höheren Kohlenpreise in Betracht, so käme die Erheizung eines Hauses, zumal bei solchen Gesamteinrichtungen die Kohlen im Großen bezogen werden, nicht höher als auf 50 Pfennig zu stehen. Unsere Quelle gibt zwar die Größe der betreffenden Häuser nicht an, allein gesetzt auch, dieselben sind nicht größer als die gewöhnlichen englischen Häuser, wo nur je eine Familie Platz findet, so ist die Ersparnis, selbst wenn die Kosten noch doppelt so hoch kämen, immer noch eine enorme. Dem Bericht zufolge hat sich der Kesseldruck auf der Länge des ganzen Röhrensystems an allen Punkten des Verbrauchs konstant erhalten. Die ersten 180 m des Röhrennetzes vom Kessel aus haben einen Durchmesser von 100 mm, die weiteren 430 m von 75 mm, 460 m von 64 mm und 600 m haben 50 mm Röhren. Die Zweigröhren in die Häuser haben einen Durchmesser von 38 mm und die in den Häusern selbst von 19 mm. In jedem Haus befindet sich ein Verschlusshahn, durch welchen der von der Zentralstelle strömende Dampf reguliert oder ganz abgestellt werden kann, und zwar vom Konsumenten selbst, ferner eine Druckklappe, welche auf einen Druck von 5 Pfund reguliert ist; unter der Kontrolle der Gesellschaft, welche sich dazu eines sinnreich konstruierten Dampfmessers bedient, durch welchen nicht bloß der Dampfverbrauch für das ganze Haus nach Kubikfuß angegeben wird, sondern auch der Verbrauch eines jeden Zimmers. Auf je 30 m der Hauptleitung ist ein Expansionsventil angebracht, welcher für jene Sektion von 30 m eine angemessene Erhöhung der Hitze zulässt. In den Hauptsträngen findet keine Kondensation statt. Dieselben sind mit einer dünnen Lage von Asbestpapier dicht über dem Eisen bedeckt, dann folgt eine Schicht von russischem Filz, welcher wieder mit Manila­papier umwickelt ist und steckt dann wieder in hölzernen Röhren, welche in den Straßen gleich den Gasröhren gelegt werden. Die Verteilung der Hitze in den einzelnen Gemächern geschieht mittelst sogenannter Radiatoren, welche aus 25 mm starken und 75 cm langen Röhren bestehen, die senkrecht nebeneinander im Kreis oder in zwei Reihen befestigt sind und oben und unten zusammenhängen. Außer seiner Verbindung mit der Dampfröhre hat dieser Aus­strahler einen Ablasshahn für das kondensierte Wasser, welches nur wenig unter dem Siedegrad herausfließt. Letzteres wird in hinreichender Quantität für den häuslichen Gebrauch gewonnen. Der Dampf kann noch zur Heizung von Treibhäusern sowie zu dem oben genannten Zweck des Betriebs von Maschinen verwendet werden. Die Kosten für die Einrichtung eines Hauses werden je nach der Größe auf 600 bis 2000 Mark geschätzt.

Die Gesellschaft, welche diesen ersten Versuch in Lockport gemacht, hat zu diesem Zweck vorläufig ein Kapital von 50 000 Dollar verwendet. Die Betriebskosten bestehen nur in dem Preis der Kohlen und in der Besoldung von zwei Heizern und einem Verwalter. Bei der außerordentlichen Kohlenersparnis, welche das neue System zur Folge hat, macht natürlich eine solche Kompanie auch ein sehr gutes finanzielles Geschäft.

Nimmt man auch an, dass man an das neue System nicht die Anforderung stellen darf, dass größere Städte von einem Zentralpunkt aus mit Dampf versorgt werden können, weil bei größeren Entfernungen zu viel Hitze im Röhrennetz durch Ausstrahlung verloren geht, nimmt man auch an, dass je eine Einrichtung auf einen Komplex von höchstens 500 Häusern wird beschränkt werden müssen, so ist doch der durch dieselbe erzielte Vorteil nach verschiedenen Richtungen hin ein ganz enormer. In dergestalt versehenen Häuserkomplexen kann die Holz- und Kohlenfeuerung ganz verbannt und die Küchenapparate durch Gas oder Petroleum geheizt werden, da das erforderliche warme Wasser von der Dampfheizung geliefert wird. Den größten Vorteil aber wird davon das Kleingewerbe haben, weil dasselbe durch die Leichtigkeit, Billigkeit und Gefahrlosigkeit, mit welcher es auf diese Weise die für seine kleinen Werkzeugmaschinen erforderliche Triebkraft sich verschaffen kann, den Hauptvorteil sich aneignet, welchen die Großindustrie bisher voraushat. Denn da die einzelnen Häuser von den Hauptsträngen der Leitung abgeschlossen werden können, so kann auch im Sommer, wo die Heizung der Häuser aufhört, der nötige Dampf für Maschinen und sonstige gewerbliche Verrichtungen ohne Störung geliefert werden, wofern nur eine kleine Anzahl von Gewerbetreibenden sich beteiligt. Welche neue Aussicht volkswirtschaftlichen Fortschrittes eröffnet sich da wieder!

• Auf epilog.de am 16. März 2026 veröffentlicht

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