Verkehr – Straßenverkehr
Ein Walfisch-Automobil als Reklamewagen
Allgemeine Automobil-Zeitung • 8.3.1914
Es war einmal eine Zeit, da erregte das Automobil auf den Straßen als etwas Neuartiges und Seltsames Aufsehen. Ein Wagen ohne Pferde, das machte Sensation. Kein Wunder, dass Firmen, die nach einer recht wirksamen Reklame fahndeten, sich bald des selbstbeweglichen Vehikels bedienten.
- R E K L A M E -
Das war die erste Phase: das Automobil pur et simple, ohne besondere äußere Zutaten, einfach mit einer Reklametafel versehen. Es war auffallend genug, um, wo immer es erschien, die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen.
Es dauerte aber nicht lange, so gliederte sich der pferdelose Wagen so ins Straßenbild ein, dass er dort nicht mehr auffiel, als irgendein anderes Vehikel. Allzu sanguinische Naturen hatten wohl schon vor vielen Jahren das ›Ende des Pferdes‹ vorausgesagt. Diese Prophezeiung ist allerdings nicht so schnell in Erfüllung gegangen, wenn auch nicht abgeleugnet werden kann, dass es, rein zahlenmäßig betrachtet, stark bergab geht mit dem Pferdefuhrwerk. Vielleicht wird es einmal noch so weit kommen, dass ein Vehikel mit vorgespanntem Pferde Aufsehen erregt und dass man es dann für Reklamezwecke willkommen heißt. Einstweilen muss sich die Reklame, wenn sie noch im automobilistischen Gewand auftreten will, mit stärkeren, drastischen Mitteln behelfen. So lässt jetzt eine Firma ein Automobil von ausgesprochener Walfischform als Reklamewagen durch die Straßen Berlins verkehren.
Ein vierrädriger ›Walfisch‹ als Reklame-Auto in Berlin. Die Haifischform haben französische Karossiers schon vor längerer Zeit kreiert. Wir wissen nicht, ob das Berliner Walfisch-Auto schwarz lackiert ist. Wenn ja, so könnte sein Lenker mit Scheffei singen: »Im schwarzen Walfisch zu Askalon …«
Die Grundform des Automobils, ohne die zoologischen Zutaten, die zur Charakterisierung des riesigen Wassersäugetieres gehören, erinnert sehr an die bekannte Eiform, die Type ›Ganz geschlossen‹ (Karosserie Czerny, Wien), die hier beschrieben ist. Zur Charakteristik des Walfisches dienen das bartenbesetzte Riesenmaul, das tiefliegende Auge und die zweiteilige Schwanzflosse. Wenn sich viele Firmen entschließen sollten, ähnliche bizarre Ungetüme auf ein Automobilchassis zu montieren, so sollte es uns nicht wundernehmen, wenn sehr bald Polizeipräsident von Jagow wieder einen neuen Erlass ›hinausgeben‹ würde.