Verkehr in Berlin

Abschied vom Taxameter-Auto

Vossische Zeitung • 6.9.1923

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Von heute an gilt für Kraftdroschken und elektrische Autos die 2 000 000-fache Taxe. Für Pferdedroschken bleibt vorläufig noch die 600 000-fache Taxe in Kraft.

Nach und nach hat man Abschied genommen vom Taxameter-Auto, fast ohne dass man es merkte. Eines Tages hatte man einen eiligen Weg, man spitzte den Mund, um ein Auto anzurufen, aber im selben Augenblick gab man sich einen Ruck: Das konnte man sich ja nicht mehr leisten! So viel Geld, wie die Fahrt kosten würde, hatte man gar nicht bei sich. Und man stellte nicht traurig, kaum resigniert, sondern halb und halb als selbstverständlich fest, dass man sich schon gar nicht mehr erinnern könne, wann man das letzte Mal Auto gefahren sei. Und dann stieg man ohne Scham in die nächste Straßenbahn.

Dieses Unterlassen eines früher gewohnten, weil immerhin bescheidenen Luxus sollte man aber gar nicht so resigniert-selbstverständlich hinnehmen, wie wir es tun. Bald wird Berlin ein Steinhaufen sein mit den Lebensgewohnheiten eines primitiven Dorfes. Dass man nicht mehr Auto fahren, sondern sich höchstens einen Autobus leisten kann, erscheint uns natürlich. Ach, natürlich ist es gar nicht. Und wir sind schon so stumpf geworden, dass wir gar nicht mehr merken, wie nicht nur wir, sondern auch unser Nachbar nicht mehr den Taxameter benutzt.

Es ist aus. Bei dieser Grundzahl in reiner Goldwährung multipliziert mit dieser Schlüsselzahl ist es rettungslos aus. Der Taxameter ist dasjenige Verkehrsmittel gewesen, das an der Straßenecke steht und wartet. Und immer noch wartet.

Die Sache ist doch so: Man muss heutzutage die Menschen in zwei Klassen teilen, in solche, die ein Auto besitzen, und in solche, die keins besitzen. Klasse I braucht keinen Taxameter, Klasse III kann sie nicht benutzen (Klasse II = der Mittelstand ist bekanntlich ausgestorben).

Aus einem Interview mit einem Taxa­meter­chauffeur ergab sich dennoch die erfreuliche Tatsache, dass doch Leute sich hin und wieder zum Fahren entschließen. Dann allerdings hat der ›Schofför‹ Glück. Noch vor wenigen Wochen konnte er mit drei bis vier ›Fuhren‹ (wie es im Jargon heißt) für den Tag rechnen. Heute wartet er fünfzehn Stunden am Halteplatz, isst, schläft, trinkt, schimpft und bekommt dann eine Fahrt, die nicht einmal die Spesen deckt. Fünfzehn Stunden darauf warten, ob sie das Glas Bier und die Boulette bezahlt machen!

Und wer fährt noch? Vergnügungsfahrten haben ganz aufgehört. Vor den großen Theatern, Restaurants, Cafés zu warten ist ziemlich zwecklos. Den drei Leuten, die fahren wollen, bieten sich dreißig Wagen an. Gegenden, die noch bis vor kurzem das Taxameter-Dorado waren, wie die Friedrichstadt, der Kurfürstendamm, das Bayrische Viertel, sind tot. Möglichkeiten bieten sich nur noch in der Umgebung der Börse und im Bankenviertel. Die Fahrgäste: Börsenbesucher, höhere Bankbeamte, hier und da auch ein Rechtsanwalt, der es sehr eilig hat.

Aber warum sind denn auch die Autos so teuer, warum diese unerhört hohe Schlüsselzahl? Nun, es hat keinen Zweck, heutzutage über die Begriffe teuer und billig zu streiten. Gleich kommt ein Fachmann und beweist einem das Gegenteil. (Meistens, dass es noch viel, viel zu billig sei.) Ich halte mich also an die Zahl, die mir genannt wird. Im Frieden kostete die Autodroschke das Kilo Benzin 25 Pfennig. Jetzt (bei einer Dollarberechnung gleich 10 Millionen) kostet der Liter, was weniger als ein Kilo ist, 1 370 000 Mark. Früher betrug der Preis für eine Gummigleitschuhdecke und einen Schlauch 135 Mark. Heute kostet beides, ebenfalls beim Dollarstand 10, rund 489 Millionen Mark. Die Vereinigung der Gummifabrikanten habe selbst mitgeteilt, dass sie zu den Friedenspreisen noch 25 % wegen der hohen Löhne und der hohen Preise der Materialien zuschlagen müsse. Das gewöhnliche vierzylindrige Droschken­auto verspeist 18 Liter, um 100 Kilometer zu bewältigen. Eine Gummidecke soll eigentlich 10 000 Kilometer fahren. Bei dem schlechten Zustande der Straßen heute gehört viel Glück dazu, auch nur einen Bruchteil dieser Kilometerzahl ohne Reifenschaden zu fahren.

Aber woher kommt es dann, dass eine große Anzahl Autos wie neu aussieht? Da müssen doch offenbar die Besitzer so viel Geld verdient haben, dass sie ihre Wagen ausbessern oder sich gar neue bauen lassen konnten? Das ist eine kuriose Geschichte. Kurz vor Kriegsausbruch hatten viele Kraftwagenbesitzer neue Wagen bei einer bestimmten großen Autofabrik, deren Spezialität die Taxameter sind, bestellt. Als die Besitzer nach dem Kriege auf Lieferung bestanden, weigerte sich die Fabrik, die Wagen noch zum selben Preise abzuliefern. Es kam zu zahlreichen Prozessen, die erst vor kurzem endeten, und die den meisten Besitzern recht gaben. Sie hatten, an der Geldentwertung gemessen, einen nur ganz geringen Zuschlag zu bezahlen und bekamen ihre neuen Wagen zu einer Zeit geliefert, in der es ihnen gar nicht mehr möglich gewesen wäre, den Papier­mark­preis zu bezahlen.

Da kaum anzunehmen ist, dass die Taxameter in Zukunft zur Verschönerung der Straßenecken dienen werden, interviewte ich den Vorsitzenden des Vereins der Berliner Kraft­droschken­besitzer. Dieser entwarf mir folgendes freundliche Bild:

»Wenn nicht ein Wunder geschieht, so sind die Tage der Taxameter gezählt. Von 2700 Wagen fahren im Augenblick noch etwa 2400, aber jeden Tag ziehen die größeren Betriebe mehr Wagen aus dem Verkehr. Am schlimmsten sind die Eigenbesitzer daran, d. h. diejenigen, die nur einen Wagen haben und selbst fahren. Sie lungern ganze Tage auf der Straße herum, fahren vormittags ins Bankenviertel, mittags vor die großen Hotels Unter den Linden, und abends nach dem Westen und finden niemanden, der sie anruft. Der Verein selbst ist in Gefahr aufgelöst zu werden, da die Mitglieder nicht mehr in der Lage sind, den Beitrag zu bezahlen. Den Angestellten ist schon gekündigt worden.«

Dann erzählte mir der Vorsitzende von seinem Plan, den er bereits dem Polizeipräsidium mitgeteilt hat. Dieser Plan ist seiner Meinung nach das einzige Mittel, um die völlige Stilllegung zu verhindern. Es soll nach diesem Plan in Zukunft umschichtig gefahren werden, und zwar in der Weise, dass an allen geraden Tagen die Wagen mit geraden Nummern und an allen ungeraden nur die mit ungeraden Nummern fahren dürfen. Das Polizeipräsidium soll diesen Vorschlag durch eine Notverordnung durchführen.

Einen anderen Weg gäbe es bei den augenblicklichen Zuständen nicht. Jeden Tag verteile das Büro an Chauffeure die Scheine für Erwerbslosen-Unterstützung.

Aber ist es nicht wirklich ganz gleichgültig, ob dieser Plan des Vereinsvorsitzenden zur Durchführung kommt oder nicht? Denn auch wenn nur die geraden oder nur die ungeraden Nummern fahren, wir können doch schon längst nicht mehr Fahrgäste sein. Uns ist die Schlüsselzahl zu hoch, uns sind die Zeiten zu teuer. Adieu, Auto, du hast zwar nicht gerade lieblich geduftet, aber es war doch schön mit dir zu fahren. Nun wirst du verschwinden, wie langsam alles verschwindet, was uns früher ein bescheidener Luxus war.

• H. Pollack.

Buchtipp:
Nach der Eröffnung der Berliner Hoch- und Untergrundbahn 1902 war das Interesse der gut situierten westlichen Berliner Vororte an einem Schnellbahnanschluss geweckt. Selbstbewusst und mit der Unterstützung finanzkräftiger Terraingesellschaften entwickelten die Städte Charlottenburg und Wilmersdorf Pläne für die Erweiterung der Berliner U-Bahn, wobei die Beteiligten teilweise sehr eigenwillige Vorstellungen zur Streckenführung hatten.
In diesem Buch schildern ausgewiesene Experten in zeitgenössischen Original-Beiträgen die Entwicklung der Schnellbahnen vom Nollendorfplatz nach Ruhleben, Krumme Lanke und zum Kurfürstendamm zwischen 1906 und 1930.
Rund 150 Zeichnungen und Fotos illustrieren dieses Zeitdokument der Berliner Verkehrsgeschichte.
  PDF-Leseprobe € 16,90 | 114 Seiten | ISBN: 978-3-7578-8381-2

• Auf epilog.de am 3. Januar 2026 veröffentlicht

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