Forschung & Technik – Technik
Stumme Diener der Technik
Von Hans Dominik
Die Woche • 20.7.1907
Bevor die Menschheit die Naturkräfte in ihren Dienst zwang, musste sie die grobe, nach Meterkilogrammen oder Pferdestärken zu berechnende Arbeit selbst tun. Millionen keuchten ihr Leben lang unter der Last gewaltiger Felsblöcke, um die ägyptischen Pyramiden zu bauen. Millionen mühten sich bis zum Verschmachten auf den Ruderbänken, um die Triremen der antiken Handels- und Kriegsflotten durch die Meeresfluten zu bewegen. Viele hunderttausend Sklavenarme erlahmten alltäglich beim Mahlen des Brotkorns auf den Handmühlen.
Die Menschheit zwang Wasser und Wind zum Dienst und das geschwellte Schiffssegel, die starke Wasser- oder Windmühle entlasteten Ruder- und Mühlensklaven. Newcomb ließ den Dampf in eisernen Zylindern arbeiten, und abermals fiel harte, Leib und Seele zerrüttende Arbeit von der Menschheit ab. In den befreiten Körpern Unzähliger konnte der Geist sich regen, Unzählige konnten am Fortschritt der ganzen Menschheit mitarbeiten. Die schwere Arbeit nach Pferdestärken, die Pferdearbeit im recht eigentlichen Sinn des Wortes, war von der Menschheit genommen, aber es blieb noch einiges zu tun.
Dem neuen Sklaven, dem Dampf, musste der Weg gewiesen werden, den er gehen sollte. So erhoben sich in England allerorten die Balanciers der neuen Dampfmaschinen, und bei jeder Maschine stand als Sklave des Sklavendampfes ein jugendlicher Maschinenwärter, der mit einer gewissen öden Regelmäßigkeit einzelne Hähne der Maschine öffnete und schloss, um den Dampf bald unterhalb, bald oberhalb des Kolbens in den Zylinder ein- und austreten zu lassen. An schönen Sommertagen gibt es für junge Leute wohl bessere Beschäftigung, und James Potter setzte diese theoretische Erkenntnis als erster in die Praxis um. Er hatte bemerkt, dass die Hähne immer dann geöffnet oder geschlossen werden mussten, wenn der Balancier, der Brückenbalken der Maschine, eine ganz bestimmte Stellung einnahm. So band er dann Schnüre an den Balancier und verband diese mit den einzelnen Hähnen. Sobald nun der Balancier in die kritische Stellung kam, sperrte er mit Hilfe der Bindfäden selbst die Dampfhähne an den passenden Stellen auf oder zu. In schöner Gleichmäßigkeit arbeitete die Maschine den sonnigen Nachmittag hindurch, während James Potter mit seinen Kameraden spielen ging.
Auf diese Weise entstand durch die exzessive Faulheit eines genialen Jungen die erste Dampfmaschinensteuerung, und dem konstruktiven Vermögen eines James Watt war es ein leichtes, die Pottersche Idee in Eisen und Stahl zu kleiden. Was inzwischen aus der Dampfmaschinensteuerung geworden ist, lehrt uns ein Blick auf Lokomotiven und Dampfschiffe. Überall steuern sich die Maschinen selbst.
- R E K L A M E -
Auch bei den extrem schnell laufenden Dampfmaschinen mit 2000 Umdrehungen in der Minute tun die eisernen Glieder der Steuerung, die Exzenter- und Pleuelstangen, auf die hundertstel Sekunde genau ihre Pflicht. Ungefähr siebzigmal in jeder Sekunde lassen sie Dampf ein- und ausströmen. Ebenso exakt arbeiten die Steuerungen der Automobilmotoren. Auf Bruchteile einer hundertstel Sekunde genau schneidet die Steuerung hier den Ein- und Austritt von Gasen ab und wirft den zündenden elektrischen Funken durch das explosible Gemenge.
Die Tätigkeit des Maschinenwärters beschränkte sich auf die Ölung der Maschine, auf die Speisung des Kessels mit Kesselwasser und auf die Unterhaltung des Kesselfeuers. Eine Arbeit, golden zwar gegenüber jener von Pyramidenbauern und Rudersklaven, aber immerhin noch eine Arbeit. So ging die Technik weiter und schuf die selbsttätige Zentralschmierung, die selbsttätige Kesselspeisung und die selbsttätige Kesselfeuerung. Unablässig pumpt sich die Dampfmaschine selbst Schmieröl durch alle laufenden Teile. Im Kessel liegen durch Schwimmer betätigte Dampfventile oder Schieber, die die Speisepumpen in Betrieb setzen, sobald das Kesselwasser bis zu einem bestimmten Punkt verbraucht ist, und sie wieder abstellen, sobald genügend frisches Wasser nachgefüllt ist. Vor den Feuerungsrosten arbeiten selbsttätige Beschickungsapparate, die die Stück- oder Staubkohle in ständigem, je nach Bedarf bald stärkerem, bald schwächerem Strom in die Gluten fallenlassen. Unsere Technik könnte heute bereits eine Dampfmaschinenanlage aufstellen, die ohne einen Maschinisten oder Feuermann so lange selbsttätig im Gange bleibt, wie eben überhaupt Kohle und Wasser ausreichen. Freilich für ortsfeste große Anlagen verlässt man sich noch nicht völlig auf solche selbsttätige Bedienung. Man nimmt wohl einige dieser Automaten, aber belässt doch die Hauptaufsicht einem lebendigen Menschen, dem Maschinisten. Anders liegt es bei den Dampfomnibussen, die namentlich in England Gegenstand eifrigen Studiums und steten technischen Fortschrittes sind. Hier kann der Chauffeur trotz seines Namens weder den Kessel heizen, noch auch ihn speisen. Während der Dampfverbrauch sich jeden Augenblick mit wechselnden Straßenverhältnissen ändert, hat der Chauffeur mit der Bedienung seines Wagens alle Hände voll zu tun. Hier müssen Automaten helfen, und die Technik hat sie mit gutem Erfolg in Arbeit genommen. Auch hier sorgt eine selbsttätige Speisepumpe für die nötige Wasserzufuhr. Der Dampfdruck selbst betätigt die Brennstoffzuführung, den Benzinzufluss, und schneidet ihn ab, sobald die Kesselspannung einen bestimmten Wert überschreitet. Während der Chauffeur seinen Wagen durch Straßen und über Plätze bergauf und bergab nimmt, sorgen die getreuen Automaten dafür, dass seine Maschine stets richtigen Dampf von richtiger Spannung erhält, dass seine Kessel nicht glühend werden oder platzen.
In der Elektrotechnik sind die selbsttätigen Steuerungen und Regulatoren gleichfalls zu einer bewundernswerten Höhe durchgebildet worden. Wir finden heute namentlich in den Tropen selbsttätige kleinere hydroelektrische Anlagen, die oft wochenlang von keinem Maschinisten besucht werden. Irgendwo im Gebirge ist ein Wasserfall in ein Stahlrohr gezwungen und zum Turbinenrad geleitet. Mit der Turbine ist der Dynamo gekuppelt, die die Arbeit des Wasserfalls in Elektrizität verwandelt. Neben dem Turbodynamo birgt die Maschinenhütte eine Reihe sinnreicher Regulatoren. Vom Dynamo führt die Leitung meilenweit fort, um das Wohnhaus einer Plantage zu beleuchten, um dort Fächer zu bewegen oder Motoren zu speisen. In diesem Landhaus dreht der Herr in nächtlicher Stunde eine elektrische Krone aus. Eine Zehntelsekunde später vollführt in der Turbinenhütte auf den Bergen der eiserne Teil eines elektromagnetischen Regulators eine kaum merkliche Bewegung. Aber sie genügt, um ein Relais zu betätigen. Schalter schnappen, eine Spindel dreht sich, und ein Teil des gefangenen Wasserfalls trifft nicht mehr die Turbinenschaufeln, sondern eilt daran vorüber. Weil die Krone erlosch, wird ganz zwangsläufig entsprechend der verringerten Belastung der Maschinen ein Teil des Wasserfalls in Freiheit gesetzt. Zu jeder Stunde aber, zu jeder Minute des Tages und des Nachts, kann beliebig viel Licht eingeschaltet werden. Jederzeit stehen die stummen Diener, die Regulatoren, des Winkes gewärtig und holen den Wasserfall zu vermehrter oder verminderter Leistung heran, ohne dass darum irgendein armer Maschinensklave seine Nachtruhe zu opfern brauchte.
In der Kasse sitzt ein Beamter vor einem Haufen Geld. Die Abendeinnahme eines großen Theaters. Fünfpfennigstücke neben Fünfzigpfennigstücken, Markstücke und Taler neben gemünztem Gold. Das alles soll gezählt und richtig zusammengepackt werden. Mit kurzem Schwung wirft er das Ganze in den Trichter einer eigenartigen Maschine. Ein Motor schnurrt, es klappert und rasselt, und schon fallen sauber gepackte, in verschiedenes Papier gewickelte Rollen heraus. Hundertstückweise sind Fünfpfennigstücke, Groschen, Taler usw. zusammengepackt. Die moderne Geldzählmaschine!
Im Treppenhaus am Fahrstuhl. Hein Fahrstuhlführer ist zu sehen und kein Fahrstuhl. An einem weißen Schild glänzt das Wörtchen ›frei‹. Wir drücken auf den daneben befindlichen Knopf. Im gleichen Augenblick steht an Stelle von ›frei‹ ›besetzt‹, es beginnt zu rauschen und zu schnurren, der Fahrstuhl kommt angefahren und hält vor unserer Tür. Erst jetzt können wir diese öffnen und in den Fahrstuhl treten. Im Augenblick, da wir den Fuß auf seinen Boden setzen, flammt das elektrische Licht auf. Wir haben es selbst durch unser Gewicht eingeschaltet. Wir sehen im Fahrstuhl ein Tableau mit einem Knopf für jede Etage. Wir drücken auf den vierten Knopf, weil wir in die vierte Etage wollen. Der Fahrstuhl regt und rührt sich nicht. Wir haben vergessen, hinter uns die Tür zu schließen, und das darf nicht sein, denn dann könnte ja ein anderer in den Schacht stürzen. Wir schlagen sie zu, und erst jetzt ist der Fahrstrom eingeschaltet. Ein Druck auf den vierten Knopf, und in Schnelligkeit bringt uns der Stuhl zur vierten Etage. Wir öffnen die Tür, und in dem Augenblick, da wir sie hinter uns zuschlagen, erglänzt wiederum das Wort ›frei‹ am Außenschild. Der stumme eiserne Diener hält anderen seine Dienste weiter zur Verfügung. Vielfach verzichtet man nur noch darum auf die Dienste solcher Automaten, weil die menschliche Arbeitskraft gelegentlich billiger ist. Da ist z. B. die löbliche Zunft der Laternenanstecker, die allabendlich zünden, allmorgendlich löschen gehen. Aber auch auf der See liegen Bojen, mit Pressgas gefüllt und mit brennender Signallaterne. Kein Laternenanstecker käme indes mit trockenen Stiefeln und trockener Seele zu ihnen, und so muss hier die lichtempfindliche Seelenzelle in Wirkung treten. Mitten in Meer und Nacht brennt einsam das Gasglühlicht, da beginnt sich der östliche Himmel zu röten, und langsam erhebt sich der Sonnenball aus der Flut. Seine Strahlen treffen die Seelenzelle, und bei der Belichtung wird sie stromleitend. Ein Elementenstrom geht durch sie hindurch, ein Elektromagnet wird erregt, und schwapp – ist die Laterne bis auf eine kleine Zündflamme ausgedreht. In vollem Sonnenglanz liegt die See, und kosend schaukeln die Wellen die Boje. Da plötzlich erhebt sich ein dichter Nebel. Dunkelheit lagert über dem Wasser. Darob verliert eine andere Seelenzelle an Leistungsfähigkeit, und im Augenblick beginnt ein Ruhestromrelais zu arbeiten, und die Lampe brennt wieder, solange dunkler Nebel die Boje umfängt.
Die Beispiele solcher stummen Diener, solcher Steuerleute aus Stahl und Eisen, solcher denkenden Maschinen ließen sich noch tausendfach vermehren. Sie ersparen der Menschheit eintönige, wenig geistreiche Arbeit und ermöglichen es ihr, alle Kräfte zum Zweck eines gesunden Fortschrittes anzuspannen. Was immer die Maschine tun kann, braucht der Mensch nicht zu tun. So bedeuten auch diese modernen Automaten einen Schritt weiter zu jener goldenen Zukunft, da rein geistige Interessen die Menschheit bewegen und alle groben Arbeiten, alles mechanische Werk von der gebändigten Natur erledigt wird.