Forschung & Technik – Technik
Kunstfeuerwerkerei
Das Neue Universum • 1895
Licht und Feuerschein haben von jeher auf das Menschengemüt einen besonderen Eindruck ausgeübt, und in früheren Zeiten wurde die Offenbarung höherer Gewalten darin erblickt. Als ein Nachklang des uralten heiligen Feuerdienstes kann die Freude des heutigen Geschlechts an Illuminationen und Feuerwerken gelten, und deshalb ist auch die Kunstfeuerwerkerei seit der Erfindung des Schießpulvers ausgeübt und zu immer höherer Ausbildung durch Erfindung neuer Hilfsmittel gebracht worden.
Besonders beliebt sind die hochgehenden Feuerwerkskörper, zu denen man Raketen, Schwärmer, Leuchtkugeln und Feuerstrahlen verwendet, die man massenhaft in Feuergarben emporsteigen und in der Höhe mit vielfarbigem Schimmer zur Wirkung kommen lässt.
Die Feuerstrahlen, von denen hier besonders die Rede ist, sind kleine sogenannte bengalische Feuer, welche in Papierhülsen von 8 – 10 mm Durchmesser und 8 – 12 cm Länge eingeschlossen sind.
Wenn die Abbrennung eines besonders festlichen Feuerwerks beabsichtigt ist, so hat der Unternehmer Rücksicht auf die Bedeutung des Festes zu nehmen und die Formen und Arten für gewisse allegorische Darstellungen und zweckentsprechende Dekorationen einzurichten. Die herzustellenden Feuerwerkskörper werden zuerst auf dem Fußboden des Ateliers oder Werkplatzes in wirklicher Größe vorgezeichnet und danach die dazu erforderlichen großen Gestelle aus leichten Holzlatten zusammengesetzt, worauf man, den Strichen der Zeichnung folgend, biegsame Stäbe aus spanischem Rohr oder Weidenruten darauf nagelt. Die so hergestellten Zierstücke sind oft von sehr großen Abmessungen, beispielsweise 100 m lang und 30 m hoch. Selbstverständlich werden so große Stücke aus einzelnen Holzgestellen angefertigt, die sich bequem nach dem Ort des Abbrennens transportieren lassen, wo man dieselben alsdann zusammensetzt. Um jeden Irrtum beim Aufstellen zu verhüten, werden die einzelnen Stücke mit Nummern versehen.
Auf die in der beschriebenen Weise aus biegsamen Stäben oder Ruten hergestellten Gerippe, welche nach der Farbe des Modells angestrichen werden, schlägt man senkrecht zur Ebene des Gestells lange Drahtstifte mit auswärts gekehrten Spitzen ein, auf welche die erwähnten, mit Buntfeuer gefüllten Hülsen in der gehörigen Farbenanordnung gesteckt werden. Je nach der Entfernung, aus welcher das Feuerwerk gesehen werden soll, werden die Buntfeuerhülsen 12 – 20 cm weit voneinander angebracht. Sobald alle Hülsen in der angegebenen Weise auf das Gestell des Feuerwerkkörpers aufgesteckt worden sind, werden dieselben durch Zündschnüre miteinander verbunden, welche in einer sogenannten Stoppine oder einem Zünder enden. Dieser Zünder besteht aus einem Geflecht von Baumwollfäden, die mit einem Teig aus Stärkekleister und fein geriebenem Schießpulver getränkt sind, worauf sie scharf getrocknet werden. Schließlich umgibt man diesen Docht, der sehr lebhaft abbrennt, mit einer Papierhülse. Auf diese Weise lassen sich alle Buntfeuerhülsen fast gleichzeitig entzünden, so dass ihre farbigen Feuerstrahlen sich zu einem Gesamtbild vereinigen.
Der Aufbau eines entsprechenden Holzgerüstes zur Anbringung der Feuerwerkskörper erfordert oft eine ziemlich umfängliche Arbeit, indem hohe Masten in den Erdboden einzurammen sind. Die schweren Stücke werden dann mittels Seilen und Flaschenzügen in die Höhe gebracht und entsprechend am Gerüst befestigt. Zuweilen sind mehrere Tage zur Aufstellung eines großen Feuerwerks nötig.
Eine Feuerwerksgarbe mit 15 000 Raketen.
Mit besonderer Spannung wird von den Zuschauern das Aufsteigen der Feuergarbe oder des sogenannten Bouquets erwartet, welches bei großen Feuerwerken den Gipfelpunkt der ganzen Vorführung bildet. Dieses Bouquet ist ausschließlich aus Raketen zusammengesetzt, wobei je nach der Wichtigkeit der Feierlichkeit, welche durch das Feuerwerk verherrlicht werden soll, oft viele Tausend Stück zusammen in die Luft steigen, wie dies insbesondere bei der Feuergarbe der Fall war, die in früherer Zeit in Rom alljährlich zur Zeit des Karnevals von der Engelsburg emporstieg.
Die auf unserem Bild dargestellte Feuergarbe, welche in jüngster Zeit bei Gelegenheit einer größeren Festlichkeit abgebrannt wurde, bestand aus 15 000 Raketen. Es werden zu dem Zweck Raketen von verschiedener Steigkraft verwendet, um die gewünschte Form des Bouquets möglichst schön zum Ausdruck zu bringen. Die Raketen mit stärkster Steigkraft befinden sich in der Mitte, die mit schwächster Steigkraft zu beiden Seiten. Durch ihre Aufhängung am Gestell erhalten sie die Richtung, in welcher ihr Aufsteigen erfolgen soll.
Dieses aus 15 000 Stück Raketen gebildete Bouquet hatte in der Anlage eine Höhe von 30 m bei 6 m Breite. Bei dem Abbrennen erhob sich die Feuergarbe über 200 m Höhe und erfüllte einen Umkreis von fast 300 m Durchmesser. Das beigegebene Bild dieser Feuergarbe ist nach einer fotografischen Aufnahme angefertigt, deren Schärfe sehr bewundernswert ist: Der Fotograf selbst hatte dabei eine ziemlich gefährliche Aufstellung, indem er von einem Feuerregen überschüttet wurde.
Es sind nun noch einige Worte über die Anfertigung der Fontänen, Feuersonnen oder Feuerräder anzufügen.
Die hierzu dienenden Stücke werden aus Hülsen von Karton oder mehrfach übereinander geklebtem Papier angefertigt und gefüllt mit einem Satz, der ähnlich dem Schießpulver zusammengesetzt ist, dem aber der Funkenbildung wegen Eisenfeilspäne und Stahlspäne beigemischt sind. Die so gefüllten Hülsen können, wie gesagt, zu verschiedenartigen Feuerwerkskörpern Verwendung finden und je nach der Zusammensetzung ihrer Füllung lassen sich sehr schöne Wirkungen damit erzielen.