Bau & Architektur

Siegfried Hartmann

Schutz vor Lärm

Das Ruhehaus

Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

»Ich habe eine neue großartige Idee, eine Sache, die wirklich einem Bedürfnis entspricht, von größter Bedeutung für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Großstadtbevölkerung.«

»Du machst mich neugierig, was ist es denn?«

»Warte ab. Hast du die Nacht gut geschlafen?«

»Die Nacht, ja, wie immer.«

»Und heute Morgen?«

»Schlecht oder besser gar nicht, auch wie immer.«

»Also dein oberer Nachbar fährt nach wie vor fort, dich jeden Morgen durch einen halbstündigen Parademarsch in Holzpantinen aus deinem süßesten Schlummer zu wecken?«

»Ja, er behauptet, das wäre so Sitte in der Großstadt, und daran müsste man sich gewöhnen können.«

»Da hast du es, du bist nicht der Einzige. Hunderte, was sage ich, Tausende leiden wie du unter der Rücksichtslosigkeit der Nachbarn. Es lässt sich eben in der Großstadt nicht vermeiden, dass der Geistesarbeiter dicht beim Handarbeiter wohnt und letzterer hat für den Begriff Ruhe kein allzu großes Verständnis. Ist er von Natur ein rücksichtsvoller Mensch, so respektiert er Klagen, in der Regel hält er jedoch jeden Wunsch nach ruhigem Verhalten für einen Eingriff in seine persönliche Freiheit und poltert womöglich erst recht, wenn man sich beklagt und wird grob obendrein. Siehst du, und hier will ich Wandel schaffen.«

»Also eine Erziehungsschule für unruhige Mieter gründen?«

»Das wäre völlig aussichtslos, Menschen ändern wollen, ist eine Sisyphusarbeit, die ich getrost anderen überlasse. Nein, ich will alle Hilfsmittel moderner Naturwissenschaft und Technik heranziehen, um jede Übertragung des Schalls von Wohnung zu Wohnung zu vermeiden. In Berlin werden gewiss genug Häuser gebaut mit prunkvollen Aufgängen, marmor­imitierten Treppen, Stuck an allen Ecken und Enden, kurz und gut: Bauten, die nur den einen Fehler haben, dass ihre Wände und Decken so dünn sind, dass von einem eigentlichen Alleinwohnen in einer Wohnung gar keine Rede sein kann. Der Nachbar rechts und links oben und unten muss nolens volens an meinem Tun und Lassen Anteil nehmen. Und das will ich ändern. Ich werde eine Genossenschaft gründen zum Bau von schall­sicheren Häusern, all der Tand, für den der moderne Architekt Geld übrig hat, wird wegbleiben. Einfach und schlicht soll das Äußere werden, einfach und schlicht Treppen und Aufgänge. Dafür aber die Wände und Decken so dick und dicht, dass du in der ersten und dritten Etage ruhig an Klavierlehrer vermieten kannst, ohne dass der im zweiten Stock wohnende Schriftsteller im mindesten gestört wird.«

»Ich belege eine Wohnung im Voraus.«

»Ja das glaube ich. Ich habe bereits mit sieben oder acht Leuten über meinen Plan gesprochen. Sie sagen alle dasselbe. Die Wohnungen habe ich schon vermietet ehe der erste Spatenstich getan. Da siehst du, dass wirklich ein Bedürfnis vorliegt. Und du wirst dich noch mehr freuen: Nach ausführlichen Voranschlägen werden die Wohnungen nicht teurer werden, wie irgendwo anders. Also solche Häuser sollen gebaut werden. In größerer Zahl, so viel wie Kapital zusammenkommt, wird gebaut. Es wird eine glänzende Anlage. Aber das ist nur ein Teil meines Plans. Wir können natürlich nicht alle Häuser umbauen, und wenn meine Gesellschaft auch noch so rege baut und baut. Ja, selbst wenn sie zahlreiche Nachahmer findet, die Mehrzahl der Menschen wird vorläufig verzichten und mit den alten geräuschvollen Behausungen vorlieb nehmen müssen. Denen soll nun in zweierlei Weise geholfen werden. Einmal beabsichtigen wir, planmäßige Aufklärungsarbeit zu leisten und Hand in Hand damit bestehende Wohnungen noch nachträglich mit möglichst geringen Kosten schalldicht zu machen, so gut es eben geht.«

»Und wie das?«

»Einmal durch Verbreitung schalldämpfenden Fußbodenbelages, durch billige Lieferung von Filzschuhen für Stühle, die viel hin- und hergerückt werden, durch schalldämpfende Filz­unterlags­platten für Klaviere und Nähmaschinen, dicke schalldämpfende Decken, die man hinter Pianinos spannt, um die Übertragung der Klänge durch die Wände abzudämpfen. Siehst du, das sind alles Dinge, die kosten nicht viel Geld und packen doch das Übel in gewissem Sinne schon an der Wurzel. Denn darauf kommt es in diesem Falle an: die Entstehung von Geräuschen zu verhüten, entstandene und unvermeidbare aber sofort nach Möglichkeit zu dämpfen. Allzu dünne Wände, wie zum Beispiel dünne Rabitz­wände, Gipswände können unter Verzicht auf einige Zentimeter Zimmerbreite verdoppelt werden oder durch stärkere ersetzt, oder man behängt sie, falls das Geld reicht, mit Teppichen.«

»Wie im Orient.«

»Gewiss, wie im Orient. Dort ist man längst so schlau gewesen, die schalldämpfende Wirkung von Teppichen zur Erhöhung der Behaglichkeit der Wohnung zu benützen. Wir Modernen bekämpfen wohl Teppiche gern vom hygienischen Standpunkte aus; ich meine aber, dieser hygienische Standpunkt wird dabei zu einseitig aufgefasst. Ruhe ist für die Nerven mindestens eben so ein wichtiges Bedürfnis wie gute Luft für die Lungen. In Musikzimmern, in Mietshäusern sollte zum mindesten die umfangreiche Verwendung von schalldämpfenden Teppichen weit mehr wie bisher Platz greifen. Also kurz und gut, wir werden die ›Beruhigung‹ von Wohnungen als unsere vornehmste Aufgabe neben dem Bau schalldichter Mietshäuser betrachten. Dann kommt aber noch ein Drittes dazu, eine Einrichtung, die die noch bestehende Lücke ausfüllen soll. Wir werden nicht nur ruhige Häuser, sondern auch Ruhehäuser bauen.«

»Was verstehst du darunter?«

»Häuser, die in die lärmendste Geschäftsgegend mitten hineingesetzt werden und durch ihren Aufbau und ihre innere Einrichtung der vorübergehenden Nervenerholung dienen sollen. In mancher Beziehung unseren Hotels ähnlich, aber doch wieder anders. Da nicht nur reiche, sondern auch ärmere Menschen Ruhebedürfnis haben, soll die ganze Anlage darauf zugeschnitten werden, dass die Benutzung möglichst billig wird. Man wird für einige Groschen sich das Recht des Eintritts für eine gewisse Zeit erwerben. Bedienung, Wirtschaftsbetrieb und dergleichen fällt fort.«

»Ich kann mir noch keine rechte klare Vorstellung von dem machen, was das eigentlich sein soll.«

»Nun dann hör zu. Strenge deine Fantasie etwas an, ich will dir das Haus schildern, wie ich es vorläufig in meinem Kopf geplant habe.

Wir gehen von der Straße durch einen Hof nach einem Hintergebäude, der größeren Billigkeit des Grund und Bodens halber ist ein Hintergrundstück als Bauplatz gewählt. Durch dreifache mit Filz beschlagene Türen und zwei dichte Wollvorhänge gelangen wir in den Vorraum. Hier entrichten wir unseren Obolus. Man bittet uns nun höflich, unsere Schuhe auszuziehen und gegen bequeme Filzschuhe zu vertauschen oder über unsere Schuhe Filzhüllen zu ziehen. Stock, Schirm und was wir sonst gerade nicht brauchen, geben wir in der Garderobe ab. Ein Schild mahnt uns: ›Es wird gebeten, in den Räumen des Ruhehauses nicht zu sprechen.‹ Wir gehen nun weiter und treten in eine größere Halle. Sie ist mit üppigem Grün geschmückt, ein schöner Wintergarten. Von der Decke strahlt mildes sonniges Licht durch matte weiße Scheiben. In Wahrheit sind es große Bogenlampen, die unabhängig von der Tageszeit und der Witterung ihr gleichmäßiges ruhiges Licht herab­fluten lassen. Unten ist ein grüner fester Grasteppich. Keine Wege, nur Gras. Bequeme Ruhebänke und Stühle stehen umher und laden uns ein, Platz zu nehmen. Verschiedene Männer und Frauen lassen es sich hier wohl sein, sie lesen oder tun auch gar nichts, sie ruhen sich aus. Wir schreiten weiter. Aus dem Wintergarten kommen wir in eine zweite Halle: Hier sprudelt Wasser, schönes lauwarmes Wasser ladet zum Bade. An den Rändern des Bassins liegen Männlein und Weiblein wie an den Ufern des Wannsees, nur fehlen die lärmenden Zuschauer, Ruhe beherrscht das Ganze. Die Luft ist wie in der ersten Halle angenehm kräftig und würzig. Es ist Luft von draußen, aber in großen Filteranlagen sorgfältig gereinigt von allem Staub und Schmutz, weiterhin je nach der Witterung gekühlt oder erwärmt, und durch eine besondere elektrische Anlage ozonisiert, das heißt mit jenem dreiatomigen Sauerstoff durchsetzt, den wir besonders nach starken Gewittern als so außerordentlich erfrischend und kräftigend in der Luft empfinden.

Was ich dir bisher zeigte, waren die Gemeinschaftsräume. Nun sind noch auf Galerien kleine Einzelgemächer geschaffen für alle die, die zur Erholung völlige Abgeschlossenheit brauchen. Sie sind groß genug für die Aufnahme eines Ruhebettes, eines kleinen Tisches mit Stuhl und eines Kleiderhakens. Auf dem Tisch befinden sich Tinte, Feder und eine Flasche frisches Wasser. Auf dem Ruhebett eine Decke. Nach Schließen der dicken gepolsterten Tür dringt kein Laut mehr hinein, selbst wenn der Nachbar nebenan sich an die Vorschriften des Hauses nicht hält und laut das Gaudeamus singen würde, es würde nicht gehört und stört die nebenan ruhenden Menschen nicht. Die Wände sind 1½ Stein stark, mit Luftisolation und Korkplattenbelag, die Fußböden mit starkem Linoleum belegt. Zwei Hähne dienen der Regelung der Temperatur. Wer Kühle braucht, kann bis herab zu etwa 0° jede gewünschte Temperatur herstellen, ebenso der, der ein Schwitzbad wünscht, bis herauf zu 30°. In einigen Zellen, den sogenannten Musikzellen ist noch eine besondere Einrichtung getroffen: Hoch­vollendete Phonographen befinden sich in einer Vertiefung, die durch eine wollene Decke abgeschlossen ist. Schöne sanfte Melodien, Singstimmen oder Streichmusik erfreuen den Insassen so lange, wie er es durch Stellen einer Uhr bestimmt. Für manche Leute wirkt derartige Musik besonders beruhigend: hier im Ruhehaus ist auch für sie gesorgt.«

»Weißt du, der Gedanke den du mir da entwickelst, ist großartig, ich wünschte, dein Ruhehaus wäre schon fertig. Nur bezweifle ich, dass sich die Sache so billig herstellen lassen wird.«

»Na, darüber wollen wir später noch reden. Jedenfalls wollte ich von dir hören, ob dir technische Bedenken gegen meine Pläne gekommen sind.«

»Nein, was du mir sagtest, halte ich voll und ganz für ausführbar.«

»Na, das lasse das übrige meine Sorge sein.«

Entnommen aus dem Buch:
Naturwissenschaft und Technik bilden die Grundpfeiler unserer Kultur. Alles, was das moderne Leben von früheren Epochen der Menschheit in charakteristischer Weise unterscheidet, beruht in letzter Linie auf den Fortschritten des Naturerkennens und der wachsenden Fähigkeit, Kräfte der Natur in den Dienst der Menschen zu zwingen.
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.
  PDF-Leseprobe € 18,90 | 182 Seiten | ISBN: 978-3-695-71317-2

• Auf epilog.de am 9. September 2026 veröffentlicht

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