VerkehrEisenbahn

Der Schlaf auf Achse

Verkehrsstudie von Viktor Ottmann

Die Woche • 22.4.1905

Voraussichtliche Lesezeit rund 8 Minuten.
Ein amerikanischer Pullmanwagen.Abb. 1. Ein amerikanischer Pullmanwagen.

Ist unser modernes Verkehrsleben wirklich so bar aller Romantik, wie es uns die Lobredner vergangener Zeiten gern weismachen wollen? Eingang zu einem amerikanischen Pullmanwagen.Abb. 2. Eingang zu einem amerikanischen Pullmanwagen. Oder kommt es nicht auch hier wie überall lediglich darauf an, was wir in eine Sache hineinzulegen imstande sind? Wer selbst nur ein wenig Poesie im Leib hat, für den gähnt zwischen den verklungenen Posthorntönen von Lenaus ›Schwager‹ und dem anscheinend so unme­lodischen Signalpfiff des Zugführers keine unüberbrückbare Kluft.

Ich wenigstens halte es für ungemein stimmungsvoll, vom Schnellzug durch die Nacht in irgendein fernes Land getragen zu werden, im Halbschlaf dem Rasseln und Sausen, dem Fauchen und Poltern zu lauschen und an den Fenstern fliegende Schatten zu sehen; ja, ich finde es geradezu poetisch, abends in Berlin einzuschlummern, am nächsten Morgen in München zu frühstücken und mich zwölf Stunden später über den Oberkellner des Bahnhofs Verona zu entrüsten.

Freilich, ein bisschen bequem sind wir geworden, denn zu viele Hände regen sich in dem Bemühen, uns das Reisen so leicht wie möglich zu machen. Salon eines Familienschlafwagens.Abb. 3. Salon eines Familienschlafwagens der Midland Railway, England. Welch ein Unterschied zwischen der rüttelnden Postkutsche unserer Großväter und dem sanften Dahingleiten im gut gefederten Salon- und Schlafwagen! Wir nehmen diese Bequemlichkeiten schon fast als selbstverständlich hin, und doch ist es noch gar nicht so lange her, dass ein preußischer Eisen­bahn­gewaltiger sich gegen die Einführung von Speisewagen mit dem denkwürdigen Wort sträubte: »Entweder man reist, oder man speist.« Heute reist und speist man fast überall in der Welt, wo es Eisenbahnen gibt, am allermeisten aber im Deutschen Reich.

Den ersten Anstoß zur Schaffung weitgehender Bequemlichkeiten für die Passagiere verdanken wir dem Amerikaner Pullman, aber seine kühne, selbst in Amerika anfangs sehr skeptisch beurteilte Unternehmungslust wäre uns Europäern schwerlich mit solcher Schnelligkeit zugutegekommen, wenn nicht  Georges Nagelmackers das zeitgemäße der Pullman­schen Ideen rasch erfasst und sie in besserer Ausgestaltung nach dem alten Kontinent verpflanzt hätte. Ihm gelang es im Jahr 1873, zur Durchführung seiner Pläne eine Gesellschaft zusammenzubringen, die ihre Tätigkeit bald über die belgischen Grenzen ausdehnte, und zu den Schlafwagen traten die Speisewagen.

Abteil eines internationalen Schlafwagens bei Nacht.Abb. 4.
Abteil eines internationalen Schlafwagens bei bei Tage.Abb. 5.
Abteil eines internationalen Schlafwagens bei Nacht (links) und bei bei Tage.

Gegen was für Schwerfälligkeiten und drollige Bedenken die Pioniere des Verkehrs anzukämpfen hatten, dafür nur ein Beispiel. Als dem Direktor der größten französischen Eisenbahn nahegelegt wurde, wenigstens die Schnellzüge mit dem bis dahin ungeahnten Luxus gewisser Kabinette zu beglücken, wehrte er entrüstet mit den Worten ab: »So etwas in meinen Zügen? Niemals!!«

Inneres eines Pullmanwagens.Abb. 6. Inneres eines Pullmanwagens. Der ›Porter‹ klappt ein oberes Bett herunter.

Im Jahr 1883 erfolgte die epochemachende Begründung der Luxuszüge, und zwar war der erste der Orient-Express zwischen Paris und Konstantinopel, bald darauf kam der Calais-Nizza-Rom-Express.

Heute erstrecken sich die Luxuszugverbindungen von der Küste des Atlantischen Ozeans bis zum Bosporus, von den Ufern der Newa bis zur Schwelle der Sahara, und die internationalen Schlaf- und Speisewagen rollen nicht bloß durch fast alle europäischen Länder und Nordafrika, sondern auch über die Steppen Sibiriens bis zum Baikalsee. Die nahe bevorstehende direkte Verbindung mit Peking ist nur durch die kriegerischen Ereignisse im Fernen Osten aufgehalten worden-

Während damals in den Anfangsjahren der Schlaf- und Speisewagen die Disponenten des Eisenbahnverkehrs noch starke Neigung zeigten, sich über manche berechtigte Forderung des ›begehrlich‹ gewordenen Publikums hinwegzusetzen, nehmen sie heute einen ganz veränderten Standpunkt ein, wenigstens in Deutschland. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Eisenbahndirektionen übten im Lauf der Jahre einen höchst anregenden, befruchtenden Einfluss aus, und bald wetteiferte man in dem Bestreben, die kleinen Reisebeschwerden auf ein Mindestmaß zu beschränken.

Abteil eines Schlafwagens der preußischen Staatsbahnen.Abb. 7. Abteil eines Schlafwagens der preußischen Staatsbahnen.

Es ist erfreulich, dass Deutschland und hier besonders die preußische Staatsbahnverwaltung mit Entschlossenheit neue Wege einschlug; namentlich seit dem Amtsantritt des Eisenbahnministers von Budde waltet in dem riesigen Betrieb der preußischen Staatsbahnen – dem größten Bahnsystem der Welt – ein im besten Sinne moderner Geist. Auf allen bedeutenden deutschen Linien verkehren jetzt Schlaf- und Speisewagen, teils eigene der Staatsbahnen, teils solche der belgischen Gesellschaft; dagegen werden die Luxuszüge auf sämtlichen Linien von letzterer gestellt.

Bei oberflächlichem Hinblick mag dem Laien nichts einfacher dünken, als einen Schlafwagen zu bauen, aber wie viel Scharfsinn und Raffinement liegen in diesen Konstruktionen! Zum Erfordernis möglichster Raumausnutzung gesellt sich das Gebot schneller Verwandlungsfähigkeit, denn der Schlafwagen darf nur in der Nacht ein Schlafwagen sein, am Tag aber soll nichts an diese nächtliche Seite seines Doppelberufs erinnern.

Abb. 4 u. 5 zeigen ein Schlafwagenabteil bei Tag und das gleiche Abteil zur Nachtruhe umgeändert. Ein geschickter Mechanismus lässt die Sitzfläche des Sofas mit wenigen Griffen in ein molliges Lager verwandeln, während die aufgeschlagene Rücklehne das obere Bett bildet. Die Waschtoiletten sind zumeist in die Wand eingebaut.

Salon eines Luxuszugs der Internationalen Schlafwagengesellschaft.Abb. 8. Salon eines Luxuszugs der Internationalen Schlafwagengesellschaft.

Während in unseren Schlafwagen die Betten quer zum Zug liegen, befinden sie sich in den amerikanischen Pullmanwagen zu beiden Seiten des Mittelgangs in der Längsrichtung (Abb. 6). Die unbeschränkte Öffentlichkeit in diesen Durchgangswagen, die keine besonderen Abteile für Damen haben und in denen nur ein schüchterner Bettvorhang die Schlafenden verschleiert, würde uns Europäern nebst manchen anderen lästigen Dingen wenig gefallen; jedenfalls sind unsere Schlafwagen gemütlicher und diskreter.

Dass auch die englischen Bahnen bestrebt sind, ihren Passagieren größte Bequemlichkeiten zu verschaffen, beweist Abb. 3. Sie stellt den Salon eines sogenannten ›Familienschlafwagens‹ der Midland Railway mit den in Ruhelager ein- und zwei­schläf­rigen Systems verwandelten Polstermöbeln dar. Vermutlich werden sich aber nur die im höchsten Grad ›besseren‹ Familien Old Englands den Luxus dieser Familienschlafwagen leisten können!

• Auf epilog.de am 3. Mai 2026 veröffentlicht

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