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Rohrpostanlage auf dem Zentralgüterbahnhof in Stettin

Zentralblatt der Bauverwaltung • 6.12.1890

Zentralgüterbahnhof in StettinAbb. 1: Lageplan

Auf dem Zentralgüterbahnhof in Stettin musste im Jahre 1886 das Telegrafenbüro aus dem Verwaltungsgebäude hinaus in ein besonderes Gebäude jenseits einer Gruppe von 13 Gleisen verlegt werden. Im Verwaltungsgebäude verblieb die Güterabfertigung, das Stationsbüro und die Materialienverwaltung, welche alle bei ihrem telegrafischen Verkehr auf das Telegrafenbüro angewiesen waren. Es erwies sich daher als notwendig, eine schnellere Vermittlung zwischen beiden Gebäuden herzustellen, als solche durch Boten bewirkt werden konnte.

Hierzu wurde die in den Zeichnungen dargestellte Rohrpostanlage eingerichtet, welche seit nunmehr vier Jahren in Betrieb ist und sich bewährt hat.

Die Rohrpostanlage (Abb. 1) ist im Verwaltungsgebäude in einer Ecke des Stationsbüros y, im Telegrafengebäude x in einer Ecke des Zimmers des diensttuenden Stationsassistenten aufgestellt; die beiden Stationen sind ganz gleich eingerichtet. Das sie verbindende Messingluftrohr i von 38 mm innerem Durchmesser bei 2 mm dicken Wandungen ist quer durch die Gleise in 80 cm Tiefe unter der Erdoberfläche gelegt und an den freiliegenden Stellen beim Austritt aus den Gebäuden mit einem Holzkasten umgeben. Es hat in den Krümmungen einen kleinsten Halbmesser von 10 m sowohl in senkrechter als in wagerechter Ebene.

Ansicht, Querschnitt, GrundrissAbb. 2 – 4: Ansicht, Querschnitt, Grundriss.

Die Luft wird in das Rohr i (Abb. 2 u. 4) durch einen Blasebalg a eingepumpt. Im Zustand der Ruhe ist das in das Büro eintretende Ende des Luftrohres offen, der Verschluss b hängt daneben. In das offene Rohrende ist ein Spiralschlauch c lose hineingesteckt, welcher an einer in der Wand daneben befindlichen Gabel d aufgehängt und am oberen Mundstück mit einer eingesteckten Pfeife versehen ist. Will nun die Station y mit der Station x sprechen, so nimmt der Beamte in y den Schlauch e von der Wand, zieht die Pfeife heraus, hält sich den Schlauch vor den Mund und bläst hinein. Dadurch ertönt in x die Pfeife in dem dort aufgehängten Schlauch, ein Beamter nimmt ihn von der Wand und spricht in gewöhnlicher Sprache in den Schlauch hinein: »Station x hier!« y sagt: »Patrone nach dort fertig.« x antwortet: »Patrone kann kommen!« In y wird sodann der Schlauch in den Haken d wieder eingehängt und das untere Ende desselben aus dem Luftrohr herausgezogen. Nunmehr wird die Patrone in das Luftrohr eingeschoben, der Verschluss b über die Öffnung des Luftrohrs gelegt und mit dem Überfallhaken festgeklemmt. Hierauf steigt der abgebende Beamte auf den Auftritt e, hält sich mit den Händen an dem Rundeisen f fest und drückt zwei- bis dreimal durch sein Körpergewicht den Blasebalg a zusammen. Dieser presst durch das Rohr g Luft in das Luftrohr i, und in diesem gleitet nun die Patrone fort, bis sie nach etwa 15 Sekunden in den Auffangkasten h der Station x hineinfliegt. x hat nämlich inzwischen den Schlauch c ebenfalls an dem Haken d aufgehängt, das untere Ende aus dem Luftrohr herausgenommen und den Deckel des Auffangkastens h, welcher sich dem geöffneten Ende des Luftrohrs gegenüber befindet, zugeklappt. Ist die Patrone angekommen, so setzt die Empfangsstation x den Schlauch wieder in das Luftrohr und sagt nach y: »Patrone hier!« Beide Stationen hängen jede ihren Schlauch mit der eingesteckten Pfeife an der Gabel d wieder auf und lassen das untere Ende lose im Luftrohr stecken.

Der Auffangkasten h (Abb. 5 u. 6), 33 cm lang und 10 cm weit, ist an der dem Luftrohr zugekehrten Schmalseite offen und enthält im Inneren 4 Brettchen, welche, in Gelenken sich drehend, durch Stahlfedern gegen einander gepresst werden. Die ankommende Patrone fliegt gegen das Lederpolster m und wird am Wiederherausfallen durch die zusammenschlagenden Brettchen gehindert, welche Sie beim Hineinfliegen auseinander geschoben hatte.

Auffangkasten, PatroneAbb. 5 – 7: Auffangkasten h, Obere Ansicht und Querschnitt; Patrone.

Die Patrone (Abb. 7) besteht aus einer Messingröhre von 105 mm Länge und 30 mm innerem Durchmesser mit 1 mm starker Wandung. Vorn ist sie mit einem Stoßkopf von Holz, am hinteren Ende mit einem abnehmbaren, becherförmig gestalteten Lederverschluss versehen. In das Messingrohr wird lose zusammengerollt die zu übermittelnde Depesche hineingelegt. Die Patronen werden in einem offenen Kasten l (Abb. 1) über dem Rundeisen f aufbewahrt.

Der obere Deckel des Blasebalgs wird durch ein über eine Rolle laufendes Gewicht k nach oben gezogen, so dass sich der Blasebalg nach jedem Herunterdrücken von selbst wieder mit Luft füllt.

Im vierjährigen Betrieb ist ein Versagen dieser Vorrichtung nicht vorgekommen; nur die Blasebälge haben mehrfach Ausbesserungen am Lederzeug erfordert, besonders an der Stelle, an welcher der obere Deckel sich dreht. Im Winter bildet sich bei Witterungswechsel öfters im Luftrohr ein feuchter Niederschlag, welcher die Bewegung der Patronen verzögert; es werden alsdann zwei Schwammpatronen durchgetrieben, welche ebenso geformt sind wie die gewöhnlichen Patronen, an dem unteren Lederbecher aber einen von Schwamm hergestellten Teller haben, der das Rohr ganz ausfällt. Durch 2 – 3maliges Hin- und Hertreiben zweier solcher Schwammpatronen wird das Rohr für einen Tag vollkommen trocken ausgewischt.

Die Gesamtanlage ist von der Firma Töpfer u. Schädel in Berlin nach den Angaben des Telegrafeninspektors Zwez hergestellt und hat mit allem Zubehör 1300 Mark gekostet.

Eine gleiche Einrichtung ist in neuerer Zeit zwischen dem Stationsbüro des Stettiner Bahnhofes in Berlin und der Kommandobude am Ende der Personenhalle desselben Bahnhofes hergestellt worden.

– J. –

• Auf epilog.de am 16. Dezember 2021 veröffentlicht