VerkehrFernmeldewesen

Die Transradio-Betriebszentrale in Berlin

Von Hans Dominik

Die Gartenlaube • 1922

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

Wenn man den gewaltigen Fortschritt ganz begreifen will, der in der kürzlich erfolgten Eröffnung der Transradio-Betriebszentralen zu Berlin und New York seinen letzten Ausdruck findet, so muss man sich vor allen Dingen den Begriff des Duplex-Verkehrs klar machen. Empfangsstation Alt-GeltowAbb. 1. Blick in das Innere der Empfangsstation Alt-Geltow. Rahmenantennen nebst den dazugehörigen Verstärkerapparaten. Ein Duplex-Verkehr ist ein Verkehr, bei welchem beide Stellen gleichzeitig sprechen und hören. In diesem Sinne ist also eine gewöhnliche Unterhaltung zwischen zwei Leuten kein Duplex-Verkehr, denn wenn beide gleichzeitig sprechen, wird sofort jener schöne Zustand erzeugt, bei dem keiner sein eigenes Wort versteht. Auch der gewöhnliche Telefon-Verkehr darf nicht als Duplex-Verkehr geführt werden, denn sobald beide Teilnehmer gleichzeitig in ihre Apparate sprechen, gibt es einen unangenehmen Tonsalat, und die Verständigung ist unmöglich.

Im Gegensatz dazu haben wir in der drahtlosen Telegrafie seit einigen Jahren einen vollkommenen Duplex-Verkehr. Die 24 Stunden des Tages hindurch senden die Stationen Nauen und Eilvese ununterbrochen nach Amerika und ebenso die amerikanischen Stationen Anna­polis, Marion und Rocky Point nach Deutschland. Diese Stationen zusammen geben gegenwärtig rund eine halbe Million Worte in jedem Monat d. h. etwa 17 000 an jedem Tage oder alle fünf Sekunden ein Wort. Weiter haben wir in Deutschland die Empfangsstation Alt-Geltow bei Potsdam und in Amerika die entsprechende Station bei River Head. Diese Empfangsstationen sind nicht mit den früher allein bekannten offenen Antennen oder Luftleitern ausgerüstet, sondern besitzen geschlossene Luftleiter, die sogenannten Rahmenantennen. Aber einen viereckigen Holzrahmen von mehreren Metern Seitenkante ist in zahlreichen Windungen ein isolierter Draht gewickelt, dessen beiden Enden zu der Empfangsapparatur führen. Die Rahmenantenne besitzt nun die ausgesprochenen Eigenschaften einer gerichteten Antenne. So können die Antennenrahmen in Alt-Geltow (s. Abb. 1) mit Leichtigkeit so gedreht werden, dass sie die unendlich schwache Schwingungsenergie, die von Anna­polis, Marion usw. her dort noch durch die Luft flattert, gut aufnehmen, dagegen von der viele tausendmal stärkeren Energie, die von dem nur 30 km entfernten Nauen hierher strählt, nicht erregt werden. Nur durch diese Eigentümlichkeit der Rahmenantenne wird der Duplex-Verkehr überhaupt möglich. Unterstützt wird er durch die Wahl verschiedener Wellenlängen und die sorgfältige Abstimmung der Stationen. Nauen und Anna­polis eben mit verschiedenen Wellenlängen, und in der Empfangsstation von Alt-Geltow ist die Aufnahmeantenne für Anna­polis genau auf die Wellenlänge von Anna­polis abgestimmt, in River Head die Aufnahmeantenne für Nauen genau auf die Nauener Wellenlänge.

Vielfach-FunkenverkehrAbb. 2. Vielfach-Funkenverkehr das Haupttelegrafenamtes zu Berlin.

Die Station in Anna­polis strahlt eine Sendeenergie von 150 kW aus. Aber diese Energie breitet sich nach allen Richtungen im Raum aus und erfährt dabei eine der Ausbreitung entsprechende Schwächung. Die Rahmenantenne in Alt-Geltow umschließt nur eine Fläche von 4 × 4 m gleich 16 m², und in ihr fangen sich nur Bruchteile vom Milliardstel eines Watt. Diese Energiemenge ist unvorstellbar gering und würde niemals wahrgenommen werden können, da selbst das empfindlichste Telefon ein millionstel Watt gebraucht, um hörbare Töne zu erzeugen. Doch nun besitzen wir in den Elektronenröhren die Mittel um diese ankommende so unendlich schwache Energie zu ver­neunzig­milli­arden­fachen.

Stanzer-RaumAbb. 3. Stanzer-Raum im Berliner Haupttelegrafenamt.

In dem Empfangsschuppen von Alt-Geltow (Abb. 1) steht eine ganze Reihe solcher Rahmenantennen für mehrere amerikanische und einige europäische Stationen. Neben jeder Antenne steht in diesem Raum ein großer, mit Blech beschlagener Schrank, der die gesamten Verstärkungsanordnungen mit allen zugehörigen Batterien, Schwingungskreisen, Röhrenkaskaden usw. enthält. In den Schrank hinein führen die beiden Enden des Antennendrahtes und leiten die genannte lächerlich geringe Energiemenge zu den Apparaten. Aus dem Schrank heraus führen zwei Drähte, die nun die Depesche in so kräftigem, im Rhythmus der Morsezeichen pulsierendem Gleichstrom enthalten, dass man sie nicht nur in einem gewöhnlichen Telefon abhören kann, sondern dass auch der gebräuchliche Morsefarbschreiber sie zuverlässig zu Papier bringt.

Nun war bis vor wenigen Wochen der Betrieb so organisiert, dass diese Farbschreiber ebenfalls in Alt-Geltow standen. Wollte man ein Telegramm nach Amerika aufgeben, so lieferte man es mit der Bemerkung ›via trans­radio‹ auf einem Telegrafenamt ab. Von dort wurde es nach dem Haupttelegrafenamt in Berlin telegrafiert und von dort weiter nach Nauen. Amerikasaal im HaupttelegrafenamtAbb. 4. Amerikasaal im Haupttelegrafenamt zu Berlin. Hier wurde es an einer besonderen Schreibmaschine abgeschrieben, die es dabei in Form eines perforierten Papierstreifens lieferte. Dieser Streifen wurde in den Maschinensender gesteckt, und je nachdem seine Perforierungen und massiven Stellen im Sender Kontakt machten oder unterbrachen, tanzte die große Sendetaste der Station und gab die Zeichen über den Atlantik. In River Head wurden sie aufgefangen, aufgeschrieben und über das New Yorker Haupttelegrafenamt bis zu der dem Empfänger nächstgelegenen Tele­grafen­anstalt telegrafiert. Von dort wurde das Telegramm in der üblichen Weise ausgetragen. Der Amerikaner gab seine Antwort in gleicher Weise. Am Draht gelangte sie bis Anna­polis, flog von dort bis Alt-Geltow und gelangte von da am Draht bis zum Telegrafenamt beim Wohnsitz des Empfängers. Diese Art des Betriebes arbeitete doch bereits so gut, dass Berliner Firmen von New York her die Antworten oft schon anderthalb Stunden nach der Aufgabe ihrer eigenen Anfrage in Händen hatten. Nun aber ist die neue, noch bessere Organisation in Funktion getreten, deren Schema in Abb. 2 gegeben ist.

Die Sendetaste von Nauen wird nicht mehr durch einen in Nauen stehenden Maschinensender betätigt. Dieser Sender steht jetzt im Amerikasaal des Hauptpostamts in der Oranienburger Straße zu Berlin (Abb. 4). Aber auch der Morsefarbschreiber in Alt-Geltow hat sein Quartier gewechselt. Er steht in demselben Saal an demselben Tisch, dem Sender gegenüber. Hat jetzt jemand eine Depesche aufgegeben, so kommt sie am Draht zunächst in die Oranienburger Straße und wird dort in den Amerikasaal gegeben. Zuerst empfängt sie der sogenannte Stanzer (Abb. 3), der sie auf der bereits erwähnten Schreibmaschine umschreibt. Der entstehende Papierstreifen wandert zu dem Sendebeamten und wird von diesem in den vor ihm stehenden Maschinensender gesteckt. Und nun rumpelt in dem 40 km entfernten Nauen die große Sendetaste genau im Rhythmus der Perforationen los und gibt die Depesche in den Raum. MaschinensaalAbb. 5. Der Maschinensaal der Großstation Nauen. Die Apparate in River Head nehmen sie ohne Menschenhilfe auf und schicken sie am Draht nach der Betriebszentrale in der Broad Street in New York, wo sich ebenfalls ein Empfangsbeamter und ein Sendebeamter, kurzweg Empfänger und Sender genannt, an einem Tisch vor ihren Apparaten gegenübersitzen. Die Einrichtungen in den beiden Zentralen in Berlin und New York sind vollkommen gleichartig.

In dieser Art ist jetzt der ganze drahtlose Verkehr für Deutschland in der Oranienburger Straße in der Weise konzentriert, wie Abb. 2 es erkennen lässt. Von dort aus werden die verschiedenen Tasten der deutschen Großstationen in Nauen, Eilvese und Königs Wusterhausen gesteuert, und dorthin laufen die Drähte von den beiden Empfangsstationen Alt-Geltow und Zehlendorf. Schon heute wird mit dieser Organisation der dritte Teil des ganzen Amerikaverkehrs erledigt, werden im Amerika- und Europaverkehr monatlich etwa 2 000 000 Worte gewechselt. Aber unaufhaltsam schreitet die Entwicklung weiter, und nach der Vollendung des großen Ausbaues von Nauen wird die gute Hälfte des gesamten transatlantischen Verkehrs nicht mehr durch Kabel, sondern ›via transradio‹ gehen.

Entnommen aus dem Buch:
Der Ingenieur Hans Dominik (1872 – 1945) ist vor allem durch seine technisch-utopischen Romane bekanntgeworden. Dominik war aber in erster Linie Wissenschaftsjournalist und verfasste zahlreiche populärwissenschaftliche Beiträge für verschiedene Zeitschriften und Tageszeitungen. Dabei brachte er im lockeren Plauderton dem interessierten Laien wissenschaftliche Grundlagen und neue technische Errungenschaften näher. Dieses Buch versammelt eine repräsentative Auswahl seiner wissenschaftlichen und technischen Plaudereien.
  PDF-Leseprobe € 16,90 | 154 Seiten | ISBN: 978-3-695-11029-2

• Auf epilog.de am 2. März 2026 veröffentlicht

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