VerkehrFernmeldewesen

Die erste telegrafische Zeitungsdepesche

Die Abendschule • 26.7.1888

Im Anfang des Jahres 1844 glaubte so ziemlich noch niemand, dass der elektrische Telegraf etwas mehr sei als eine bloße Spielerei. Aber der Erfinder, Professor Morse, blieb zuversichtlich bei seiner Meinung, dass er eine wertvolle, ja unbezahlbare Entdeckung gemacht habe. Er ließ von Washington zweiundzwanzig Meilen weit nach Annapolis Junction Drähte ziehen, und wollte nun den Beweis liefern, dass er mit seinem klappernden Instrument auf große Entfernung hin sich mit jemand unterhalten könne. Ende April stand alles in Bereitschaft; am 1. Mai sollte das Telegrafieren im Ernst losgehen.

Jenes Jahr 1844 war ein Schaltjahr und deshalb, wie jeder Amerikaner weiß, ein Jahr der Präsidentenwahl. Damals hielt man noch keine Konventionen im Westen; die Abgeordneten der Whig-Partei wenigstens versammelten sich in Baltimore. Zufällig kamen sie am 1. Mai mit ihren Beratungen zum Abschluss und stellten ihre Kandidaten auf. Alle brannten vor Begierde, die Neuigkeit in Washington zu verbreiten; darum fehlte es dem Eisenbahnzug, welcher von Baltimore über Annapolis Junction nach der Hauptstadt fuhr, nicht an Passagieren.

Als der Zug bei der Junction ankam, bemerkten einige der Delegaten, von welchen manche noch leben, eine Hütte neben dem Gleis. Dort saß ein Mann und tickte eifrig an einem Telegrafen­instrument. Als man ihn fragte, was er mache, entgegnete er, er telegrafiere eben die Neuigkeit der Nomination nach Washington und wies dabei auf die Drähte, welche dem Geleise entlang hinliefen. Über diese Auskunft lachten die Delegaten unmäßig; sie hielten die Sache für einen riesenhaften Humbug.

Unterdessen saß Professor Morse in seinem Zimmer zu Washington und wartete. Auf einmal fing sein Instrument an zu ticken. Ungeduldig beugte er sich über den Papierstreifen, auf welchem sich die Zeichen des telegrafischen Alphabetes bildeten. Entzückt sah er, wie sich Wort an Wort reihte; bald stand die Meldung von dem Resultat der Verhandlungen vor seinen Augen. Er ging damit hinaus auf die Straße und sagte seinen Bekannten: »Eben habe ich durch meinen Telegrafen gehört, dass Clay und Freling­huysen nominiert sind!« Alles lachte; man meinte, er wolle einen Spaß machen. »Sie konnten leicht raten«, hieß es, »dass Clay nominiert würde; aber Freling­huysen – wer hat jemals etwas von Freling­huysen gehört? Wie könnte man auch zweiundzwanzig Meilen weit telegrafieren!«

Aber die Zeitungen fingen die Neuigkeit auf. Alle Pressen setzten sich in Bewegung, und ehe eine Stunde vergangen war, schrien die Zeitungsjungen Extrablätter aus, welche in großer Schrift die geschehene Nomination anzeigte; zugleich stand zum ersten Mal zu lesen, dass man dies durch den Telegrafen erfahren hatte.

Der Eisenbahnzug brauchte damals noch anderthalb Stunden, um den Weg zwischen Annapolis Junction und Washington zurückzulegen. Ungeduldig saßen die Delegaten auf ihren Plätzen; sie konnten die Zeit kaum abwarten, bis sie den Leuten daheim in der Hauptstadt die Neuigkeit brühwarm überbringen konnten. Als die Lokomotive endlich pfauchend und pustend stillstand, sprangen sie im Eifer Hals über Kopf aus den Waggons. Da kamen ihnen die Zeitungsjungen entgegen, und boten ihnen die Extrablätter an! Sie konnten nun nichts weiter tun, als die Richtigkeit der telegrafischen Nachricht bestätigen und den Erfolg des Professors recht bekanntmachen.

Das Instrument, welches der Telegrafist bei Annapolis Junction hand­habte, ist jetzt noch im Nationalmuseum in Washington zu sehen; dabei liegt ein Schreiben von Professor Morse, in welchem er bezeugt, dass das Schaustück echt ist.

• Auf epilog.de am 12. Januar 2026 veröffentlicht

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