Verkehr – Fernmeldewesen
Alles drahtlos
Von Hans Dominik
Die Woche • 27.5.1922
Einrichtung für drahtlose Telefonie im Automobil.
Der praktische Engländer fragt bei einer neuen Erfindung gern: »what is it good for«, zu was ist die Sache zu gebrauchen? Die Frage wurde auch gestellt, als die drahtlose Telegrafie aus dem Laboratorium in die Praxis trat. Man hatte ja die gute alte Drahttelegrafie, hatte die Kontinente durch Ozeankabel sicher verbunden. Die Antwort wurde sofort durch die Praxis gegeben. Die Drahttelegrafie war nur zur Verbindung fester Stationen zu benutzen. Schiffe, die den Hafen verließen, waren durch Wochen und Monate, solange eben die Reise dauerte, von der Welt abgeschnitten. Sie waren daher das gegebene Objekt für die junge neue Technik. Schiffsstationen bildeten die ersten Massenaufträge für die funkentelegrafischen Firmen und außerdem natürlich die für den Verkehr zwischen dem Land und den Schiffen erforderlichen Küstenstationen. Lange, bevor man etwa an einen zuverlässigen drahtlosen Verkehr über den Atlantik denken konnte, herrschte bereits ein lebhafter Nachrichtenaustausch von Schiff zu Schiff, der so von Etappe zu Etappe den Ozean überbrückte.
Flugzeug mit Einrichtung zum drahtlosen Telegrafieren. Der um die Verspannungsdrähte gewickelte Draht bildet während der Fahrt freischwebend die Antenne.
Das 20. Jahrhundert brachte uns die Flugtechnik. Luftschiffe und Flugzeuge durchfurchten das Äthermeer, und das Bedürfnis, auch mit ihnen während der Fahrten in Verkehr zu bleiben, wurde sehr bald dringend und führte zur Schaffung drahtloser Flugzeugstationen.
Nun muss man zwischen Senden und Empfangen unterscheiden. Zum Senden ist auch heute noch ein ziemlich umfangreiches Luftleitergebilde in Form der sogenannten offenen Antenne notwendig. Für den Empfang genügt dagegen eine kleine Antenne, die gewöhnlich in geschlossener Form als Rahmenantenne ausgeführt wird. Dank der inzwischen so hoch entwickelten Technik der Verstärkerröhren kann man heute die Nachrichten aus Amerika bei uns mit kleinen Rahmenantennen aufnehmen, die in jedem Zimmer bequem unterzubringen sind. Für das Flugzeug machte die Beschaffung einer genügend langen, auch für das Senden ausreichenden Antenne keine Schwierigkeiten. Der Flieger ließ von einer isolierten Winde, sobald er sich in der Luft und in genügender Höhe befand, einfach einen etwa 200 m langen Antennendraht abrollen, der an seinem freien Ende eine ordentliche Bleikugel trug. Der Draht hing dann wie ein Drachenschwanz nach unten und konnte in gleicher Weise zum Empfangen und Geben benutzt werden.
Kabine eines Polizeiflugzeugs mit drahtlosem Telefon.
Zurzeit verwendet man diese Art der Stationen auch für Polizeiflugzeuge, die während ihres Fluges einerseits ständig von der Polizeizentrale die Weisungen empfangen, anderenteils über wesentliche Vorkommnisse Bericht erstatten sollen. Es ist klar, dass ein in etwa 500 m Höhe über der Stadt kreisendes Flugzeug den Sicherheitsdienst viel wirksamer versehen kann als eine einfache Patrouille zu Fuß oder zu Pferde, die nur einen Straßenzug zu überblicken vermag. Diese Wirksamkeit wird noch erhöht, wenn das Flugzeug mit kräftigen, vom Beobachtersitz aus nach allen Richtungen drehbaren Scheinwerfern ausgerüstet ist, die ein genaues Ableuchten dunkler Plätze und Winkel gestatten.
Die drahtlose Telegrafie setzt aber wie jede Telegrafie die Kenntnis der Morsezeichen voraus. Während jedes Kind telefonieren kann, verlangt der Telegrafenapparat einen gelernten Telegrafisten. Eine allgemeine Einführung des drahtlosen Verkehrs wurde daher erst möglich, als die Technik der drahtlosen Telefonie zur Vollendung gelangte.
Drahtrahmen auf einem Automobil, der als Antenne zum Empfangen und Geben der Gespräche dient. Jetzt konnte man einen Schritt weitergehen und auch an die drahtlose Verbindung mit Kraftwagen aller Art denken. Für große Firmen beispielsweise, die Hunderte von Geschäftswagen täglich unterwegs haben, muss es sehr wichtig sein, den einzelnen Kutscher jederzeit anrufen und ihm neue Weisungen geben zu können. Die Mittel dazu sind bei dem gegenwärtigen Stand der Technik recht einfach. Eine Antenne in Form einiger flachgespannter Drähte auf dem Wagendach. Die ganze Apparatur in einem kleinen Holzkasten unter dem Kutscherbock. Neben dem Kutscher ein lautsprechendes Telefon, in Rücksicht auf den Lärm der Großstadtstraßen noch mit einem Grammophontrichter ausgestattet, der dem Kutscher jeden Befehl der Firma in das Ohr schreit. Diese durch die unten stehende veranschaulichte Einrichtung ist bereits bei vielen amerikanischen Firmen eingeführt. Aber auch die Patrouillenwagen der Polizei sind mit ganz ähnlichen Einrichtungen versehen. Während der Fahrt ist der Polizeiwagen jederzeit empfangsbereit. Jeder Befehl der Zentrale erreicht ihn sicher. Aber der Wagen kann auch selber senden. Zu dem Zweck muss er freilich halten und einen etwa 20 m hohen Antennenmast auskurbeln. Dann aber ist ein telefonisch Sprechen und Gegensprechen zwischen Wagen und Zentrale sofort möglich.
Mit Radiophon ausgestattetes Transportauto einer amerikanischen Brotfabrik, die ihrem Chauffeur während der Fahrt Anweisungen gibt.
Selbstverständlich haben auch Flugzeuge und Luftschiffe die bequeme Erfindung der drahtlosen Telefonie bereits seit geraumer Zeit in ihren Dienst gestellt. Die Insassen eines neuzeitlichen Verkehrsflugzeugs sind jederzeit in der Lage, während des Fluges aus ihrer luftigen Höhe mit jedem beliebigen Telefonteilnehmer der nächsten Städte, Ortschaften oder Bahnstationen unter Benutzung der Vermittlungsämter zu sprechen. Der Reisende, der etwa im Flugzeug von Berlin nach München oder von Hamburg nach Breslau saust, kann beispielsweise während des Fluges seiner Sekretärin im Büro in aller Gemütsruhe seine Post diktieren. Von welchem Nutzen diese Erfindung namentlich für Handel und Industrie, für den und Geschäftsinhaber ist, liegt ohne weiteres auf der Hand.
Die Frage, wozu die drahtlose Nachrichtenübermittlung gut war, findet jedenfalls durch die hier gegebenen Beispiele, die sich beliebig vermehren ließen, eine befriedigende Antwort. Durch den drahtlosen Verkehr werden alle bewegten Verkehrsmittel, wie Schiffe, Wagen und Flugzeuge, in sicherer Verbindung mit den festen Stationen gehalten, der Betrieb dieser Verkehrsmittel wird dadurch gesichert und besser ausgenutzt, und die erzwungene Muße, die sonst mit jeder Reise verbunden war, kann durch eine nützliche Tätigkeit ersetzt werden. Der Reisende ist nicht völlig abgeschnitten von jeder Verbindung, sondern kann auch unterwegs die nötige Verständigung erzielen und seine Anweisungen erteilen.