Verkehr – Luftfahrt
Siegfried Hartmann
Die Flugmaschine
Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908
Auf zwei Wegen sucht man gegenwärtig das Luftmeer zu erobern: mit Hilfe lenkbar gemachter Gasballons und mit Hilfe von Flugmaschinen. Der letztere Weg ist der ältere und der näherliegende. Schon im grauen Altertum sind Versuche nachweisbar, die an den Vögeln beobachtete Kunst des Fliegens auch den Menschen zu eigen werden zu lassen, und zwar ursprünglich in der einfachen Form, dass man aus leichten Stoffen den Vögeln ähnliche Schwingen anfertigte und sich diese umband. Wie der Mensch im Wasser, weil er schwerer ist als dieses, untersinkt, aber durch rhythmische Bewegung und unter Aufwendung mechanischer Kraft sich an der Oberfläche zu halten und fortzubewegen vermag, so glaubte man auch in die Luft sich erheben und fliegen zu können, wenn es nur gelang, das Geheimnis der rhythmischen Bewegung und die geeignetste Form der Flügel zu ergründen.
Dass bei diesen Versuchen irgendjemand in historischer Zeit zu einem Erfolg gelangt ist, ist nicht erwiesen, aber deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass von einzelnen genialen Köpfen trotzdem kurze glückliche Flugversuche auch schon vor vielen Hunderten von Jahren hie und da ausgeführt worden sind; viele sagenhafte Erzählungen würden dadurch jedenfalls ihre Erklärung finden, mancher Hexenprozess in das richtige Licht gerückt werden. Die geschichtlich beglaubigte Überlieferung weiß allerdings nichts Derartiges zu berichten.
Erst ganz langsam kamen die mit dem Problem sich beschäftigenden Geister zu der Erkenntnis, dass der einzelne Mensch, mit einem Paar richtig gestalteter Flügel bewaffnet, unter besonders günstigen Verhältnissen, vor allem unter der Voraussetzung eines hochgelegenen Abflugortes, einige Hundert Meter weit schweben kann, dass aber bei den Menschen die Muskelkraft zum Körpergewicht nicht in demselben günstigen Verhältnis steht, wie bei den Vögeln, und dass es nach alledem ausgeschlossen erscheint, dass der einzelne Mensch mit Hilfe einfacher mechanischer Apparate aus eigener Kraft sich in die Luft erheben und in gewollter Richtung längere Flüge unternehmen könnte. Das Hindernis bildet also das Gewicht des Menschen, und wie es auf den ersten Blick schien, das einzige Hindernis.
Was Wunder, dass nach der Entdeckung Montgolfiers, dass warme Luft, und nach der Entdeckung Charles, dass Wasserstoffgas, in Hüllen gefüllt, die Schwere aufzuheben vermag, dass man mit Hilfe mit warmer Luft oder mit Wasserstoffgas gefüllter Ballons sich in das Luftmeer zu erheben vermag, was Wunder, dass nach diesen Entdeckungen der Glaube sich verbreitete, das Fliegen sei erfunden! Wie weit man noch davon ab war, das ahnte man zuerst gar nicht. Erst nach und nach dämmerte die Erkenntnis, dass des Menschen Ehrgeiz nicht dadurch gestillt ist, dass er im Luftmeer schweben kann, nein, das Fahrzeug, das er gebaut hat, soll seinem Willen untertan sein und ihn dorthin führen, wo er will, aber nicht wohin der Zufall der Winde es treibt.
Es ist ganz erklärlich, dass von nun an das Streben danach ging, die Montgolfieren und Charlieren lenkbar zu machen. Man dachte zunächst nicht mehr an die Fortsetzung der früheren Vogelflugnachahmungen, die Flugmaschine war vergessen, dem lenkbaren Ballon galt die Arbeit. Erst nach etwa 100 Jahren, in den 1880er Jahren, gelangen die ersten Versuche, wurde die Lenkbarkeit des Luftballons im Prinzip gelöst. Die lange spitze, zigarrenartige Form war als die geeignetste gefunden, die Brauchbarkeit der Schraube zur Fortbewegung und die Brauchbarkeit großer, vertikaler und horizontaler Flächen zu Steuerzwecken war bewiesen. Von dem Zeitpunkt ab wurde der lenkbare Ballon im Wesentlichen ein maschinentechnisches Problem, das er heute noch ist. Wer die leistungsfähigste und leichteste Kraftmaschine baut, hat den Vorrang, und wer sie am sparsamsten und dauerhaftesten baut, kann die größten Fahrten unternehmen.
Während der letzten Zeit kam man jedoch auch wieder auf den alten Gedanken der Flugmaschine zurück. Hatte man im ersten Moment im Ballon den Helfer aus der Not gesehen, so sah man jetzt in ihm vielfach den größten Hemmschuh für die Flugtechnik. Es bedurfte keiner besonderen physikalischen Vorbildung, um einzusehen, dass ein so großer Körper, wie ihn ein Luftballon darstellt, ungewöhnliche Kraft zur Bewegung gegen den Wind erfordern würde. Daher mehrten sich, als der Bau kleiner Kraftmaschinen Fortschritte machte, die Versuche, ohne Ballon, lediglich mit Hilfe von Maschinenkraft, das Flugproblem zu lösen. Aber auch da kam man nicht recht vorwärts. Die Kraftmaschine selbst repräsentierte ein zusätzliches Gewicht, sie musste auch mit gehoben werden, und das Verhältnis ihres Gewichtes zu ihrer Leistungsfähigkeit war anfänglich ebenso ungünstig wie beim Menschen. Also auch hier wurde das Flugproblem zur Maschinenfrage, genau wie beim Lenkballon.
Während man es nun den Motorbauern überließ, leichtere, leistungsfähigere Maschinen zu erfinden, entspann sich im eigenen Lager der Flugtechniker ein Streit, der heute noch durchaus nicht entschieden ist. Man kann in der Hauptsache drei Lager unterscheiden: die Anhänger der Vogelflieger, der Drachenflieger und der Schraubenflieger. Die erste Gruppe will ganz mechanisch den Vogelflug nachahmen: Schwingen mit Klappen oder Federn besetzt, die beim Anheben die Luft möglichst ungehindert durchlassen und beim Niederdrücken ihr Gefüge schließen und auf die Luft drücken, das ist das Kennzeichen. Ähnlich wie der Mensch im Wasser durch rudernde Bewegungen schwimmt, so soll er in der Luft fliegen. Ein sehr interessantes und instruktives Modell für eine derartige Flugmaschine war in der Ausstellung München 1908 ausgestellt gewesen. Der Grundgedanke ist sehr einfach, die Ausführung erscheint leicht möglich, Frage bleibt nur: Wie wird das Gleichgewicht beim Fliegen hergestellt und dauernd aufrechterhalten? Die zweite Gruppe: Die Anhänger des Drachenfluges sind gegenwärtig in der Mehrzahl, auf ihrer Seite sind auch die schönsten und sichtbarsten Erfolge zu verzeichnen, was jedoch keineswegs sagt, dass nun deshalb der Drachenflieger die Flugmaschine der Zukunft sei. Das Prinzip selbst ist ja aus Abbildungen klar. Eine Maschine mit großen festen, schräg gestellten Flächen wird dadurch in der Luft gehalten, dass mit Hilfe von Maschinenkraft ein Antrieb gegen den Wind erfolgt. Ähnlich wie der Junge auf der Wiese den Drachen dadurch zum Steigen bringt, dass er ihn an einem Faden festhält, und gegen den Wind läuft, so der Mensch die Maschine, nur dass die haltende Kraft des Fadens durch die treibende Kraft der von einem Motor gedrehten Schraube ersetzt wird.
Die dritte Gruppe: Die Anhänger des Schraubenfluges stehen augenblicklich am weitesten im Hintergrund. Der Berliner Ganswindt hat Versuche in dieser Richtung gemacht, aber offenbar aus Mangel an Mitteln ohne nennenswerte Resultate. Auch sonst hat der eine oder andere ähnliches versucht, aber noch kein Schraubenflieger hat die Welt durch einen längeren Flug überrascht. Trotzdem bin ich persönlich der Ansicht, dass ihm große Bedeutung für die Flugtechnik zukommt. Dass Schrauben imstande sind, namhafte Gewichte zu heben, das dürfte wohl keinen Zweifel unterliegen. Wenn man mit Luftschrauben Ballons von der Größe eines Zeppelins gegen einen 14 m/sek. Wind vorwärtstreibt, dann ist kein Grund vorhanden, an der Brauchbarkeit desselben Mechanismus zum Heben zu zweifeln. Einen Vorteil würden die Schraubenflieger haben: Sie könnten sich von der Stelle aus ohne Anlaufvorrichtungen irgendwelcher Art direkt senkrecht in die Luft erheben.
Vielleicht auch, dass einer Verbindung der verschiedenen Ideen die Zukunft gehört. Wer möchte das heute entscheiden! Nur so viel sehen wir, dass mit Hilfe der modernen leichten Benzinmotoren die Flugtechnik mit Riesenschritten vorwärtsschreitet. Allerdings ist sie von dem Lenkballon immer noch sehr weit entfernt, nicht hinsichtlich der Geschwindigkeit der Vorwärtsbewegung, nicht hinsichtlich der Lenkbarkeit, beides mag dem Flugapparat in höherem Grade eigen sein, aber hinsichtlich der Betriebssicherheit. Alle Flugmaschinen samt und sonders müssen das schwierige Problem des Gleichgewichthaltens lösen, beim Ballon besorgt das die Tieflage der Gondel im Verhältnis zum tragenden Körper, bei der Flugmaschine kann lediglich durch vorzügliches Ausbalancieren die Stabilität erreicht werden. Das Tanzen auf hochgespanntem Drahtseil ist jedenfalls viel leichter als das Fliegen mit einem Wrightschen Drachenflieger. Und während im Ballon der Mitfahrende gemütlich hin und her gehen kann, muss er in der Flugmaschine sich ganz still verhalten; diese Gleichgewichtsfrage ist mit die schwierigste der ganzen Flugtechnik, und ehe sie nicht befriedigender wie heute gelöst ist, werden die Flugmaschinen als Beförderungsmittel in praktischer Brauchbarkeit mit dem Lenkballon nicht wetteifern können.
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.