VerkehrLuftfahrt

Fliegesport und Fliegepraxis

Von Otto Lilienthal

Prometheus • 4.12.1895

Voraussichtliche Lesezeit rund 27 Minuten.

Wer die flugtechnischen Arbeiten der letzten Jahre mit Aufmerksamkeit verfolgte, wird die Überzeugung gewonnen haben, dass das freie Fliegen des Menschen sich nicht durch eine einzige technische Großtat erfinden lässt, sondern in allmählicher Entwickelung seiner Vollendung entgegen geht; denn nur diejenigen flugtechnischen Bestrebungen waren von Erfolg begleitet, welche einem solchen Entwicklungsgang entsprachen.

Otto Lilienthal

Während man früher mehr darauf ausging, fertige Flugmaschinen zu konstruieren, welche das Problem mit einem Schlag lösen sollten, gewann man schließlich die Überzeugung, dass unsere physikalischen und technischen Kenntnisse sowie unsere praktischen Erfahrungen auf dem Gebiet des freien Fluges lange nicht ausreichten, um eine so große und schwierige mechanische Aufgabe ohne weiteres zu bewältigen.

Die Einsichtigeren bemühten sich deshalb weniger, das Flugproblem als Ganzes zu bearbeiten, sondern zergliederten dasselbe in seine einzelnen Teile und suchten zunächst über die Elemente der Flugtechnik, auf denen eine erfolgreiche Bearbeitung sich aufzubauen hat, Klarheit zu verbreiten.

Diesem Bestreben haben wir es zu danken, dass vor allen Dingen die Gesetze des Luftwiderstandes, auf denen doch alles aktive Fliegen beruht, über welche aber leider bis vor wenigen Jahren die größte Unklarheit herrschte, neuerdings so weit erforscht sind, dass eine rechnungsmäßige Behandlung der Fliege­vorgänge überhaupt möglich geworden ist. Außerdem sind die physikalischen Vorgänge des natürlichen Fluges der Tiere eingehender untersucht und meist in genügender Weise erklärt worden. Auch die Natur des Windes und den Einfluss desselben auf fliegende Körper hat man studiert und dadurch manche bisher unbegreiflichen Erscheinungen des Vogelfluges verstehen gelernt, so dass dieselben auch für den Flug des Menschen in Aussicht genommen werden können.

Das für die Flugtechnik erforderliche theoretische Rüstzeug hat durch alle diese Arbeiten in den letzten Jahren eine solche Bereicherung erfahren, dass wenigstens die Einzelteile oder gewissermaßen die Maschinenelemente von Fliege­vorrich­tungen mit ausreichender Genauigkeit berechnet und konstruiert werden können. Man ist mit Hilfe dieser theoretischen Kenntnisse sehr wohl im Stande, Flügel- und Trageflächen richtig zu formen und so anzuordnen, wie es die beabsichtigten Wirkungen nötig machen.

Damit sind wir aber noch lange nicht in die Lage gekommen, fertige Flugmaschinen, welche allen Anforderungen genügen, zu bauen und anzuwenden. Zwar hat man im Eifer, das Flugproblem schnell zu fördern, auch in letzter Zeit wiederholt Projekte gebracht, welche vollständige, dynamisch bewegte Luftschiffe darstellen; die Konstrukteure derselben sind sich aber kaum bewusst, welche Schwierigkeiten unser harren, sobald wir an die Verwirklichung derartiger umfassender Fliege­ideen herantreten.

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Leicht ist es wahrlich dem Menschen nicht gemacht, frei wie der Vogel das Luftreich zu durchmessen, aber die Sehnsucht danach ließ Otto Lilienthal keine Ruhe. Er war der festen Überzeugung, dass das freie Fliegen des Menschen sich nicht durch eine einzige technische Großtat erfinden lässt, sondern in allmählicher Entwickelung seiner Vollendung entgegen geht.
Lilienthal entwickelte die aerodynamische Formgebung von Tragflügeln in ausführlichen theoretischen Vorarbeiten und erprobte diese praktisch mit Hilfe seiner selbst konstruierten Gleitflugzeuge in über 2000 erfolgreichen Gleitflügen.
In der Zeitschrift ›Prometheus‹ berichtete Otto Lilienthal über die Fortschritte bei seinen Flug-Experimenten in regelmäßigen Aufsätzen, die in diesem Buch gesammelt vorliegen.
  PDF-Leseprobe € 12,90 | 90 Seiten | ISBN: 978-3-8192-5031-6

• Auf epilog.de am 16. Januar 2026 veröffentlicht

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