Verkehr – Schifffahrt
Fähre auf dem Sebou
Der Stein der Weisen • 1893
Der Sebou ist der größte Strom im nördlichen Marokko. L. Pietsch vergleicht ihn an der Stelle, wo er von der Reiselinie geschnitten wird, mit der Weser bei ihrem Austritt aus der Porta Westfalica, de Amicis mit dem Tiber in der römischen Campagna. Er kommt von den östlichen Gebirgen, von Tesa, herab, und hält im Großen die ostwestliche Richtung ein, obwohl er in seinem Unterlauf einen großen Bogen gegen Süden beschreibt und schließlich bei Mahdia in vollkommen flachem Gestadeland in den Atlantischen Ozean sich ergießt.
- R E K L A M E -
An seiner Mündung, wie alle Flüsse Marokkos, durch Sandmassen und Schwemmland verbarrikadiert, ist er für die Schifffahrt unbrauchbar und überdies zur Zeit der Hochwässer eine wahre Geißel für alles umliegende Land. Der Charakter der Sebou-Landschaft prägt sich in einer vollkommen glatten, unendlich ausgedehnten, meist sonnverbrannten Ebene aus, die fast gar keine Kulturen und nur vereinzelten, höchst unbedeutenden Anbau aufweist. An der Stelle, wo ihn die herkömmliche Reiseroute zwischen Tanger und Fez schneidet, strömt er zwischen hohen, mauerartigen lehmigen Ufern. Die Überfahrt vermitteln zwei oder drei urwüchsige Pontons, deren Lenker eine kleine Hütte am Südufer bewohnen, das einzige Anwesen im ganzen weiten Gesichtskreis. Passagiere, Kamele und Waren werden mittelst der Pontons befördert; die Pferde aber müssen den Strom, der ein trübes, schlammiges Wasser hat und ziemlich reißend ist, schwimmend zurücklegen, zu welchem Ende sie vorher entsattelt werden. Einige nackte Kerle werfen sich auf die sich sträubenden Tiere und ziehen sie nicht ohne Anstrengung in den Strom, den sie, sobald sie den Boden unter den Beinen schwinden fühlen, meist ruhig durchschwimmen.
Seit undenklichen Zeiten wird an dieser Stelle der Sebou von Reisenden, Karawanen, Würdenträgern, und Heeresabteilungen übersetzt, und dennoch ist es nie Jemandem eingefallen, an dieser viel frequentierten Stelle eine Brücke zu schlagen. Ja nicht einmal Landungsbrücken für die Pontons sind vorhanden, so dass man beim Verlassen dieser letzteren eine Strecke in knietiefem Kot oder suppigem Brei zurücklegen muss.
Die Gegend am Sebou ist alles eher, denn ein Paradies. Die sonnverbrannte, dürre Ebene beherbergt ein ganzes Heer von wahrhaft gigantischem Ungeziefer. Da gibt es drei Zoll lange, abscheuliche, fliegende Heuschrecken, von denen bei jedem Schritte ganze Wolken aufschwirren. Große Ameisen, deren Stich schmerzhaft genug ist, ziehen in unübersehbaren Massen, durch das Lager; des Reisenden, um eine Invasion zu inszenieren, gegen welche es keinen Kampf gibt.
