Verkehr – Nahverkehr
Entwurf für neue Triebwagen der
Wiener städtischen Straßenbahnen
Von Ingenieur Ludwig Spängler
Direktor der städtischen Straßenbahnen in Wien
Elektrische Kraftbetriebe und Bahnen • 4.8.1915
Die Wiener städtischen Straßenbahnen bauen seit vielen Jahren sowohl Triebwagen als auch Anhängewagen mit zwei Achsen ohne besonderes Untergestell bei verhältnismäßig großem Radstand, der bei den Triebwagen 3,6 m, bei den Anhängewagen aber 3,2 – 3,6 m beträgt. Die Anhängewagen erhalten dabei ausschließlich freie Lenkachsen, die Triebwagen größtenteils, obwohl sich dieser große Radstand auch bei festen Achsen bewährt hat. Die letztgebauten Triebwagen dieser Art haben eine Länge zwischen den Brustwänden von 9,75 m, so dass das Verhältnis von Radstand zu Wagenlänge rd. 1 : 2,71 beträgt. Die kleinsten durchlaufenen Bogen haben rd. 18 m Halbmesser. Diese großen Achsstände führen aber immerhin zu einer größeren Abnutzung der Radreifen und der Schienen in den Krümmungen; im allgemeinen erreichen die Radreifen (Festigkeit 70 – 80 kg/mm², Dehnung 12 – 10%, bei einer Schienenfestigkeit mit gleichen Gütezahlen) bei unseren Triebwagen eine Laufdauer von 100 000 – 120 000 km.
Die letzten zweiachsigen Anhängewagen mit freien Lenkachsen sind bei einer Wagenlänge von 9,1 m mit einem Radstand von 3,2 m (Verhältnis 1 : 2,84) gebaut worden bzw. bei 9,5 m Wagenlänge mit 3,4 m Radstand (1 : 2,8).
Alle diese zweiachsigen Wagen mit großem Radstand zeichnen sich durch einen sehr ruhigen Gang ohne jedes Schaukeln aus; der Wegfall eines besonderen Untergestelles ergibt eine außerordentlich bequeme Zugänglichkeit der ganzen mechanischen und elektrischen Einrichtung und ein geringes Gesamtgewicht, was insbesondere bei kleinen Haltestellenentfernungen und vielen Steigungen bezüglich des Stromverbrauches von günstigem Einfluss ist. Die Ausführung ohne Untergestell hat aber, insbesondere für die Triebwagen, den Nachteil, dass die Federung ziemlich hart ist; sie wird besser, wenn man recht lange Blattfedern anwendet und an den Aufhängepunkten der Federn noch besondere Spiralfedern hinzufügt; letzteres ist bei der jüngsten Wiener Ausführung von Triebwagen geschehen. Bei den leichteren Anhängewagen ist ein ausreichend weicher Gang auch durch Blattfedern allein erzielbar. Nachdem aber bei den Triebwagen ohne besonderes Untergestell der Schleifschuh der unterirdischen Stromzuführung, wie sie in Wien besteht, am Wagenkasten angehängt werden und daher dessen ganze Federung mitmachen muss, so darf das Federspiel nur sehr klein sein, damit der Schleifschuh in den beiden Endlagen nicht über die Stromschiene hinausreichen kann.
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• Neuerscheinung •
Dieses Buch versammelt die zwischen 1910 und 1915 in verschiedenen Zeitschriften erschienenen Texte von Ludwig Spängler, in denen er detailliert und mit vielen Abbildungen illustriert die Konstruktion der an die speziellen Wiener Verhältnisse angepassten Straßenbahnen und Autobusse beschreibt.