Handel & Industrie – Druck & Papier
Die Zeilengießmaschine und der Typograph
von Ludwig Loewe & Co.
Prometheus • 23.6.1897
Der Erfindung der Buchdruckerkunst liegt der nachträglich sehr trivial erscheinende, vor seiner Auffindung aber jedenfalls nur von einem bedeutenden Geist erfassbare Gedanke zu Grunde, eine Mehrzahl gleichartiger Texte nicht als einzelne Originale, sondern als Kopien eines einzigen Originals auf rein mechanischem Wege herzustellen. Die Ausführung dieses Gedankens führte naturgemäß zur Übertragung des damals bereits bekannten Bilderholzschnittes auf die Erzeugung von Buchstabendruckformen. Man stellte den zu vervielfältigenden Text als Holzplatte mit erhaben geschnittenen negativen Schriftzeichen her und kopierte dieselben mittelst Farbe und Druck. Schon die Erfinder der Buchdruckerkunst erkannten bald den diesem Verfahren anhaftenden Mangel, für jeden besonderen Text ein besonderes Original herstellen zu müssen, das nach dem Abdruck für andere Texte völlig unbrauchbar war und durch ein gänzlich neues ersetzt werden musste. Sie beseitigten diesen Mangel dadurch, dass sie die einer Druckseite entsprechende feste Holzplatte aufgaben und den einzelnen Buchstaben als Einheit des Satzes wählten.
Der Typograph
Nunmehr war es möglich, aus einem Vorrat einmal vorhandener Einzelbuchstaben jeden beliebigen Text zusammenzusetzen, nach stattgefundenem Abdruck den beweglichen Buchstabensatz wieder in seine Elemente zu zerlegen und diese von neuem zu einem beliebigen anderen Texte zusammenzufügen. Eine Bestätigung der Zweckmäßigkeit dieses Verfahrens müssen wir darin erblicken, dass es sich bis auf die Gegenwart in unveränderter Weise erhalten hat und erst in allerjüngster Zeit durch die Erfindung der Zeilengießmaschine teilweise verdrängt zu werden beginnt.
Die im Laufe der Zeit geschaffenen Vervollkommnungen auf dem Gebiet des Buchdrucks beziehen sich in erster Linie auf die Herstellung des Buchstabenmaterials und den eigentlichen Druck. Die Holzbuchstaben kleinerer Schriftgrade wurden bereits von den Erfindern der Buchdruckerkunst durch gegossene Buchstaben aus sogenanntem Schriftmetall (einer Bleilegierung) ersetzt; und auch noch bis auf den heutigen Tag hat sich neben der großen Menge ausschließlich gegossener Schriften für gewöhnliche Texte der Holzbuchstabe für sehr große Schriftgrade (Plakatschriften) erhalten.
Der Fortschritt auf dem Gebiet der allmählich zu einem selbstständigen Industriezweig erhobenen Schriftgießerei liegt in der Formvollendung und tadellosen Güte des Erzeugnisses und in der technischen Durchbildung der Gießmaschine, die gegenwärtig ohne jegliche Handarbeit mit hoher Leistung arbeitet und Buchstaben (Lettern oder Typen) von vollendeter Schönheit und mathematischer Akkuratesse liefert. Der ständige Fortschritt auf diesem Gebiet sowie auch auf dem des Drucks ist unverkennbar, wenn man die besten Druck-Erzeugnisse irgendeiner früheren Zeit mit heutigen Prachtwerken vergleicht. Um so auffälliger muss es erscheinen, dass die Herstellung des Satzes bis in die neueste Zeit ganz und gar auf dem Standpunkte der Zeit Gutenbergs, d. h. der reinen Handarbeit, verblieben ist, so dass ein Setzer aus jener Zeit sich in einem modernen Setzersaal vollkommen heimisch fühlen würde, sobald er sich nur von seinem Staunen über das vollendete Letternmaterial erholt hätte.
An Versuchen, die Handarbeit des Schriftsetzers durch Maschinenarbeit mittelst sogenannter Setzmaschinen zu ersetzen, hat es seit Anfang des Jahrhunderts zwar nicht gefehlt; und dennoch befinden wir uns erst jetzt im Beginn der Einführung dieser Maschinen in die Druckindustrie. Behufs näherer Orientierung über diesen Gegenstand sei der Leser auf den Aufsatz ›Setzmaschinen der Gegenwart‹ verwiesen. In der vorliegenden Arbeit soll an der Hand des in der Überschrift genannten Typograph von Ludwig Loewe & Co. lediglich die neueste Phase der technisch sehr schwierigen Lösung des Setzmaschinenproblems behandelt werden. Dazu bedarf es indessen eines kurzen Rückblicks auf die bisherige Entwickelung der Setzmaschine.
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