Berliner Stadt- und Ringbahn

Die erste Probefahrt auf der Berliner Stadtbahn

Zentralblatt der Bauverwaltung • 31.12.1881

Am 29.12.1881 fand im Beisein des Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten auf der Berliner Stadtbahn die erste Probefahrt statt, an der sich mehrere Mitglieder des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten, der Königl. Eisenbahn-Direktion in Berlin und der Stadtbahn-Direktion beteiligten. Der als Normalzug zusammengesetzte, aus Tenderlokomotive, 1 Wagen dritter, 1 Wagen zweiter und 1 Schlußwagen dritter Klasse bestehende Zug nahm seinen Ausgang vom Potsdamer Bahnhof, fuhr über Tempelhof zum Schlesischen Bahnhof, von da auf den Lokalgleisen der Berliner Stadtbahn bis zur Station Westend (bei Charlottenburg) und dann zurück bis zur Station Friedrichstraße. Durch zwei seitlich am Zug angebrachte Schilder war derselbe als ›Südringzug‹ für die Strecke ›Potsd. Bhf. – Schles. Bhf. – Westend‹ bezeichnet, außerdem trug die Lokomotive am Kopf über den Puffern diese letztere Bezeichnung nochmals in großer Schrift auf weißer Tafel.

Die Gleise der Stadtbahn, sowohl die Lokal- wie die Externgleise, sind gegenwärtig vollständig fertig gestreckt, und die zunächst zu benutzenden Gleise für den Lokalverkehr sind nur durch die Gerüste zur Aufstellung der beiden großen Bahnhofshallen an den Stationen Alexanderplatz und Friedrichstraße teilweise noch gesperrt. Die Fertigstellung beider Hallen wird indessen nur noch kurze Zeit in Anspruch nehmen, so dass die Eröffnung des Lokalverkehr in wenigen Wochen zu erwarten steht. Ein bestimmter Termin hierfür lässt sich augenblicklich zwar noch nicht angeben, weil der Fortgang der Arbeiten selbstredend in erster Linie von der Fortdauer einer günstigen Witterung abhängig ist. Man kann aber schon heute mit Bestimmtheit, übersehen, dass der für die Eröffnung in Aussicht genommene Zeitpunkt – Ende Januar oder Anfang Februar 1882 – wird innegehalten werden können. Nach dem gegenwärtigen Stand der Arbeiten würde sich nötigenfalls wohl noch ein früherer Termin erreichen lassen; im vorliegenden Falle ist es aber von besonderer Wichtigkeit, dass dem Bettungskörper der Bahn reichliche Zeit gelassen wird, um sich gehörig zu setzen und zu festigen, damit die Unterhaltungsarbeiten an den Gleisen in der ersten Zeit nach der Betriebseröffnung auf das geringste Maß beschränkt und allen Betriebsstörungen, die durch Reparaturen oder Stopfarbeiten entstehen könnten, vorgebeugt wird. Diese Konsolidierung der Oberbaubettung wird durch den um Mitte Januar beginnenden und bis zur Eröffnung fortzusetzenden Probebetrieb, bei welchem die Züge in der für den späteren Betrieb festgestellten Weise fahrplanmäßig und mit vollem Personal fahren, noch wesentlich gefördert, und den Zug- und Lokomotivbeamten wird hierbei gleichzeitig Gelegenheit gegeben, sich in die neuen und eigenartigen Verhältnisse des Stadtbahnbetriebes vorher gründlich einzuarbeiten.

• Auf epilog.de am 19. Mai 2022 veröffentlicht