Verkehr – Fernmeldewesen
Siegfried Hartmann
Das neue Telefon
Telefonämter mit Zentralbatterie
Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908
»Du schreibst doch für die Zeitung?«
»Allerdings.«
»Na da setze mal deine Feder in Bewegung und ziehe gegen die famosen neuen Telefone zu Felde, gegen das System ohne Kurbel zum Anklingeln. Hilflos wie ein Kind steht man vor dem Apparat. Früher konnte man wenigstens an der Kurbel seine Wut auslassen und die Damen auf dem Amt aus ihrem holdseligen Schlummer erwecken.«
»Wut auslassen? Dazu waren die Kurbeln sicherlich nicht da, und ich kann dir verraten, dass diese missbräuchliche Benutzung von cholerischen Menschen wie du ein Grund zur Abschaffung war. Was würdest du sagen, wenn jemand, dem an deiner Tür auf das erste Klingelzeichen nicht umgehend geöffnet wurde, mit Fäusten und Füßen dagegen trommeln oder Sturm läuten wollte. Nett anfauchen, nicht wahr? Aber beim Telefon ist das erlaubt. Das neue Fernsprechsystem, das jetzt in Berlin und einigen anderen Orten eingeführt wird, bedeutet einen großen Fortschritt.«
»Wenn ich nur wüsste, was das für ein Fortschritt sein soll, der Wegfall der Kurbel.«
»Der Wegfall der Kurbel ist eine kleine Nebenerscheinung. Allerdings auch ein Fortschritt. Denn das heftige Drehen war nicht bloß eine Unart, sondern bedeutete auch eine Gefährdung der Beamtinnen und der ganzen Anlage. Durch das Drehen wurde eine kleine Wechselstrommaschine in Bewegung gesetzt, und der Wechselstrom löste zunächst im Amt das Anrufzeichen aus und nach Herstellung der Verbindung die Klingel beim Angerufenen. Wurde zu heftig gedreht, so nahm die elektrische Spannung eine Höhe an, dass die Gefahr bestand, dass die Ströme auf die Beamtin übergingen, die bekanntlich ihren Hörer beständig am Kopf umgehängt trägt. Aber der Wegfall der Kurbel ist, wie gesagt, nicht das Wesentliche. Was das neue System auszeichnet, ist der Wegfall der tausend kleinen Batterien, die bisher jeder Teilnehmer in oder in der Nähe seines Telefonapparates hatte und von deren gutem Zustand das Funktionieren seiner Sprechstelle abhing. Diese kleinen Batterien lieferten den Strom, dessen rhythmische Stärkung und Schwächung durch die unter der Wirkung der Schallwellen erzitternde Platte des Sprechtrichters die Übermittlung der Sprache besorgte. Alle möglichen Versuche hat man im Laufe der Jahre gemacht, um sicheres Arbeiten und möglichste Dauerhaftigkeit dieser kleinen Stromquellen zu gewährleisten. Anfangs hat man die bekannten nassen Elemente benutzt, dann Akkumulatoren versucht, schließlich ist man auf die Verwendung von Trockenelementen gekommen, als es gelungen war, diese bedeutend zu verbessern.
Immerhin erwuchsen den Ämtern große Schwierigkeiten und Kosten aus den fortgesetzten Revisionen und Prüfungen und Störungen in diesen vielen Tausenden kleinen elektrischen Zentralen. Und so hat man denn ein System ausgedacht, das die vielen kleinen Batterien überflüssig macht, und an deren Stelle eine einzige große Batterie gesetzt, die auf dem Amt aufgestellt wird und dort jederzeit leicht überwacht und instand gehalten werden kann. ›Zentralmikrofonbatterie‹ nennt sie der Mann vom Fach. Jetzt erhält jeder Teilnehmer seinen Strom vom Vermittlungsamt. Sobald er seinen Hörer vom Haken nimmt, schließt er den bis dahin unterbrochenen Stromkreis. Der nun fließende Strom erregt auf dem Amt einen kleinen Magneten, und dieser zieht einen Hebel an: Eine kleine Glühlampe, die der Nummer des Rufers entspricht, leuchtet auf. Und noch mehr. Sobald irgendeine von diesen einer Beamtin zugeteilten ›Anruflampe‹ aufleuchtet, werden durch einen zweiten Magneten noch zwei Kontrolllampen zum Leuchten gebracht, von denen die eine sich am Tisch der Beamtin, die andere am Tisch des Aufsichtsbeamten befindet. Die einfache Tatsache, dass ich meinen Hörer vom Haken abnehme, hat also zur Folge, dass erstens die sogenannte Aufmerksamkeitslampe am Tisch der mir zugeteilten Beamtin aufleuchtet, und dass gleichzeitig der Aufsichtsbeamte unterrichtet wird, dass meine Beamtin eine Verbindung herstellen soll. Wer angerufen hat, das gibt die an erster Stelle erwähnte Anruflampe zu erkennen.«
»Wenn diese nun versagt?«
»Wenn diese versagt, d. h. durchbrennt, was ab und zu vorkommt, so wird der Stromkreis noch nicht unterbrochen, denn im Nebenschluss zur Lampe liegt ein kleiner Widerstand, durch den beim Durchbrennen der Lampe noch genügend Strom fließt, um die Aufmerksamkeitslampe zu betätigen. Diese leuchtet also auf jeden Fall auf, und wenn sie allein leuchtet, ohne dass gleichzeitig eine Anruflampe erglüht, so weiß die Beamtin, dass einer der von ihr zu bedienenden 100 Teilnehmer gerufen haben muss. Sie prüft dann rasch ihre Anschlüsse durch und hat bei einiger Übung in kürzester Zeit den Rufer gefunden und ihm ein neues Licht aufgesteckt. Sollte sie zu langsam arbeiten oder gar, wie du dich vorhin so schön ausdrücktest, in holdseligen Schlummer versunken sein, so wird sie bald daraus erweckt. Denn der Aufsichtsbeamte erkennt die Saumseligkeit an dem allzu langen Brennen der Kontrolllampe. In dem Augenblick nämlich, wo die junge Dame auf den Anruf reagiert und zu diesem Zwecke einen Stöpsel in das für den rufenden Teilnehmer vorgesehene Loch, die sogenannte Klinke, steckt, erlöschen alle Lampen automatisch wieder. Die Beamtin schaltet sich jetzt ein, und es erfolgt die süße Antwort: ›Hier Amt‹. Und hocherfreut klingt die Stimme des Teilnehmers ans Ohr der Beamtin: ›Nummer 3782‹.
- R E K L A M E -
Ein Blick auf den vor ihr stehenden Tisch oder Schrank, auf dem 10 000 kreisrunde Öffnungen dicht gedrängt sitzen: schnell erspäht das geübte Auge die Nummer 3782 und führt das andere Ende der Verbindungsschnur mit sicherem Griff in die entsprechende Klinke hinein. Wieder ein Stromstoß, für einen kurzen Augenblick wird in die Leitung der Nummer 3782 automatisch ein Wechselstrom geschickt, den auf dem Amt eine besondere Maschine erzeugt. Gleichzeitig erglüht jetzt neben der Klinke des Angerufenen ein kleines Lämpchen. Bei Nummer 3782 rasselt der Wecker. Da es bereits der zwanzigste Anruf in der letzten halben Stunde ist, beeilt sich Herr 3782 nicht sonderlich. Er liest äußerlich gelassen erst den vor ihm liegenden Brief fertig. Unterdessen glüht seine Lampe 3782 auf dem Amt weiter. Die junge Dame auf dem Amt ist entrüstet über die lange Bummelei, auch Damen können ungeduldig werden, und gibt einen zweiten Impuls Wechselstrom in die Leitung. Die Glocke bei 3782 ertönt zum zweiten Male. Jetzt erhebt sich der Herr 3782 und nimmt den Hörer vom Haken ab: ›Hier 3782, wer ist denn dort?‹ ruft er entrüstet in den Schalltrichter. Doch die Dame auf dem Amt hört davon nichts, sie atmet vielmehr erleichtert auf, denn in dem Augenblick, wo 3782 den Hörer vom Haken nahm, erlischt die Lampe neben seiner Nummer, ein Zeichen, dass er auf den Anruf reagiert hat. Erst nach einiger Zeit wird sie wieder an die Verbindung erinnert. 3782 hat die verlangte Auskunft erteilt und hängt seinen Hörer wieder an. Er unterbricht dadurch seinen Stromkreis, was zur Folge hat, dass die Lampe neben seiner Klinke wieder aufleuchtet. Das Gleiche geschieht bei dem Rufer, wenn er seinerseits ›anhängt‹. Die beiden leuchtenden zum Unterschied in der Regel rot gefärbten Lampen geben dann stillschweigend das Zeichen, dass das Gespräch beendet ist. Und ohne irgendeinen störenden Zwischenruf, ohne die stereotype Frage: ›Sprechen Sie noch?‹ zieht die Beamtin die beiden Verbindungsstöpsel wieder heraus, selbsttätig gleiten sie in ihre Ruhelage zurück, und die beiden roten ›Schlusslampen‹ erlöschen wieder. Alles das geht ganz automatisch vor sich, die Zahl der Handgriffe ist auf ein Mindestmaß beschränkt, Zwischenfragen und dergleichen sind vermieden. Ein Vorzug der Lämpchen vor den früher üblichen Fallklappen ist noch der, dass sie weit weniger Platz wegnehmen. Sie sind so klein wie die oft scherzhaft als Krawattennadeln getragenen Glühlampen und geben doch ein äußerst auffälliges Zeichen.«
»Wie kommen denn nun aber diese ganzen Aus- und Einschaltungen der Lämpchen zustande?«
»Mein Lieber, das kann ich dir mit Worten nicht erklären. Das Wesentliche bildet immer das sogenannte Relais, d. h. ein kleiner mit Draht umwickelter Eisenkörper, der magnetisch wird, sobald durch den Draht Strom fließt.* *) Vgl. Ein vielseitiger Geselle Ein kleiner Hebel wird dann angezogen, hört der Strom und damit der Magnetismus auf, wird er wieder losgelassen und fällt durch seine eigene Schwere oder durch eine Feder gezogen wieder ab. Diese Bewegungen werden dann benutzt, um andere Stromkreise zu öffnen und zu schließen. Willst du dich näher unterrichten, dann musst du dir ein kleines Büchlein mit den ganzen Schaltungsplänen kaufen.
Die Apparate an sich sind alle äußerst einfach, das Ingenieuse ist die Zusammenstellung, so dass mit möglichst wenig Drähten und auf möglichst kleinem Raum alles das erreicht wird, was ich dir erzählte. Der Raum spielt überhaupt im modernen Fernsprechwesen eine sehr bedeutende Rolle.
Soll der Betrieb nicht ungeheuerlich umständlich werden, so muss jede Beamtin die von ihr zu bedienenden Teilnehmer an jede vorhandene Nummer selbst anschließen können, und zwar von ihrem Platz aus, d. h. auf ihrem Tisch oder Schrank müssen auf kleinem Raum zusammengedrängt sich die Anschlussklinken von zum Beispiel 10 000 Teilnehmern befinden. Zu jeder Klinke gehört dann eine kleine Schlusslampe, außerdem die Klinken der der Beamtin zugewiesenen Teilnehmer mit je einer roten Schlusslampe und einer weißen Anruflampe. Da heißt es sparsam mit dem Platz umgehen, zusammendrängen und doch übersichtlich bleiben, und wenn man die glatten, siebartig durchlöcherten Tische und Schränke sieht, dann ahnt man noch nicht, wie viel tausend kleine Apparate sich dahinter noch verbergen, die alle in guter Ordnung gehalten sein wollen. Und je größer die Zahl der Teilnehmer ist, desto verwickelter, desto schwieriger wird der Dienst. Es ist beim Fernsprecher nicht wie bei anderen Einrichtungen, die bei wachsender Inanspruchnahme billiger werden, im Gegenteil.«
»In Amerika hat man doch jetzt die Beamtinnen überhaupt an die Luft gesetzt, dort kann sich jetzt jeder selbst verbinden.«
»Na, na, so weit ist man drüben noch lange nicht, wenn auch zweifellos im Fernsprechwesen die Amerikaner Bahnbrechendes geleistet haben. Auch in Berlin ist ein kleines sogenanntes automatisches Amt probeweise im Betrieb, und wenn du einmal nach München kommst, kannst du in den hochinteressanten Sammlungen des Deutschen Museums eine Probeanlage sehen und sogar selbst probieren. Aber spruchreif ist die Sache noch bei weitem nicht. Natürlich ist der Gedanke, die menschliche Hilfe entbehrlich zu machen, für unsere Telefontechniker sehr verlockend. Aber es liegt auf der Hand, dass dieses Selbstverbinden und die dazu nötigen Vorrichtungen nicht gerade einfach werden können.
Zweifellos werden noch Jahre vergehen, bis ich einfach an meinen Apparat trete, an einer Skala die verlangte Nummer einstelle und mich auf diese Weise automatisch selbst verbinde. Und auch dann werden die Klagen nicht aufhören.«
• Neuerscheinung •
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.