Bau & Architektur

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Aquädukt von Spoleto

Zentralblatt der Bauverwaltung • 18.6.1881

Wie sich auch in moderner Zeit noch ein Mythus bilden kann, das zeigt ein Blick auf die beiden Holzschnitte, deren erster die Ansicht des Aquädukts von Spoleto wiedergibt, welche Gauthey in seinem bekannten Werke Traité de la construction des ponts (Paris 1809) aufgenommen hat, während der zweite nach einer Aufnahme des Regierungsbaumeisters Emil Welkner angefertigt ist. Gauthey beschreibt das Bauwerk mit folgenden Worten:

Aquädukt von Spoleto nach Gluthey.

Aquädukt von Spoleto nach Gluthey.

»Die von dem Ostgotenkönig Theoderich um das Jahr 500 n.Chr. zwischen zwei steilen Abhängen erbaute Brücke mit Wasserleitung bei Spoleto, von 247m Gesamtlänge und 13m Breite, besitzt 10 große Spitzbogengewölbe von je 21,44m Spannweite und Pfeiler von 3,57m Stärke, deren mittlere, in dem Waldstrom Mareggia stehend, über 200 m Höhe erreichen und die kühnsten der Welt sind. Auf dem stromaufwärts gekehrten Rande der Brücke befinden sich 30 kleine gotische Arkaden, welche die Wasserleitung aufnehmen und der Stadt zuführen. Da das ganze Bauwerk in sehr harten Steinen ausgeführt wurde, so ist es fast noch vollständig erhalten.«

Leider führt Gauthey nicht an, welcher Gewährsmann ihm diese Angaben verschafft hat, und man darf im Zweifel bleiben, ob die vermeintliche Kühnheit der Konstruktion größer ist oder die Kühnheit, in ein wissenschaftliches Werk eine solche Unwahrscheinlichkeit ohne eingehende Prüfung aufzunehmen.

Noch mehr aber ist zu verwundern, dass eine größere Zahl späterer Autoren die Gautheyschen Angaben kritiklos übernommen hat, und dass diese sogar, wenn ihnen das Unwahrscheinliche auffiel, der Autorität Gautheys mehr als ihrem eigenen Urteil trauten – ganz wie das bei Entstehung der Mythen der Fall zu sein pflegt, wenn der Glaube über die Einsicht triumphiert. So erschien es dem einen erstaunlich, dass man mit den unvollkommenen Baumaschinen des frühen Mittelalters einen so überaus gewagten Bau habe zustande bringen können; der andere staunte über die außerordentlich hohe Inanspruchnahme, gegen 100kg pro cm², welche die Fundamentquader der Aquäduktpfeiler auszuhalten hätten. Ob die Abmessungen des Bauwerks wirklich so ungewöhnlich kühn seien, dies zu untersuchen nahm sich niemand die Mühe. Man begnügte sich Hypothesen aufzustellen, ohne zu prüfen, ob ihre Grundlage, die Zeichnung und Beschreibung Gautheys, auch des Vertrauens wert war.

Der erste Zweifel findet sich in Rzihas Eisenbahn-Unter- und Oberbau Seite 148, wo angegeben ist, dass Fotografien des Aquäduktes, die auf der Wiener Weltausstellung vorgelegen, denselben nichts weniger als kühn erscheinen ließen, sondern dass er im Gegenteil den Eindruck einer kolossalen durchbrochenen Mauer mache, übrigens auch nicht im Spitzbogen-, sondern im Rundbogenstil erbaut sei.

Spoleto liegt etwas abseits der üblichen Reiseroute; das erklärt vielleicht die sonst wohl verwunderliche Erscheinung, dass keiner der technischen Römerfahrer den Mythus von der baulichen Kühnheit des Ostgotenkönigs Theoderich näher zu prüfen versuchte. Dem Regierungsbaumeister Welkner war es vorbehalten, das Gautheysche Fantasiestück durch eine weniger kühne aber sehr viel wahrscheinlichere Skizze zu berichtigen. Die im folgenden gegebenen Mitteilungen desselben nebst einer Handzeichnung gingen uns vor einigen Wochen aus Neapel zu. Der hochbegabte Verfasser erlag kurze Zeit darauf bei der Rückkehr von seiner italienischen Heise einem typhösen Fieber in Mailand.

Aquädukt von Spoleto nach Welkner.

Aquädukt von Spoleto nach Welkner.

»Das Aquädukt – schrieb Welkner – jetzt sehr bebezeichnend ponte delle iorri genannt, ist um das Jahr 600 nach Christus von einem der in Ravenna herrschenden Longobarden-Herzöge erbaut. Er dient sowohl als Fufsgängerbrücke, wie auch als Wasserleitung zur Verbindung der Stadt und Burg Spoleto mit dem nahen Berge Luca. Er überspannt eine tiefe Schlucht, in welcher unten ein Gebirgsbach rauscht, in einer Länge von 209,6m und einer größten Höhe von 76,8m. Jeder architektonische Schmuck fehlt; dagegen zeigt der Bau wohl eine der frühesten Anwendungen des Spitzbogens. Die Öffnungen und Pfeiler haben wechselnde Breiten; die Pfeilerstärken schwanken von 9,6m bis 12,3m, die Öffnungen dagegen von 4,9m bis 10,2m, sind also ganz erheblich kleiner als jene, so dass das Aquädukt mehr einer durchbrochenen Mauer als einer Brücke ähnelt. Die Pfeiler sind vollständig parallelepipedisch bei einer senkrecht zur Front gemessenen Stärke von 5,07m. (Vgl. den Querschnitt oben) Nur die beiden mittleren und höchsten Pfeiler zeigen unten Verstärkungen (bis auf 7m), mit welchen sie direkt auf den Felsen aufstehen, während der Bach tiefer als die Fundamentsohle eingeschnitten ist. Von einer in halber Höhe hergestellten Verbindung finden sich nur in der einen Brückenhälfte noch Reste. Die beiden mittleren Pfeiler sind hohl, wie die kleinen Öffnungen verraten, jedoch nicht zugänglich. Auf der massiven, durchschnittlich 8m hohen Brüstungsmauer fließt das Leitungswasser, nachdem es kurz vorher noch eine kleine Kornmühle getrieben hat, in stark geneigter offener Rinne zur Stadt Spoleto, die es noch heute mit Trinkwasser versorgt. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Einfachheit macht das Bauwerk in der malerischen Umgebung einen großartigen Eindruck. Es ist aus dünngeschichteten, marmorähnlichen Kalkbruchsteinen hergestellt und gewährt von weitem den Eindruck eines Ziegelbaues, wiewohl nur die Bögen und Abdeckungen wirklich aus Ziegeln hergestellt sind.«

• H. Keller

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