Bau & ArchitekturBrücken

Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Zwei moderne Riesenbrücken

Von Max Wirth

Über Land und Meer • März 1879

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

Von den größten Brückenbauten, welche in der neuesten Zeit geplant wurden, ist die eine, über die Themse, erst noch im Projekt, die andere, über einen Meeresarm in New York, in ihrem Bau so weit vorgerückt, dass sie bald eröffnet werden kann. Die neue Brücke über die Themse soll unterhalb der London Bridge in der Nähe der Docks angelegt werden, da letztere für den Verkehr nicht mehr ausreicht und zeitraubende Stockungen verursacht. Die andere Brücke verbindet New York über den East River mit Brooklyn. - R E K L A M E - Bilder aus der Berliner Feuerwehr

Beide Brücken werden so hoch über dem Wasserspiegel gezogen, dass die größten Seeschiffe, ohne mehr als den Toppmast zu senken, hindurchfahren können. Eine jede wird indessen nach verschiedenem System gebaut. Während nach dem großen Unglück in Angers, wo eine Kettenbrücke unter dem takt­mäßigen Tritt eines Bataillons Soldaten zusammenbrach und die Unglücklichen unter ihren Trümmern begrub, die Hängebrücken in Europa mehr oder weniger unpopulär geworden sind und durch die Gitterbrücken verschiedener Konstruktionen verdrängt wurden, errichteten die Amerikaner auch mit Vorliebe Ketten- oder Hängebrücken, um bei bedeutenden Spannweiten den Bau von Pfeilern einzusparen. Manche Überbrückungen sind dadurch erst möglich geworden, wie z. B. die des Niagara zu seinen Fällen.

Die Längenangaben und andere Maße des Originaltextes wurden in das metrische System umgerechnet.

Die große Hängebrücke zwischen New York und Brooklyn hat die kolossale Spannweite von 1825 m und eine Breite von 25,9 m. Sie ruht auf zwei Riesenpfeilern, wovon der eine am Ufer zu New York, der andere am Ufer zu Brooklyn steht und welche sich 81,7 m über dem Hochwasserspiegel erheben bei 17 m Breite und 41 m Tiefe. Die Entfernung von einem Pfeiler zum anderen beträgt 486 m. So viel beträgt die Breite des zu überbrückenden Wassers; die übrige Länge der Brücke fällt auf die Zufahrten an beiden Ufern, welche ungeheuer lang genommen werden mussten, um die beträchtliche Höhe, in welcher die Brücke über den Fluss oder richtiger Meeresarm führt, eine so geringe Steigung zu haben, dass dem Übergang von Eisenbahnen keine Schwierigkeit entgegensteht.

Der Oberbau der Brücke ruht statt auf Ketten auf Kabeln aus Stahldraht. Es sind Drahtseile von 40 cm Durchmesser, welche aus 6300 parallelen Stahldrähten Nummer 8 angesetzt, verdichtet und mittels geeigneter Umhüllung vollkommen gegen jeden Einfluss der Temperatur geschützt sind. Die Brooklyn Bridge in New York.Die Brooklyn Bridge in New York. Die Brücke ruht auf vier solcher Kabeln, deren höchste Erhebung zwischen den Ankermauern und der Spitze der Pfeiler sich 24,4 m über dem Hochwasser befindet. Die Kabel sind 1067 m lang. Die Stahldrähte eines jeden Kabels bestehen aus sieben getrennten Bündeln, deren Zusammenfassung und Ausfüllung erst an Ort und Stelle vollzogen wurde. Es waren dazu besondere, sehr interessante Vorrichtungen getroffen, wegen deren wir den Leser auf die Abbildung verweisen. Die Brücke enthält bei ihrer ansehnlichen Breite zwei vollständig getrennte Abteilungen für die Hin- und Rückfahrt, und zwar nicht bloß für die Eisenbahnen, sondern auch noch eine doppelte Reihe von Fahr- und Fußwegen.

Der Bau der Brücke begann schon im Jahr 1870. Die Ausgabensumme war zuerst auf 7 Millionen Dollar ausschließlich der Expro­priations­kosten berechnet. Die Ansprüche wuchsen aber unter der Hand, so dass das Baukapital schon im Jahr 1872 auf 9,5 Millionen und im Jahr 1875 auf 13,5 Millionen Dollar erhöht wurde. Heute scheint es, dass auch diese kolossale Summe bereits für ungenügend erkannt worden ist und dass sie wahrscheinlich bis auf 20 Millionen Dollar erhöht werden wird. Der Scientific American sucht nachzuweisen, dass man besser getan haben würde, den großen Fluss auf dem Weg des Tunnels zu erreichen. Die Brooklyn Bridge in New York.Die Brooklyn Bridge in New York. Denn man würde sogar für jegliche Hauptstraße durch separate Tunnel mit Brooklyn haben verbinden können.

Das Werk hat daher eine große Zahl von Gegnern, unter denen unzählige Schiffseigner behaupten, dass auch die bedeutende Höhe der Brücke nicht ausreicht, um sämtliche Schiffe unbehelligt durchzulassen. Im Jahr 1876 seien 19 534 Seeschiffe in den East River gegen den Hafen gekommen und manche hätten sogar gedroht, die Türme dieser Brücke zu passieren gehabt, um umgeladen oder repariert zu werden, und die Masten der Mehrzahl dieser Schiffe seien zu hoch, um bei jedem Wasserstand ungehindert passieren zu können. Mit diesen Schiffen würde man sich daher der östlichen Einfahrt in den New Yorker Hafen bedienen müssen, wo sich eine Aufzieh­brücke befindet. Diese Einwendungen sind gegenwärtig jedoch vermutlich zu spät und daher nutzlos; New York wird wahrscheinlich schon im Jahr 1879 die längste Hängebrücke der Erde besitzen. Die  höchste befindet sich bekanntlich in Freiburg in der Schweiz.

Einen ganz anderen Weg beabsichtigt man bei der neuen Überbrückung der Themse einzuschlagen. Die älteste und unterste Brücke über die Themse die London Bridge. Oberhalb derselben ist seit der Erfindung der Gitterbrücken eine Anzahl neuer Brücken dieser Konstruktion erbaut worden, welche nunmehr dem Lokalverkehr vollkommen genügen, allein unterhalb der London Bridge ist zwar der Themse­tunnel, aber keine neue Brücke bisher mehr errichtet worden. Der Themse­tunnel dient aber nur für Fußgänger und ist für den großen Verkehr nutzlos. Da nun unmittelbar unter der London Bridge, bis zu welcher die Flutbewegung des Meeres hinaufreicht, die Themse bedeutend viel breiter wird und sie von dort abwärts bis zu ihrer Mündung ins Meer gleichzeitig als Hafen dient, wo viele Tausende von Seeschiffen ankern, und da gleich unter der London Bridge die Docks beginnen, wo die Schiffe aus- und eingeladen werden, London aber von beiden Ufern der Themse aus sich ins Land erstreckt, so ist es leicht begreiflich, dass diese alte steinerne Brücke längst dem Verkehr nicht mehr genügt und dass die Stauung der Fußgänger und Wagen auf derselben für alle Welt sprichwörtlich geworden ist.

Der Magistrat von London ist daher in der letzten Sitzung beim Parlament um die Erlaubnis zur Erweiterung der Brücke auf beiden Seiten um je 3,35 m mit einem Aufwand von 100 000 Pfd. Strl. einge­kommen. Diese Maßregel würde aber einerseits die Schönheit des alten Bauwerkes zerstören, andererseits aber noch weit entfernt sein, dem Bedürfnis zu genügen. Die östlichen Stadtteile Londons haben daher das städtische Bauamt mit dem Wunsch bestürmt, dass eine Brücke unterhalb der London Bridge gebaut werde. Einem solchen Projekt stehen aber unüberwindlich scheinende Hindernisse entgegen. Da die Themse dicht unter der London Bridge ganz mit ankernden Seeschiffen besetzt zu sein pflegt, so wäre eine Brücke von der gewöhnlichen Höhe gar nicht zu denken. Eine Brücke von solcher Höhe aber, dass Seeschiffe hindurchfahren können, ohne ihre Masten zu senken, würde so ungeheuer lange Auffahrten erfordern, dass einerseits eine zu große Anzahl von Häusern enteignet und dadurch die Herstellungskosten enorm vergrößert werden müssten, und dass andererseits der Zweck der Brücke selbst nahezu vereitelt werden würde, weil die dem Ufer zunächst liegenden Stadtteile bei der Benutzung der Brücke zu unmäßigen Umwegen genötigt würden.

Der Ingenieur des städtischen Bauamtes von London hat nun einen ganz originellen Plan gefasst, um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, durch deren Überwindung die unteren Stadtteile Londons einen Umweg von einer halben Stunde ersparen. Derselbe schlägt vor, eine Brücke in einem einzigen Bogen unterhalb der Londoner Brücke zu bauen, welche damit den weitesten Brückenbogen der Erde bilden würde, und zwar in der Gestalt einer Gitterbrücke aus Stahl. Dieselbe soll sich 19,8 m über dem höchsten Wasserstand befinden, so dass die Mehrzahl der Schiffe ungehindert durchfahren kann und die höchsten Seeschiffe nur ihren Toppmast zu senken brauchen. Die Brücke soll eine Gesamtbreite von 18,4 m erhalten, wovon 11 m für die Wagen und 3,7 m auf jeder Seite für die Fußgänger bestimmt sind. Die Zugänge zu den Fußstegen der Brücke würden aus einfachen Treppen bestehen. Für die Fuhrwerke, der Wagen aber will sich der Urheber des Plans mit einer ebenso originellen wie einfachen Vorkehrung helfen, welche – mit einem Wort gesagt – in zwei riesigen, in Wendeltreppenform errichteten Straßen bestehen würde. Durch diese Schnecken­form der Zufahrten würden alle Schwierigkeiten überwunden. Die Brücke kann die erforderliche Höhe erhalten, ohne dass jene oben erwähnten Übelstände bei den Zufahrten eintreten. Zugleich kann die Steigung mit Hilfe dieser Konstruktion so gering genommen werden, dass auch die schwersten Lasten mit Leichtigkeit transportiert werden können. Der Plan ist so einleuchtend, dass wir an dessen Verwirklichung kaum mehr zu zweifeln wagen.

• Auf epilog.de am 25. Juni 2026 veröffentlicht

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