Bau & ArchitekturBrücken

Die London Bridge

Meyers Universum • 1840

Paris hat den größten Ruf, den größten Zeitungsnamen; es imponiert durch das ewige Gerede von einer Weltstadt; vergleicht man es aber, was Größe, Ausdehnung, Bevölkerung, Verkehr, Opulenz und Majestät der Anlage betrifft, mit London, dann schrumpft es zusammen und verliert den prunkenden Titel, der ihm nicht geziemt.

In der Tat, Paris und London verhalten sich nicht anders zueinander, als sich die Flüsse zueinander verhalten, an welchen jene Städte liegen. Wie ein großer Bach schleicht die trübe Seine dahin, die zierlichen Brücken mit den großen Namen nehmen sich recht hübsch aus, und die Kais gar freundlich mit ihren ein- und ausladenden Booten und Barken, unter denen jedes kleine Dampfschiff einen Grandioso spielt. Leben ist genug da; aber ein zahmes, anmutiges Residenz­leben ist es, nicht das große der Weltstadt. Wie ganz anders, wenn man vom Pont neuf sich auf die London Bridge versetzt! Völlig betäubt wird das Ohr durch das Getöse, Gerassel, Getobe der unzähligen Fuhrwerke, die in zwei gedoppelten Reihen in der Mitte der Brücke mit Sturmes­eile hin und her fahren, und nur hinter einem Pfeiler der Balustrade kann man sich vor den Fluten der Menschenwogen schirmen, welche in der ganzen Breite der Trottoirs unaufhörlich hin und her fluten und alles, was ihnen in den Weg tritt, mit sich fortreißen. Dichte, finstere Gebäudemassen strecken von beiden Ufern in scheinbarer Unermesslichkeit sich aus. Links ragen Tower, Bank, Börse, Mansion­house, St. Paul, die Denksäulen und die hunderte von Glockentürmen hervor; rechts die rauchenden Türme der Fabriken, jene Gruppen von gewaltigen Schloten, unter denen die Dampfmaschinen, gleich dienenden Zyklopen, ihre Arbeit verrichten; aufwärts wölben sich majestätisch die vielen Brücken, eine hinter der anderen, über die 1000 bis 1500 Fuß breite Themse, auf deren weitem Busen sich Barken und Nachen in ungezählter Menge nach allen Richtungen durchkreuzen: abwärts aber erscheint London in seiner ganzen Majestät: – 12 000 Schiffe drängen sich an seine Hüften, ein drei Stunden langer Masten­wald, belebt von 150 000 Menschen, redend in allen Zungen des Erdrunds, breitet sich aus, – man sieht den Hafen der Weltstadt.

Die London Bridge.Die London Bridge.

Auch als Nachtstück ist die Szene effektvoll. Über der unendlichen, von dritte­halb Millionen Gasflammen erleuchteten Stadt ist der Himmel wie von ungeheurer Brunst gerötet, und lichte Streifen ziehen schimmernd durch das rötliche Dunstmeer, andeutend die Hauptstraßen, welche meilenlang sich fortziehen. Jeden Augenblick, so scheint es, müssen Flammen emporschlagen, die glühende Häuserwelt zu verzehren. Der Lärm und das Leben auf der Brücke ist kaum geringer als am Tag; vom Brausen des Menschengewimmels in der Stadt erdröhnt die Luft; auf den strahlenden Lichtbogen, die geister­artig den Fluss überspannen, wogt hin und her die Volksflut; nur in der Tiefe, auf dem Fluss selbst, ist es öder geworden und stiller. - R E K L A M E - Neue Bahnen denken - Alternative Schienenverkehrskonzepte im 19. Jahrhundert Bald erkennt das von der Glut des Himmels geblendete Auge nichts mehr im Dämmer­dunkel unten, und wenn auch da und dort ein Lichtstrahl aus den kleinen Fenstern der Kajüten herüber schimmert, so ist er doch zu schwach, die Gegenstände deutlich zu machen. Allmählich schlummert alles Leben auf dem Strom dahin; allmählich wird es auch stiller in der City, und in gleichem Verhältnis verödet auch die Brücke. Mitternacht naht und fast ängstlich horcht das vom Getöse des Tags noch bezauberte Ohr dem Wellengeplätscher, oder dem Ruderschlag des auf finsterer Flut hingleitenden Kahns oder dem schreienden Tau oder dem bald von nah, bald von fern vernehmlich herauf­tönenden Gespräche der Schiffer. Eins schlägt es; der Feuernimbus der City ist erblasst und ihre Stimme ist verhallt; aber in vollem Glanz strahlen noch die westlichen vornehmeren Teile der Stadt, wo Genuss und Vergnügen die Nacht zum Tage verkehren. Erst mit dem lichten Morgen wird es auch dort still, suchen auch dort die Menschen den Schlaf; aber dann ist es im Hafen schon wieder lebendig geworden, die rührige City ist erwacht und neu begonnen hat die Weltstadt ihres täglichen Lebens nimmer rastenden Kreislauf.

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• Auf epilog.de am 8. Juni 2026 veröffentlicht

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