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Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Zeitsignale

Von Max Wirth

Über Land und Meer • Juli 1879

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Es ist eine ebenso alte als zweckmäßige Einrichtung, dass öffentliche Uhren an Türmen oder anderen hochgelegenen Gebäuden angebracht und auch mit Schlagwerk versehen wurden, um den Bewohnern eines Ortes oder einer Stadt weithin den Wandel der Zeit zu verkünden oder wahrnehmbar zu machen. Je größer die Stadt, um so schwieriger wird indessen diese Aufgabe und für unsere heutigen Großstädte ist sie geradezu zur Unmöglichkeit geworden, weil die Häuser in der Regel so hoch sind, dass die Kirchtürme in den Straßen nur auf eine geringe Entfernung sichtbar bleiben. Und doch weiß man nur in den Großstädten den Wert der Zeit erst voll zu schätzen! Wenn man früher gesagt hat: Pünktlichkeit sei die Höflichkeit der Könige, so kann man jetzt sagen: Das erste Gebot der Lebensart des Großstädters ist die genaue Kenntnis der Zeit nicht bloß nach der Stunde, sondern nach der Minute. Bei den großen Entfernungen der Großstädte müssen Verabredungen von Zusammenkünften auf die Minute eingehalten werden, weil die nächste Stunde vielleicht wieder nach einem eine Meile von dem Stelldichein entfernten Orte ruft und weil Geschäfte von großer Wichtigkeit versäumt werden können, wenn das Zusammentreffen verfehlt wird.

Ein Pariser Gelehrter, welcher sein Leben durch Stundengeben fristete, obwohl er sehr tüchtige physikalische und astronomische Kenntnisse besaß, versicherte mir, sein Lebensglück verscherzt zu haben, weil er bei dem Rendezvous, das ein berühmter englischer Astronom ihm anberaumt, der sich gerade in Paris aufhielt und geneigt war, ihn zum Assistenten anzunehmen, dreimal um fünf Minuten zu spät gekommen war. Der Engländer war dreimal auf den Schlag der Stunde erschienen und hatte nicht mehr als zwei Minuten gewartet. Das dritte Mal erklärte er dem vermittelnden Freund, dass er einen Mann nicht brauchen könne, der sich dreimal diese Unpünktlichkeit habe zu Schulden kommen lassen.

Mit dieser Strenge der Anforderung an das pünktliche Einhalten der Minute stehen indessen die Einrichtungen der Uhren und der Zeitsignale nicht allenthalben im Einklang, obwohl der Eisenbahndienst längst mit gutem Beispiel vorangegangen ist und die Uhren der Nebenstationen von der Hauptstation aus telegrafisch richten lässt. In Frankreich, wo der Fahrplan der Eisenbahnen sich nach der Pariser Zeit richtet, werden die Uhren auf sämtlichen Bahnhöfen von Paris aus mittels des Telegrafen gerichtet. Die Uhren in sämtlichen Büros des Bundesrathauses zu Bern werden um 12 Uhr mittags auf einen Schlag telegrafisch von der Sternwarte aus gestellt.

Leider stehen solche Einrichtungen selbst in den Großstädten noch vereinzelt da. In Wien z. B. ist nicht einmal die Uhr am Stephans­turm ganz zuverlässig, und der Taschenuhrbesitzer, welcher es genau mit der Zeit nimmt, begibt sich in der Woche wenigstens einmal vor die Aula, um seinen Zeitmesser nach der Universitätsuhr zu richten, welche von der Sternwarte aus bedient wird. Der dadurch verursachte Zeitverlust kann zuweilen recht empfindlich werden, wenn man einmal an einem recht beschäftigten Tage vergessen hat, die Uhr aufzuziehen.

Diesem Übelstand ist nun in neuester Zeit einigermaßen gesteuert, einerseits durch die Einrichtung der pneumatischen Uhren, andererseits durch die Erfindung der Perpetuale oder der sich selbst aufziehenden Zeitmaschine, welche wir unseren Lesern  bereits vorgeführt haben. Obwohl also vielerorts noch manches in der Verbesserung der Zeitsignale zu wünschen übrigbleibt, so ist doch das Bestreben, sowohl die öffentlichen Uhren genau nach kosmischen Vorgängen zu richten, sowie die richtige Stunde auf einen weiten Umkreis hin sichtbar zu machen, keineswegs neu. Während die Sternwarten ihre Chronometer nach dem scheinbaren Gang der Sterne richten, weil dieser zuverlässiger ist als der scheinbare Gang der Sonne, hat man sich schon sehr früh der Sonnenuhren bedient, um die Zeitmaschinen nach dem Zenitstand des Tagesgestirns zu richten, und hat auch gewisse, für das Auge oder das Ohr bestimmte Zeichen angenommen, um die Mittagsstunde zu verkünden. In neuester Zeit hat das Bedürfnis der Schifffahrt, welche sich der telegrafischen Mitteilungen nicht bedienen kann und welche mit so weiten Entfernungen zu rechnen hat, dass auch das Zifferblatt einer Uhr nicht mehr durch das Fernrohr abgelesen werden kann, eine neuartige Vorkehrung zur Zeitverkündigung hervorrufen – die auf einer Art hohen Leuchtturmes bewegten Zeitbälle.

Der Scientific American hat im verflossenen Jahre eine  Schilderung des in New York errichteten Zeitballes, welcher von der Sternwarte zu Washington aus bedient wird, gebracht und diese Einrichtung als eine amerikanische Erfindung in Anspruch genommen. Nach den Mitteilungen, welche uns von befreundeter Seite aus Bremerhaven zugehen, müssen wir indessen Amerika die Ehre der Priorität streitig machen, denn ähnliche Zeitbälle sind bereits seit drei Jahren sowohl dort als in Cuxhaven von Reichswegen errichtet worden. Statt der Form einer Tonne, welche der New Yorker Zeitball besitzt, der auf eine Höhe von rd. 96 m über den Boden aufgezogen wird, haben die deutschen Einrichtungen die Form einer Kugel. Der New Yorker wird beim Niederfallen von einer Anzahl von Puffern aufgefangen, welche wie ein Luftkissen wirken, bei den deutschen Zeitbällen wird der gleiche Dienst durch Sprungfedern versehen.

Zeitball Bremerhaven

Der Zeitball in Bremerhaven untersteht der Sternwarte in Berlin und wird in folgender Weise bedient: Von Seiten der Berliner Sternwarte ist auf dem Telegrafenamt zu Bremerhaven eine astronomische Pendeluhr aufgestellt, welche jeden Morgen 8 Uhr von Berlin aus auf Hundertstelsekunden reguliert wird. Der Ball, welcher seine Zeichen durch Herabfallen von seinem hohen Standpunkte gibt, fällt täglich zweimal, und zwar nach Bremerhavener Zeit zuerst um 12 Uhr Mittags und sodann um 12 Uhr 34 Minuten und 16½ Sekunden, um damit die Mittagsstunde für den Meridian von Greenwich anzuzeigen, welche bekanntlich die Normalzeit für die Seefahrer ist. Letzteres geschieht, um dem eigentlichen Zwecke des Zeitballes zu genügen, d. h. um den Schiffern Gelegenheit zum Vergleichen und zum Regulieren ihrer Chronometer zu geben.

Zehn Minuten vor der Fallzeit wird der Ball aus der Lage, welche er auf der beigegebenen Zeichnung einnimmt, an der Maststange auf halbe Höhe gezogen und zwei Minuten vorher ganz hoch gebracht. Der den Ball auslösende Beamte steht im Tele­grafen­büro vor der astronomischen Uhr und schließt 4/10 Sekunde vor dem Fall den Strom, so dass der Ball präzis um die Sekunde die Plattform erreicht. Durch sein Aufschlagen gibt der Ball sein Signal zurück, dass er zur rechten Zeit funktioniert hat.

Die ganze Anlage ist ohne Rücksicht auf die Kosten mit außerordentlicher Genauigkeit durchgeführt. Die Säule ist ein Rohr aus Eisen von bedeutender Höhe und innen mit einem Aufstieg versehen. Die Fallhöhe des Balles selbst beträgt ungefähr 5 m. Dieser Zeitball, welcher ausgezeichnet funktioniert, ist an der Einfahrt des neuen Hafens aufgestellt und kann sowohl von den Schiffen in den Häfen und auf der Reede, sowie weit in die See und ins Land hinein gesehen werden. Zur Vorsicht ist auch noch eine kleine Kugel, die rote Signale gibt, neben dem Zeitball angebracht, welche gezogen wird für den Fall, dass Störungen im Betrieb eintreten sollten. Dieselbe wird durch den kleinen Punkt neben dem Zeitball auf der Abbildung angedeutet.

• Auf epilog.de am 5. September 2026 veröffentlicht

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