Forschung & TechnikTechnik

Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Eine immer gehende Taschenuhr

Von Max Wirth

Über Land und Meer • Juni 1879

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Seit vier Wochen trage ich eine Taschenuhr von neuer Konstruktion, welche, ohne dass ich genötigt war, dieselbe aufzuziehen und ohne dass sie um mehr als zwei Minuten abwich, ihren Gang unverändert fortgesetzt hat. Voraussichtlich wird ihn dieselbe in der gleichen Weise jahrelang fortsetzen, ohne dass ich je zum Aufziehen oder einer Reparatur der Feder genötigt sein werde. Die einzige Bedingung, welche ich dabei zu erfüllen habe, ist ein Spaziergang von einer Stunde täglich. Würde ich diesen mehr als zwei Tage unterlassen, dann wäre ich allerdings genötigt, die Uhr schleunig durch angemessene Bewegung oder auch mit einem Schlüssel aufzuziehen, um deren Stillstehen zu verhindern.

Die Idee, eine Taschenuhr durch die eigene Bewegung des Trägers aufzuziehen, ist eigentlich keine ganz neue. Schon im, vorigen 18. Jahrhundert kamen Uhrtechniker auf den Gedanken, selbst­auf­ziehende Zeitmesser – die sogenannten Schlögel­uhren – zu konstruieren. Napoleon I. war der Erste, welcher eine derartige, von Brégnet verfertigte Uhr mit Platina­gewicht trug. Diese Konstruktion verhielt sich aber zu der neuen Erfindung der Perpetuale, wie etwa ein ›Nürnberger Ei‹ zur heutigen Ankeruhr. Man war früher von der Ansicht ausgegangen, dass man verhältnismäßig wenige (einige Hundert) tägliche energische Bewegungen benutzen müsste, um solche Uhren in Bewegung zu setzen. Dies bedingte einen sehr schweren Schlögel, ein verhältnismäßig sehr kräftig dimensioniertes Werk, um dessen Stöße aufzufangen und auszuhalten, und dementsprechend eine umfangreiche, bauchige Wärmflaschenform und ein exorbitantes Gewicht der Uhr. Auch war die Feder stets in Gefahr, gesprengt zu werden, – daher man genötigt war, ganz eigentümliche komplizierte Apparate anzubringen, um diesem Schaden vorzubeugen. Diese heiklen Schutzvorrichtungen gegen das Über­aufziehen verursachten häufige Störungen und oft das Versagen der ganzen Konstruktion. Deshalb haben sich die alten, wegen ihrer Kompliziertheit sehr teuren Werke (800 – 1200 Mark) nicht bewährt und sind bald wieder aufgegeben worden.

Erst im Jahr 1875 kam der Wiener Maschineningenieur A. R. v. Löhr auf den Einfall, das jenen Werken zugrundeliegende Prinzip wieder aufzugreifen, aber dessen Anwendung nach dem Vorbild des bekannten Schrittzählers einer wichtigen Reform zu unterziehen. Derselbe wählte vor allen Dingen eine leichte Konstruktion ohne Stöße, damit Umfang und Gewicht seiner Perpetuale diejenigen einer heutigen Taschenuhr nicht überschreite, und basierte die Konstruktion seines neuen Werkes auf die Beobachtung und Ermittlung des Umstandes, dass man – körperliche Gesundheit vorausgesetzt – täglich wohl durchschnittlich zehntausend kleine Bewegungen mache. Diese verhältnismäßig große Zahl kleiner Bewegungen, von der jedermann sich mittels eines empfindlichen Schrittzählers selbst überzeugen kann, gibt nun das Mittel, die dadurch hervorgerufenen Schwingungen eines Pendels zu einer Bewegung oder Triebkraft zu summieren, mittelst deren die Feder einer Taschenuhr aufgezogen werden kann. Nach meinen eigenen Beobachtungen sind sogar nur ungefähr 6800 Stöße, welche durch einstündigen Spaziergang bewirkt werden, nötig, um die Uhr für 24 Stunden, oder, da sie eine längere Feder hat, eine zweistündige Bewegung erforderlich, um sie für 48 Stunden aufzuziehen.

Taschenuhr

Die Konstruktion des Uhrwerks selbst bleibt von der Neuerung ganz unberührt und kann der Aufzieh­apparat demnach auf Zylinder- und Ankeruhren oder andere Konstruktionen angewendet werden. Der Apparat funktioniert in der Art der bekannten Schrittmesser, nur wird das Schaltwerk nicht zum Registrieren der Schwingungen des Gewichts bzw. der Schritte benützt, sondern dazu, um mittelst entsprechender Übersetzung den Federstift A der Uhr umzudrehen und so die Feder auf­zuwinden. Die Schwingungen des Gewichtes G entstehen durch die unvermeidlichen Stöße, welche die Taschenuhr beim Gebrauch durch den Körper des Trägers empfängt, also beim Gehen, Reiten, Fahren und anderen Bewegungen. Die Übersetzungs- und Konstruktionseinzelheiten sind so gewählt, dass den faktischen Verhältnissen möglichst Rechnung getragen und die tägliche Bewegung des Durchschnittsmenschen ihnen zu Grunde gelegt ist. Ein wesentlicher Punkt der Konstruktion ist die Wahl von sehr dünnen Federchen, a und b, für die Sperrklauen, deren Dimension zu der beabsichtigten Wirkung vollständig genügt, die aber bei stärkerem Widerstand, also bei vollständig aufgewundener Feder, durch Biegung ausweichen, so dass ein zu starkes Anziehen der Feder nicht erfolgen kann. Das Stellen der Zeiger erfolgt durch Drehen des gerippten Scheibchens B mittelst der eingelegten Fingerspitze.

Es liegen mir Zeugnisse von bewährten Uhrtechnikern über den neuen, immer gehenden Zeitmesser vor, welche ich nach meinen eigenen Erfahrungen nur bestätigen kann. Wir wollen daher einige Beobachtungen derselben vorführen. Ingenieur Karl Kohn, ein alter Uhrmacher, welcher seit 65 Jahren in diesem Fach tätig ist, in Uhrkunstwerken Erfahrungen gesammelt und infolgedessen auch die alten Selbst­aufzieh­werke in Händen gehabt und seinerzeit rekonstruiert hat, versichert, nachdem er eine Perpetuale mit vorgefasster ungünstiger Meinung kritisch untersucht, selbst repassiert und während längerer Zeit genau beobachtet hat, dass das Tragen der Uhr während des Gehens in der Dauer einer Minute einen Aufzug von 36 Minuten ergebe. Die kleinsten Schwankungen der vertikal getragenen Uhr dienen zu einer Schaltung beim Aufzieh­rad. Bei großen Schwankungen aber werden zugleich mit einem Stoß mehrere Zähne des Rades geschaltet. Die Feder, welche sieben Windungen hat (gegen die fünf Windungen der gewöhnlichen Taschenuhren), geht während einer ganzen Nacht von 12 Stunden nur um 1½, d. h. auf 5½ Windungen herab. - R E K L A M E - Jules Verne: Ein Drama in den Lüften Sie ist dann durch einstündige Bewegung wieder vollständig aufgezogen. Wenn man nun darauf sieht, dass die Uhr bei der Ingebrauchnahme sofort durch Schlüssel oder Bewegung ganz aufgezogen wird, so bleibt die Spannung der Feder eine viel gleichmäßigere als bei den gewöhnlichen Taschenuhren und ihre Gangart eine richtigere. Karl Kohn hat sein Exemplar bereits so reguliert, dass es täglich nicht um mehr als 4 Sekunden abweicht. Ein ähnliches Zeugnis stellt der Direktor des Garantiebüros der Uhr­macher­schule zu Biel im Kanton Bern, Brönnimann, der Perpetnale aus. Bekanntlich sind nämlich solche Uhren­zeugnisse von Beobachtungsstellen, wie sie auch z. B. vom Direktor der Sternwarte in Neuenburg für die Chronometer im Jura ausgestellt werden, ein Hauptmittel, um den Ruf der schweizerischen Uhren aufrechtzuerhalten.

Die Vorzüge der Perpetuale bestehen also: 1) in genauerem Gang des Uhrwerks, 2) in der Beseitigung der unangenehmen und nachteiligen Folgen des Vergessens des Aufziehens der Uhr, 3) in der Verhütung des Sprengens der Uhrfeder, 4) in seltenerem Erfordernis des Reinigens, da das Gehäuse fast immer geschlossen bleibt, endlich – last not least – hat die neue Uhr noch 5) einen hygienischen Nutzen, weil sie sowohl den Stubengelehrten wie den Bonvivant täglich daran mahnt, die für seine Gesundheit erforderliche Bewegung zu machen. Denn unterlässt er dies, 6 bleibt seine Uhr stehen und dient zur wiederholten Warnung, lange bevor er Zeit gehabt hat, sich infolge des Mangels an Bewegung eine Leberkrankheit, eine Herzverfettung oder ein anderes gefährliches Leiden heranzuziehen. Wir halten daher dafür, dass die Perpetuale die anderen Taschenuhren allmählich verdrängen wird. Ich selbst wenigstens habe bereits meine kostbare, auf fünfzehn Rubinen laufende Ankeruhr buchstäblich an den Nagel gehängt.

• Auf epilog.de am 6. August 2026 veröffentlicht

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