Handel & IndustrieDruck & Papier

Woher stammen unsere Gratulationskarten?

Daheim • 29.12.1883

Es ist der erste Tag des neuen Jahres. Im behaglich erwärmten Zimmer hat sich die Familie zum Frühstück um den großen Mitteltisch versammelt. Da klingelt es draußen an der Haustür. Auf seinem heute etwas verspäteten Rundgange überbringt der Briefbote mit der eigenen mündlich abgestatteten Neujahrsgratulation, für welche er dankbar ein mehr oder weniger großes Silberstück in Empfang nimmt, eine Zahl von Briefen für alle Mitglieder des Haushalts. Schon die äußere Form des zierlich gefalteten Papiers lässt erkennen, dass man es hier nicht mit jenen ominösen Jahresrechnungen zu tun hat, welche in den nächsten Tagen einlaufen und dem würdigen Familienoberhaupt noch manches Kopfzerbrechen kosten werden. Aus den geöffneten Kuverts entpuppen sich vielmehr in buntem Durcheinander heitere und ernste Glückwünsche für den beginnenden Zeitabschnitt, wie Verwandte, Freunde und Bekannte sie sich neuerdings gegenseitig zuzuschicken lieben. In künstlerischer Ausstattung tragen diese Karten manch neckischen Gruß, manch frohe Erinnerung an vergangene Zeiten, den ernsten Sinnspruch wahrer Freundschaft, den innigen Wunsch unbewusst keimender Liebe in das traute Familiengemach. Da glättet sich die ernste Stirn des Vaters, denn ein launiger Vers spottet seiner kleinen Schwäche für die abendlichen Kartenspiele in harmloser Weise; aus gröberem Material sind die Freundschaftsbeweise gezimmert, welche die heranwachsenden Knaben von den gleichalterigen Mitschülern erhalten; auf Gesundheit der Kinder, feine Wäsche und gutes Porzellan richten sich die Wünsche für die Hausfrau, und während die älteste Tochter, bis an die Haarwurzeln errötend, der zärtlichen Mutter die Karte mit dem schnäbelnden Taubenpaar verstohlen in die Hand drückt, um sie der geschäftigen Neugierde der kleineren Geschwister zu entziehen, machen diese schon Jagd auf die seltenen Marken der Umschläge, welche noch immer selbst innerhalb des geeinigten Deutschlands anzutreffen sind.

Die hübsche Sitte, seine Teilnahme an dem Ergehen nahestehender Personen, seine Wünsche und Grüße durch Übersendung derartiger Karten zu übermitteln, erstreckt sich auch auf andere festliche Gelegenheiten, und zu den Geburtstagen der Familienmitglieder, zu Hochzeiten, Kindtaufen und anderen Feierlichkeiten pflegen solche Zeichen freundlichen Gedenkens dieselbe Freude hervorzurufen, wie beim Jahreswechsel.

Dem Beobachter fällt dabei die große Mannigfaltigkeit auf, welche diese zahlreichen Wunschkarten zur Schau tragen, von denen nur selten zwei sich gleichen. Anderseits berührt bei vielen sowohl die sinnige Anordnung wie die vollendete technische Ausführung auf Papier oder Atlas höchst angenehm.

Woher stammen alle diese geschmackvollen Blätter hat schon mancher Empfänger gefragt und wird erstaunt sein, wenn er erfährt, dass eine ausgedehnte Industrie deren Anfertigung im Großen betreibt.

Zahlreiche, zum Teil sehr bedeutende Etablissements in Berlin, Leipzig und an anderen Orten beschäftigen viele Tausend fleißiger Hände, und ihre umfangreichen Verlagskataloge enthalten in reicher Auswahl nicht nur die beregten Glückwunschkarten, sondern daneben die hübsch in Buntdruck verzierten Tischkarten, welche unser Auge an der gastlichen Tafel des Freundes schon oft erfreut haben, die ähnlich dekorierten Wandkalender, mit künstlerischer Meisterschaft zusammengestellte Alben, Blumenkalender für Damen und manche andere Gegenstände des häuslichen, täglichen Gebrauchs, wie des verfeinerten Luxus in geschmackvoller, dem Auge wohltuender Ausstattung.

Mit freundlicher Bereitwilligkeit hat der Chef der unter der Firma Gebrüder Obpacher in München bestehenden lithographisch-artistischen Anstalt gestattet, unsere Leser mit dem inneren Getriebe derselben bekanntzumachen, und wenn zu der liebenswürdig gestatteten Besichtigung die ausgedehnten Räumlichkeiten gerade dieses Instituts gewählt wurden, so geschah dieses einmal der Bedeutung des Hauses wegen, welches mit seiner Filiale in New York und den Auslieferungslagern in Berlin, Wien, London und Paris einen großen Markt beherrscht. Anderseits dürfte eine Spezialität der Anstalt, welche letztere unter andern mit technischer Meisterschaft behandelten Gegenständen namentlich die farbenschön und in größter Naturwahrheit wiedergegebenen Blumen herstellt und mit ernsten, dem Charakter des christlichen Volkes angepassten Versen und Sprüchen versieht, unsere Leser am meisten anheimeln.

Als Rohstoffe dienen Papier, Atlas und zur Herstellung des eigentlichen Drucks die Steine. Die Steine kommen aus den Brüchen zu Solnhofen in Bayern, welche die lithographischen Anstalten der ganzen Welt damit zu versorgen haben. Auch Papier und Atlas sind vaterländisches Fabrikat. Der eine halbe Million Bogen im Jahr übersteigende Bedarf vom besten Chromopapier wird zum größten Teil aus sächsischen Fabriken bezogen, und Krefeld liefert den weißen kostbaren Seidenstoff. Von diesem werden jährlich etwa zehntausend Meter in einer Breite von rund 60 Zentimeter gebraucht.

Blumengruß

Eine besonders schwierige Aufgabe besteht in der Beschaffung der Originalbilder, nach denen die farbigen oder schwarzen Nachbildungen auf Karten, Kalendern etc. gefertigt werden sollen. Es handelt sich dabei nicht allein um die Gewinnung möglichst künstlerisch vollendeter Vorlagen, sondern auch jährlich um neue eigenartige und anziehende Gegenstände, um der nimmer tastenden Konkurrenz begegnen zu können. Beiläufig sei dabei übrigens bemerkt, dass die großen Häuser dieser Branche sämtlich ganz bestimmte eigene Richtungen in Bezug auf die Wahl der Gegenstände und die Art der Ausführung kultivieren und deshalb nebeneinander auf demselben Markt zu bestehen vermögen. Gebrüder Obpacher, welche viel für Frankreich, England, Amerika arbeiten, erhalten zahlreiche, dem Geschmack jener Absatzgebiete angepasste Vorbilder von dort, während für Deutschland namentlich eine talentvolle Blumenmalerin ihr Talent dem Geschäft zur Verfügung gestellt hat und namhafte Künstler wertvolle weitere Beiträge liefern.

Um die gewählten Vorbilder, von denen wenigstens drei, vier, auch sechs zu einer ›Serie‹ vereinigt werden, dann durch den Druck vervielfältigen zu können, bedarf es einer langwierigen und mühsamen Vorarbeit. Der Lithograph fertigt zunächst eine ›Pause‹, auf welcher die Umrisse der Originalbilder genau wiedergegeben werden, und diese Konturenzeichnung wird dann so oft auf den Stein gebracht, wie das Bild Farben zeigt. Sind auf einem Blumenstück beispielsweise 15 verschiedene Farben vertreten, eine Zahl, die oft überschritten wird und sich nicht selten bis zu mehr als 20 steigert, so bearbeitet der Lithograph unter Zugrundelegung seiner 15 Pausen 15 verschiedene Steine, deren jeder eine einzige Farbe zu drucken bestimmt ist. Die Wiedergabe des Bildes oder bestimmter Stellen desselben auf dem glatt geschliffenen Steine erfolgt mit fettiger Tusche, und die weitere Behandlung des Steins mit schwacher Säure und Gummi geschieht in solcher Art, um die gezeichneten Stellen nicht anzugreifen.

Von jedem der 15 Steine wird ein farbiger Probedruck gemacht, welcher von vornherein die richtige Zeichnung, wie die schöne Wiedergabe kontrolliert. Diese 15 Probedrucke, an deren Rande die sämtlichen verwendeten Farben verzeichnet sind, bilden in ihrer Gesamtheit dann als sogenannte ›Farbenskala‹ die Vorlage für den Drucker.

15 und mehr verschiedene, dabei sehr minuziöse, verkehrte Kopien desselben Vorbilds herzustellen, welche außerdem genau zusammenpassen müssen, erfordert eine wochen- und monatelange anstrengende Arbeit und der Leser kann sich einen Begriff von der Ausdehnung des Geschäfts machen, wenn er vernimmt, dass etwa achtzig Lithographen jahraus, jahrein mit dieser Aufgabe beschäftigt sind. Aus der Dauer dieser Arbeiten ergibt sich die Eigentümlichkeit für einen solchen Geschäftsbetrieb, dass die neuen Gegenstände und Muster bereits 15 bis 18 Monate festgestellt und in Angriff genommen werden müssen, ehe sie auf den Markt gebracht werden. Die Entwürfe für alle die hübschen Sachen, welche den Empfängern zu Weihnachten und Neujahr, der Hauptverkehrssaison für diese Artikel, des Jahres 1884 so viele Freude bereiten, lagern vielleicht schon seit der Mitte des Jahres 1882 im feuersicheren Gewahrsam des Fabrikanten.

Die kleinen Steine des Lithographen kommen in die Druckerei und werden auf große Steine umgedruckt. Jeder dieser großen Steine ist nur eine Farbe zu drucken bestimmt, und deshalb wird natürlich nur ein bestimmtes Blatt der Farbenskala auf ihn übertragen, zur Ausnutzung des Raumes aber werden so viele Blätter verschiedener Bilder und Steine derselben Farben auf ihm zusammengestellt, wie Platz haben, oft acht oder zwölf und noch mehr.

Von den großen Steinen erfolgt nun der eigentliche Druck. 15 geht unser Bild durch die Presse, jeder Abzug zeigt eine Vermehrung und Verschönerung der Farbentöne, bis zuletzt die vollendete Wiedergabe des Originals dem überraschten Auge des Zuschauers entgegentritt. Neben der sorgsamen Farbenreibung und der richtigen Farbenmischung, welche an jeder Presse vorgenommen und von dem prüfenden Auge des Druckmeisters überwacht wird, kommt es hier wesentlich auf die genaue Arbeit der Punktiererinnen an, welche den Bogen nur an zwei gegenüberliegenden Stellen der Querseiten befestigen. Peinlich bei Ausführung des technischen Betriebes ist man doppelt peinlich und strenge bei Abnahme der Bogen, welche unerbittlich zur Makulatur wandern, wo sich nur der geringste Fehler im Druck zeigt. Die Steine würden etwa eine Auflage von zehntausend Exemplaren tadellos abzudrucken imstande sein, doch wird eine solche selten oder nie erreicht, da die Mehrzahl der mit so viel Vorarbeit hier geschaffenen Gegenstände nur für eine Jahressaison bestimmt ist und dann wieder neuem, vollkommenerem Platz macht.

Nach dem Ort der Bestimmung werden die Bogen mit deutschen, englischen, französischen, russischen, holländischen oder schwedischen Texten versehen und kommen dann in die Buchbinderei des Hauses. Hier werden sie geschnitten, sortiert, vergoldet, nach dem technischen Ausdruck ›montiert‹, in Kuverts gesteckt und können dann in alle Winde flattern.

Das heißt, sie flattern nicht so ohne weiteres einzeln an die Schaufenster der Papierhandlungen, sondern kommen, in massive Holzkisten zusammengepresst, zunächst in die Hände der Großhändler in den meisten Ländern der zivilisierten Welt. Auch bei der Verpackung und Aufmachung der Versandstücke wird mit großer Genauigkeit und Sorgfalt verfahren und aus dieser peinlichen Akkuratesse in Bezug auf den ganzen Geschäftsbetrieb erklärt sich wohl zum großen und hervorragenden Teil der bedeutende Aufschwung, den 1867 mit nur zwei Handpressen und fünf Arbeitern ins Leben gerufene Anstalt genommen hat.

Augenblicklich sind nicht weniger wie 14 Schnellpressen und 40 Handpressen in Tätigkeit, welche mit den sechs Hilfsmaschinen durch eine Dampfmaschine von 12 PS getrieben werden. 166 Arbeiter, welche im Verein mit den oben erwähnten Lithographen seit zwei Jahren über eine eigene Krankenkasse verfügen, verteilen sich in den ausgedehnten Arbeitsräumen, und neun Kontoristen sind emsig beschäftigt, die Buchführung und die lebhafte Korrespondenz nach allen Richtungen der Windrose zu erledigen.

Wie das bedeutende Etablissement ursprünglich lediglich als lithographische Anstalt zur Anfertigung von Rechnungsformularen und ähnlichen Arbeiten begründet wurde, so führt dasselbe verständigerweise diese den Zwecken des praktischen Lebens gewidmete Seite des Geschäfts unverändert in großem Maßstab fort. Dabei hat die ausgezeichnete Ausführung des Farbendrucks der Firma einen solchen Ruf eingetragen, dass sie vielfach auch in fremdem, namentlich überseeischem Auftrag arbeitet. Ebenso ist sie in dieser letzteren Eigenschaft schon wiederholt wissenschaftlichen Zwecken dienstbar gewesen und wenn diese Zeilen den Leser erreichen, wird wahrscheinlich gerade das pathologische Werk eines englischen Gelehrten die Presse verlassen haben, dessen farbige Figurentafeln bei Gebrüder Obpacher in München hergestellt worden sind. Nicht ohne Grund hat der britische Verleger die schwierige und kostspielige Arbeit außer Landes gegeben. Es ist geschehen, weil man in England nicht imstande ist, auf diesem Gebiet mit deutscher Geschicklichkeit erfolgreich in die Schranken zu treten. Der lithographische Farbendruck ist ein industrielles Gebiet, auf welchem Deutschland unbestritten dominiert.

• Herrmann Vogt

• Auf epilog.de am 12. Mai 2022 veröffentlicht