Handel & Industrie – Lebensmittelproduktion
Neue Erfindungen und Kulturfortschritte
Weitere Verbesserungen in der Fleischversorgung
Von Max Wirth
Über Land und Meer • Dezember 1878
Wir haben hier den Umschwung beleuchtet, welcher in der internationalen Fleischversorgung seit zwei Jahren durch den Bau von Spezialdampfern mit neuen Kühlvorrichtungen bewirkt worden ist. Seitdem hat nicht bloß die Einfuhr frisch geschlachteten Fleisches aus Nord- und Südamerika bedeutende Fortschritte gemacht, so dass eine einzige Glasgower Firma nicht weniger als achtzehn transatlantische Dampfer ausgerüstet und im letzten Sommer innerhalb dreier Monate allein über acht Millionen Pfund frisch geschlachtetes Fleisch eingeführt hat und eben so viel überhaupt jeden Monat importiert wird, sondern es haben sich auch Aktiengesellschaften gebildet, welche sich ausschließlich mit diesem Handel beschäftigen.
Außer den bereits für den Import aus Amerika tätigen Kompanien hat sich eine Gesellschaft mit einem Kapital von zwei Millionen Mark aufgetan, welche sich die Aufgabe gestellt hat, frisches Fleisch aus Mitteleuropa nach England zu importieren. Diese Unternehmung trifft unter anderem bereits seit einigen Monaten Vorbereitungen zur Errichtung eines besonderen Schlacht- und Kühlhauses in Wien, welches zunächst als Mittelpunkt für die Versendung des aus österreichischem und ungarischem Vieh geschlachteten Fleisches dienen soll. In London sind große Kühlkeller errichtet, welche die längere Aufbewahrung des sowohl aus Amerika über Liverpool, als des vom europäischen Kontinent eingeführten Fleisches ermöglichen. Auf beiden Kontinenten sind bereits Eisenbahnzüge mit den geeigneten Kühlvorrichtungen für den Transport frischen Fleisches versehen worden. Da für diesen Handel Extrazüge verwendet werden können, so braucht das Fleisch sowohl von Chicago bis New York, als von Liverpool und von Wien bis London nicht mehr als zwei bis drei Tage unterwegs zu sein und der Eisenbahntransport erfordert daher keine so sorgfältigen Vorkehrungen wie der Seetransport. Zur Kühlung in den Eisenbahnwagen kann daher ein mitgenommener Eisvorrat vollkommen genügen, solange wenigstens, als sich nicht besondere Missstände herausstellen, welche dann von selbst neue Verbesserungen hervorrufen werden.
Anders verhält es sich dagegen mit den überseeischen Dampfern, welche, je nachdem sie den Import aus Nord- oder aus Südamerika vermitteln, zwei bis vier Wochen unterwegs sein müssen. In dieser Hinsicht sind seit dem zweijährigen Bestehen der neuen Handelstätigkeit Erfahrungen gemacht worden, welche das französische System der Kühlung durch Eismaschinen als das vorzüglichere erscheinen lassen. Bei dem englischen System der Kühlung mittelst Eis, welches in großen viereckigen Blöcken in eine Eiskammer verpackt wird, hat sich ein wesentlicher Missstand herausgestellt. Wie unseren Lesern aus der früheren Beschreibung noch erinnerlich sein wird, streicht bei den englischen Transport-Kühldampfern die Luft, von dem Ventilator getrieben, bevor sie in die Vorratskühlkammern eintritt, durch die Eiskammer. Hier wird dieselbe aber derart mit Feuchtigkeit geschwängert, dass sie das Fleisch in den Kühlkammern mit einer feuchten Schicht überzieht, welche dessen Qualität unter Umständen schädlich wird. Bei trockener Temperatur wird seine Güte zwar nicht beeinträchtigt. Bei anhaltend nassem und nebeligem Wetter hingegen hat das Fleisch zuweilen so an Qualität verloren, dass es in England unverkäuflich geworden ist und dass die Unternehmer daher großen Schaden erlitten. Diese üble Erfahrung hat dieselben veranlasst, ohne Verzug auf Abhilfe zu sinnen, und es ist dem ersten Fleisch-Importhaus zu Glasgow unter Beiziehung eines erfahrenen Ingenieurs gelungen, eine verbesserte Kühlmethode zu erfinden, welche nach den gemachten Proben allen Anforderungen entspricht. Diese neue Einrichtung besteht aus einer neuen Kühlmaschine, bei welcher, obwohl sie eine originale Erfindung ist, doch die Eismaschinen zu Gevatter gestanden haben mögen. Der neuartige Apparat besteht aus einer Dampfmaschine, einer Luftpumpe in Verbindung mit Expansionszylindern und Wasserpumpen. Die Dampfmaschine enthält zwei Zylinder und der ganze übrige Apparat ist doppelt in der Art, dass auch die eine Hälfte in Gang gesetzt werden kann, wenn die andere stillsteht oder den Dienst versagt. Die Kolbenstangen der doppeltwirkenden Luftpumpe, sowie der beiden Expansionszylinder sind mit den Kolbenstangen der Dampfzylinder durch eine gekröpfte Welle in verschiedenen Winkeln derart verkoppelt, dass sie die erforderliche Bewegung erhalten. In Gang gesetzt, arbeitet der Apparat folgendermaßen: Mit Hilfe der Luftpumpen saugt er Luft aus den Fleischkammern. Die Luft wird dann unter einer kleinen Einspritzung von kaltem Wasser mit der Kraft von ungefähr 2 bar zusammengepresst. Unter diesem Druck wird sie in vertikale zylindrische Gefäße gelassen, welche mit durchlöcherten Platten angefüllt sind und in die mittelst der Pumpen eine starke Menge kalten Wassers in Staubform gespritzt wird. Dadurch wird die Luft von dem Rest der Hitze entbunden, welche durch den Druck hervorgebracht war und sie verlässt die Zylinder in einer Temperatur, welche wenig über der des verwendeten kalten Wassers ist. Hierauf wird die Luft in Kupferröhren gelassen, um in einer vielfachen Reihe rings um die Fleischkammer zu zirkulieren. Dabei kühlt sie sich um weitere 5,5° C ab und die Feuchtigkeit, welche sie aufgenommen hatte, wird niedergeschlagen. Noch immer unter Druck wird die Luft hierauf in die Expansionszylinder gelassen, wo sie nebenbei zur Verrichtung einer mechanischen Arbeit benützt wird, indem sie die Kurbeln dreht, mit welchen die Zylinder verbunden sind. Durch ein besonderes Ventil mit Transmission kann die Stärke der Expansion nach Gefallen gerichtet und bis zum Umfang des gewöhnlichen atmosphärischen Druckes herabsgestellt werden. Sobald die Luft den gewünschten Grad von Ausdehnung erlangt hat, wird sie direkt in die Fleischvorratskammer gepumpt, in der Art, dass sie sich vollkommen darin verbreitet und die zu kühlenden Vorräte durchdringt. Der Hauptvorzug dieser neuen Kühlmaschine von Bell und Coleman besteht also in der Methode, die Luft während ihres Durchganges durch alle Teile des Apparates gänzlich aller Feuchtigkeit, sowie sämtlicher fremden Bestandteile zu entbinden, gleichzeitig das Gefrieren der Röhren zu verhüten, so dass, wenn die Luft die Expansionskammer erreicht, kein Reif darin niedergeschlagen ist und dass die völlig ausgedehnte Luft gänzlich rein, kalt und trocken in die Vorratskammer gelangt und so das darin aufgehängte frische Fleisch in den für dessen Erhaltung günstigsten Zustand versetzt. Außerdem wird durch den Apparat im Vergleich zum System der Eiskammern auch bedeutend an Raum gespart, so dass das Schiff eine größere Ladung fassen kann. Die Kühlung selbst aber kann sogar noch besser bewerkstelligt werden als mit der auf Eisvorrat basierten Methode, weil die Temperatur mittelst der Kühlmaschine nach den vorgenommenen Proben in einer Vorratskammer von 440 m³ Raum sogar bis 5° C unter null gehalten werden kann, während bei dem System der Eiskammern auf die Dauer nicht mehr als 2,5° C über null erzielt wird.
Um den Kühlapparat einer durchaus praktischen Probe zu unterziehen, ließen die Patentinhaber einen ihrer transatlantischen Dampfer mit der neuen Maschine ausrüsten und im Monat August während sehr schwülem Wetter eine Anzahl geschlachteter Ochsen und Schafe, samt abgestochenen Fischen und Hühnern, sowie Trauben und anderem leicht der Fäulnis unterworfenem Obst in die Kühlkammer bringen. Nach dem Verlauf von 14 Tagen wurden alle diese Vorräte herausgenommen und in ausgezeichneter Beschaffenheit befunden. Hierauf wurde ein zweiter Versuch am 13. September begonnen und eine noch größere Anzahl frisch geschlachteter Tiere in die Kühlkammer gebracht, wo sie während 26 Tagen gelassen wurden. Während dieser ganzen Zeit wurde die Kühlkammer in einer Temperatur von 2° C gehalten, während sie zugleich um mehrere Grade trockener war als die äußere Atmosphäre. Am Schluss von fast vier Wochen wurden die geschlachteten Tiere in Gegenwart einer großen Anzahl von Sachverständigen herausgenommen und das Fleisch in bestem Zustande befunden. Zur praktischen Schlussprobe wurde der Vorrat zum Verkauf auf den Markt nach London und Glasgow geschickt, zugleich mit einer Ladung Fleisch, welches mit dem Eisprozess aus Amerika angelangt war, und das Resultat war, dass das mit dem neuen Kühlapparat 26 Tage aufbewahrte Fleisch einen Penny per Pfund teurer verkauft wurde als das nur 13 Tage alte amerikanische Fleisch.
Die durch den neuen Kühlapparat bewirkte Sicherung des Schiffstransportes von frisch geschlachtetem Fleisch für einen Zeitraum, welcher Seereisen bis nach Australien ermöglicht, muss auf den Aufschwung dieses Exporthandels einen bedeutenden Impuls ausüben und auf die Ausgleichung der Fleischpreise in ganz Europa einen starken Einfluss äußern. Auch das Unternehmen der für den Import aus Zentraleuropa gebildeten Gesellschaft kann Vorteile aus dem neuen Apparat ziehen, wenn dieselbe sich mit der Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft über den Bau neuer, mit dem Kühlapparat versehener Dampfschiffe verständigt. Denn bei einer solchen Einrichtung braucht nicht das lebende Vieh nach Wien gebracht zu werden, bis wohin es auf dem Transport einen größeren oder geringeren Teil seines Gewichtes verliert, sondern das Zentralschlachthaus kann an der Theiß oder an einem anderen für Schiffe zugänglichen Teil des südöstlichen Donaugebiets, wo Viehreichtum mit billigem Preis zusammenfällt, errichtet und das frisch geschlachtete Fleisch zu Schiff in zu Wien zu errichtende Kühlmagazine gebracht werden, von wo es mit der Eisenbahn nach London geht.
Wir leben eben in einer Zeit der Überraschungen, wo namentlich durch die Fortschritte in den mechanischen Erfindungen Gedanken schnell praktische Gestalt erhalten, welche man sonst für Hirngespinste gehalten hatte.